Die Politik muss handeln

Der lange Weg zu den eigenen vier Wänden

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Ein Eigenheim wird auch im Ostallgäu für viele zunehmend unerschwinglich. Die Gründe dafür sind vielfältig, Abhilfe könnte die Politik schaffen.

Landkreis – Wer gerade begonnen hat, nach dem Studium im Job durchzustarten oder sein privates Glück gefunden hat und eine Familie gründen will, träumt oft vor allem von einem eigenen Haus oder einer Eigentumswohnung.

Doch gerade die klassische Zielgruppe der 25- bis 40-Jährigen können sich immer seltener ein Eigenheim leisten, schlägt das Pestel-Institut in Hannover Alarm. Doch ein Ausweg aus der Krise scheint nur durch entschlossenes Gegensteuern der Politik möglich. Nach Berechnungen des Pestel-Instituts liegt der Kreis Ostallgäu mit einer Wohneigentumsquote von 61 Prozent zwar deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 45 Prozent. Dennoch gebe es noch „Luft nach oben“.

„Insbesondere die 25- bis 40-Jährigen können sich immer seltener eine eigenes Haus oder eine Eigentumswohnung leisten“, so Matthias Günther, Leiter des Pestel-Instituts. Rund 23.600 Menschen dieser Altersgruppe leben dem Institut zufolge im Ostallgäu. „Immer mehr von ihnen sind gezwungen, zur Miete zu wohnen.“ 

Dabei würden gerade die Jobstarter und Familiengründer eigentlich zur klassischen Klientel für Wohnungskauf und Hausbau gehören. Tatsächlich gibt es im Ostallgäu eine starke Nachfrage der jüngeren Generationen nach eigenen vier Wänden. „Die 25- bis 40-Jährigen sind eine Zielgruppe, für die eine eigene Immobilie – nicht zuletzt aufgrund steigender Mieten – ein erstrebenswertes Ziel darstellt“, so Annika Kimmerle, Sprecherin der VR Bank Kaufbeuren-Ostallgäu. 

Die Sparkasse Allgäu hat ähnliche Erfahrungen gemacht – wobei eher die Gruppe der 30- bis 40-Jährigen zu nennen sei, wie Sprecherin Sandra Gessner erläutert. „Gerade als Altersvorsorge spielt die Immobilie eine große Rolle“, so Gessner. „Die Nachfrage der genannten Generation ist aus unserer Sicht nach wie vor sehr hoch“, sagt auch Manuel Burkart von der BSG Allgäu, die in den vergangenen Jahren im Füssener Weidach 34 Reihenhäuser des Typs „Junge Familie“ gebaut hat. 

Sinkende Chancen

Doch die Chancen auf Wohneigentum sind für die genannte Altersgruppe spürbar gesunken. So sei die Eigentumsquote dieser Gruppe in den vergangenen 12 Jahren um fast 18 Prozent zurück gegangen, hat das Pestel-Institut berechnet. Gründe dafür gibt es nach Ansicht des Instituts vor allem zwei. Zum einen führen die Hannoveraner die unsichere berufliche Perspektive vieler an. „Häufig werden gerade jungen Menschen nur Zeitverträge angeboten. Für einen Immobilienkredit wären allerdings unbefristete Jobs notwendig“, erklärt Günther.

Dass nur Arbeitnehmer mit unbefristeten Arbeitsverträgen Immobilienkredite bekommen, scheint so allerdings nicht ganz zu zutreffen. „Auch mit befristetem Arbeitsvertrag kann man einen Immobilienkredit bekommen“, so Annika Kimmerle. „Hier ist allerdings eine weitere Prüfung erforderlich.“ Sandra Gessner von der Sparkasse ergänzt: „Nur weil jemand ein befristetes Arbeitsverhältnis hat, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass er keine Finanzierung bekommt.“ 

Das hänge vielmehr von den Rahmenbedingungen ab. „Zum Beispiel, ob er nach Ablauf des befristeten Arbeitsverhältnisses gute Chancen auf Übernahme oder eine gleichwertige Tätigkeit hat, um auch bis zum Ende der Laufzeit die Kreditraten bedienen zu können“, erläuterte sie. 

Zum anderen fehlt es nach Überzeugung des Pestel-Instituts an der notwendigen staatlichen Unterstützung für Häuslebauer. Mit der Abschaffung der Eigenheimzulage sei die letzte Förderung von Wohneigentum bereits vor elf Jahren gestrichen worden.

