»Wir sind stark von den Bikern abhängig«

Motorradfahrverbot: Gastronomie im Tannheimer Tal zieht durchwachsene Bilanz

Verkehrsschild, das eine Straße für besonders laute Motorräder sperrt.
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Kurz nach Ablauf des Motorradfahrverbots im Außerfern ziehen Hoteliers und Gastronomen im Tannheimer Tal eine durchwachsene Bilanz.

Reutte – Die Bevölkerung im Bezirk Reutte klagt bereits seit Jahren über den ständig mehr werdenden Lärm durch Motorräder. Dass es sich dabei nicht bloß um eine gefühlte Zunahme handelt, hat die „Motorradlärmstudie Außerfern 2019“ bestätigt, die die Tiroler Landesregierung in Auftrag gegeben hatte und mit einem Fahrverbot für besonders laute Motorräder in diesem Sommer reagiert. In den kommenden Wochen will die Landesregierung eine erste Bilanz ziehen. Die Gastronomie im Tannheimer Tal hat das bereits getan – und kommt zu einem durchwachsenen Ergebnis.

Wie bereits mehrfach im Kreisboten berichtet, hatte die Tiroler Landesregierung seit 10. Juni ein Fahrverbot für Motorräder mit einem Standgeräusch lauter als 95 dzb für bestimmte Strecken erlassen. Dieses Verbot lief zum 31. Oktober aus. Betroffen war unter anderem auch das Tannheimer Tal. Mit dem Auslaufen des Verbots kann eine Bilanz gezogen werden. Dazu werden in den nächsten Wochen die Anrainer an den betroffenen Strecken telefonisch befragt und die Verkehrszahlen im Vergleich zu den Jahren zuvor verglichen. Aber wie bewerten die heimischen Gastronomiebetriebe, die direkt von dem Fahrverbot betroffen waren, zurückblickend die Maßnahme und was erwarten sie für die kommende Sommersaison?

Katharina, vom Alpengasthof „Zur Post“ in Schattwald, trennt strikt privat von geschäftlich und spricht womöglich für viele im Tal, was die Gastronomie anbelangt. „Privat genieße ich natürlich auch jede freie Minute der Ruhe. Geschäftlich sind wir sehr stark von den Bikern abhängig“, erklärt sie. Die „Post” bietet den übernachtenden Fahrern 19 Zimmer und für ihre „heißen Öfen“ die entsprechenden Garagen an. Fürs leibliche Wohl gibt es eine „Highway Pauschale“ mit vergünstigtem Bier und speziellen Steakplatten für Motorradfahrer. Oft beherberge sie Stammgruppen, die jährlich wiederkommen – dieses Jahr jedoch ihren Aufenthalt zahlreich stornierten. „Zunächst machte uns die Corona-Krise im Frühjahr einen Strich durch die Rechnung, dann ab Juni die Absagen der motorisierten Zweiradfahrer“, stellt die Geschäftsführerin fest. „Dabei kommt es eigentlich nur auf die Fahrweise an. Die Ferrari- und Porschefahrer machen noch viel mehr Lärm, wenn sie ihre Turbomotoren aufheulen lassen!“

Ein Motorradfahrer, der jetzt im Herbst erstmals ins Tannheimer Tal kam, bringt auch noch die Oldtimer-Fahrer ins Spiel: „ Die fahren auch nur, um zu fahren, und nicht um irgendwo anzukommen und verpesten mit ihren alten Kisten und dem bleihaltigen Benzin und den stinkenden Abgasen die gute Bergluft. Dann doch lieber mit einem modernen Motorrad die schöne Bergwelt genießen!“

Ganze Branche in Verruf

Alexandra von der Pension „Bergheim-PS“ bläst ins gleiche Horn: „Meist sind es die Feierabendfahrer aus dem nahen Allgäu oder direkt aus Tirol, die mit ihrer aggressiven, lauten Fahrweise die ganze Branche in Verruf bringen“, weiß sie zu berichten. „Die Urlauber und Übernachtungsgäste fahren eher langsam und zurückhaltend, halten sich an die auf Schildern entlang der betroffenen Strecken zu lesende Initiative ‚Bitte leise fahren’.“ Auf dieses Motto macht Alexandra – Mitinitiatorin der Alpen-Motorradhotels und der Webseite www.dolomiten-bike.com auch auf ihren Karten und Werbeflyern aufmerksam.

Da sie nur neun Zimmer zur Vermietung anbietet, hat sie den offensichtlichen Rückgang der Motorradtouristen im Sommer kaum gespürt – im Gegenteil: wie viele Gastronomen und Hoteliers hatte sie nach dem ersten Corona-Lockdown im Frühjahr so viele Sommer-Beherbergungen wie selten zuvor. Auch sie hat mit ihrem Mann Artur, genau wie die „Post“, „Motorrad Specials“ mit Garage, Schrauber- und Waschecke, Trockenraum, Grillabend und vieles mehr im Angebot Da ihre Pension abseits der Hauptverkehrsstraße liegt, bekomme sie wenig vom Verkehrslärm mit. Die Anwohner der Hauptrouten könne sie aber dennoch sehr gut verstehen, sagt sie.

Vor kurzem sei sie auf der „Reisen und Caravan Messe“ in Erfurt gewesen, wo sie ein ungebrochenes Interesse an Urlaub in den Bergen festgestellt habe. „Es war zwar nur ein Drittel der sonstigen Besucher da, aber das war aufgrund der derzeit angespannten Situation , was das Reisen anbelangt, doch erstaunlich“, ist sie optimistisch für das kommende Jahr.

Eine private Vermieterin aus Schattwald hat nach Auslaufen des Fahrverbots an den ersten noch sonnigen Novembertagen bereits wieder eine Zunahme des Motorradlärms festgestellt. „ Es sieht so aus, als ob es Fahrer gibt, die zeigen wollen: jetzt dürfen wir wieder und das genießen wir“, meinte sie.

Nun bleibt abzuwarten, was die Auswertung der Zahlen und Befragung der Anwohner durch die Regierung ergibt, wie die Gerichte bei eventuellen Klagen entscheiden und wie sich die Motorradzunft künftig verhält, was die Fahrweise anbelangt und natürlich, wie die Motorradhersteller auf die neue Herausforderung reagieren.

hg

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