Der Unmut ist groß

Tannheimer Tal leidet unter der Reisewarnung der Bundesregierung

Die Eingangstür des Hotels Hohenfels
+
Nachdem die deutsche Bundesregierung Tirol zum Corona-Rikikogebiet erkärt und eine Reisewarnung ausgesprochen hat, haben viele Touristen ihren Urlaub in Tirol abgebrochen oder stoniert. Deshalb beendet das Hotel Hohenfels im Tannheimer Tal nun vorzeitig die Saison.

Tannheim – Für großen Unmut unter den Österreichern hat Ende September die Entscheidung der Bundesrepublik Deutschland geführt, zunächst Vorarlberg und wenig später auch Tirol zum Corona-Risikogebiet zu erklären und damit von Reisen in diese Bundesländer abzuraten. Vor allem für das Tannheimer Tal, wo es derzeit keinen einzigen Covid 19-Infizierten gibt, ist das ein schwerer Schlag. Schließlich steht nahezu jeder Arbeitsplatz hier mit der Tourismusbranche in Verbindung.

Die meisten Tiroler, die derzeit am Corona-Virus erkrankt sind, leben in der Landeshauptstadt Innsbruck, die 120 Kilometer und zwei Fahrstunden vom Außerfern entfernt liegt. Im Tannheimer Tal gibt es aktuell dagegen keinen einzigen Corona-Fall. Auch im Bezirk Reutte ist derzeit nur ein Infizierter (Stand: Dienstag, 6. Oktober) bekannt.

Ist dieses Verhalten der deutschen Regierung also nachvollziehbar oder handelt es sich, wie viele Tiroler vermuten, um eine Retourkutsche? „Die Österreicher wollen keine Flüchtlinge aufnehmen, dann brauchen sie auch keine Touristen! Die Österreicher haben uns die Maut vermasselt, dann geben wir Ihnen jetzt die Quittung”, schätzen viele Tiroler die Gesinnung so mancher deutscher Politiker ein. Die Politiker beider Länder treiben offensichtlich einen Keil in die Bevölkerung und tragen ihr machtpolitisches Gehabe auf dem Rücken der Bürger aus – so wird es vielfach gesehen.

Die Reisewarnung der deutschen Bundesregierung hatte auf jeden Fall weitreichende Folgen für das Tannheimer Tal: Hunderte Urlauber ließen alles stehen und liegen und brachen ihren Urlaub ab. Für die Tourismusregion war das ein großer Rückschlag. Schließlich steht nahezu jeder Arbeitsplatz mit der Tourismusbranche in Verbindung. Den Lockdown im Frühjahr hat die Region noch einigermaßen weggesteckt, aber das erneute Herunterfahren – sollten die staatlichen Vorgaben nicht schnell wieder gelockert werden – wird einige Hotels, private Vermieter und Gaststätten wohl schwer treffen.

Geschlossene Grenze für Tiroler

„In Oberjoch ist die Bude voll, fünf Minuten weiter bei uns im Tal herrscht gähnende Leere”, schildert ein privater Vermieter die aktuelle Situation. Bei den großen Hotels schaut die Lage etwas besser aus. Dank ihrer Schweizer Gäste, für die die Reisewarnung nicht gilt, verzeichnen sie noch eine Auslastung von 50 bis 60 Prozent. Für kleinere Hotels und Restaurants, die hauptsächlich deutsche Gäste beherbergen bzw. bewirten und die ihre Lager mit Lebensmitteln gefüllt haben, heißt es jetzt: Einfrieren, verschenken, vernichten, Kurzarbeit anmelden oder Mitarbeiter entlassen.

„Im Bezirk Reutte ist die Corona Ampel auf grün, in München gibt es täglich ca. 100 Neuinfizierte und derzeit rund 1200 Infizierte (Stand 2.10. Quelle: www.muenchen.de). Gilt hier eine Reisewarnung für den Regierungssitz des Herrn Söder? Wir fühlen uns im Stich gelassen von unseren Politikern. Warum gehen unsere Herren Platter und Kurz nicht auf die Barrikaden?“, ist immer wieder im Tannheimer Tal zu hören. In zwei Wochen beginnt zudem die Skisaison in Sölden. Da keiner weiß, wie es weitergeht, seien auch keine Vorausplanungen möglich, wenn solch kurzfristige Entscheidungen gefällt werden.

Doch auch für alle anderen Talbewohner haben die staatlichen Bestimmungen einschneidende Konsequenzen. Für Freizeitaktivitäten, Kulturveranstaltungen oder zum Einkaufen fahren sie eher nach Pfronten, Füssen oder Kempten als nach Innsbruck. Doch stellen sie jetzt ihre Autos auf Parkplätzen deutscher Supermärkte ab, müssen sie mit hohen Bußgeldern rechnen. „Der Balken ist offen, die Grenze jedoch zu – und das im vereinten Europa. Der Deutsche darf zu uns ins Tal – der Tiroler nicht raus“, bringt es eine frustrierte Schattwalderin auf den Punkt. „Wir haben alle Vorgaben erfüllt und jetzt trifft es uns als coronafreie Zone wieder“.

Hoffnung auf Ausnahme

Die Bewohner des Tannheimer Tals hoffen nun, dass die aufgenommen Gespräche zu einer baldigen Rücknahme der Reisewarnung auch für die Tourismusregion Tannheimer Tal führen, nachdem das bereits am 2. Oktober für Jungholz und das Kleinwalsertal geschehen ist. Denn beide Gebiete sind Enklaven. Ihre Bewohner können sie nur über deutsches Staatsgebiet verlassen. Für einige Hotels wird das jedoch zu spät kommen. So hat das „Hohenfels“ in Tannheim in einem Newsletter bereits das vorzeitige Saisonende angekündigt. „Die Auswirkung der Reisewarnung: Es haben fast alle unsere Gäste am Wochenende das Hotel vorzeitig verlassen und sehr viele Gäste haben Ihren gebuchten Oktoberurlaub wegen der Reisewarnung storniert, wofür wir natürlich auch vollstes Verständnis haben”, heißt es darin. „Wir haben uns heute schweren Herzens entschlossen unsere Sommersaison nicht wie geplant bis 1. November fortzusetzen“.

hg

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

+++ Corona-Ticker +++ Warnwert von 50 im Ostallgäu überschritten – Aktuell 220 Infizierte im Landkreis
+++ Corona-Ticker +++ Warnwert von 50 im Ostallgäu überschritten – Aktuell 220 Infizierte im Landkreis
Polizei findet 500 Gramm Cannabis bei Razzia nahe Roßhaupten
Polizei findet 500 Gramm Cannabis bei Razzia nahe Roßhaupten
Corona und Tourismus: „Füssen wird gerade durchstorniert“
Corona und Tourismus: „Füssen wird gerade durchstorniert“
Keine Herberge in der Augsburger Straße in Füssen
Keine Herberge in der Augsburger Straße in Füssen

Kommentare