Hohe Preise

Nach Ansicht der beiden heimischen Banken gibt es noch einen weiteren gewichtigen Grund, warum der Weg zum Eigenheim mittlerweile so steinig ist – die hohen Preise, verursacht vor allem durch die anhaltende Niedrigzinsphase. „Für Bauherren lockt der historisch niedrige Zins. Immobilien werden sehr stark nachgefragt“, erklärte VR-Bank-Sprecherin Kimmerle. „Der Preis steigt.“

Die VR Bank gehe von einem Anstieg der Immobilienpreise im Kreis Ostallgäu von 20 bis 30 Prozent in den vergangenen zehn bis 12 Jahren aus. In Stadtgebieten könne der Anstieg sogar bei bis zu 50 bis 60 Prozent liegen. Bei der Sparkasse in Kempten heißt es dazu: „Durch die niedrigen Zinsen fehlen auch geeignete Anlagealternativen am Kapitalmarkt. Im Bereich der Vermietung und Verpachtung sind noch vernünftige Renditen zu erwirtschaften“, teilt Sparkassen-Sprecherin Sandra Gessner mit. Dazu komme, dass das südliche Allgäu eine attraktive Zuzugsregion sei. „Erhöhte Nachfrage bei gleichbleibendem Angebot führt zu steigenden Preisen.“ 

Politik in der Pflicht

Das bestätigt auch Manuel Burkart von der BSG Allgäu. In der Stadt Kempten habe sich der Quadratmeterpreis für Eigentumswohnungen in den vergangenen 12 Jahren von 2300 Euro auf 3300 erhöht. „Diese Entwicklung gilt in etwa auch für Reihenhäuser“, so Burkart. Doch was tun gegen diese Misere? Die Initiative „Wohn-Perspektive Eigentum“ – ein Zusammenschluss des Verbands privater Bauherren (VPB), des Bundesverbands Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB) und die Deutsche Gesellschaft für Mauerwerks- und Wohnungsbau (DGfM) – fordert eine Kehrtwende der Politik hin zu mehr staatlicher Förderung von Wohneigentum durch die KfW-Bank und eine langfristige Zinsgarantie. 

Dadurch sollen private Bauherren mehr Sicherheit beim Tilgen ihres Immobilienkredits bekommen. Außerdem sollte die Grunderwerbssteuer auf ein einheitliches Niveau gesenkt werden. Bei den Banken stößt diese Forderung teilweise auf Zustimmung. „Eine langfristige Zinsbindung ist unerlässlich“, so Dieter Hößle, Bereichsleiter Wohnbau und Immobilien bei der VR Bank Kaufbeuren-Ostallgäu eG. „Die niedrigen Zinsen erlauben derzeit höhere Finanzierungssummen. Voraussetzung dabei muss sein, dass die Finanzierungen im besten Fall über den gesamten Zeitraum mit einem festen Zinssatz vereinbart wurden“, erläutert er.

 Neben einer klassischen Zinsfestschreibung könnte in diesem Zusammenhang beispielsweise ein Bausparvertrag sinnvoll sein. Bei der Sparkasse Allgäu wünscht man sich hingegen praxisnähere und kundenorientiertere Wohnimmobilienkreditrichtlinien. Ein weiterer Ansatzpunkt sind laut Immobilienexperte Hößle und Manuel Burkart von der BSG die Grundstückspreise, die in den vergangenen Jahren ebenfalls stark angestiegen seien. „Die hohen Grundstückspreise bedeuten oft schon das Hauptproblem in einer Gesamtfinanzierung“, weiß Hößle. Je nach Lage liege der Quadratmeterpreis bei 150 bis 400 Euro. Vor diesem Hintergrund stelle sich die Frage, ob die Kommunen nicht selbst als Bauträger tätig werden sollten, um die gebauten Wohnungen zu einem Vorzugspreis an Jüngere abzugeben. „Die Gewinnerzielung tritt in den Hintergrund. Wohneigentum für junge Menschen wäre gefördert“, so Hößle.

 In eine ähnliche Richtung gehen die Vorschläge von Manuel Burkart. Er denkt dabei an einen Kinderzuschuss durch die Gemeinde „oder Modelle in der Idee der ehemaligen Eigenheimzulage“.

Matthias Matz

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