"Mister Euro" spricht in Nesselwang

Theo Waigel: "Ich möchte nicht tauschen"

Ex-Bundesfinanzminister Dr. Theo Waigel hält die Festrede auf dem Nesselwanger Neujahrsempfang.

Nesselwang – Gastgeber des diesjährigen Neujahrsempfangs im Pfarrheim St. Andreas war am Wochenende der Markt Nesselwang.  Ehrengast und Festredner war der ehemalige CSU-Bundesfinanzminister Dr. Theo Waigel.

In seiner Ansprache lobte Bürgermeister Franz Erhart die Sitzungskultur im Marktgemeinderat, die geprägt sei von gegenseitigem Respekt. „Es werden sich in diesem Jahr in vielen Rathäusern Änderungen ergeben“, verwies er auf die im März anstehenden Kommunal- und Bürgermeisterwahlen. „Die zahllosen Medienberichte über die Schwierigkeiten als Bürgermeister kann ich allerdings nicht mittragen“, so Erhart. 

In Nesselwang seien in den vergangenen Jahren zahlreiche Projekte erfolgreich umgesetzt worden, so sein Fazit. Jüngstes Beispiel sei die Sanierung des Kirchturms mit der Uhr. Der Markt habe den wirtschaftlichen Aufschwung der vergangenen zehn Jahre gut genutzt und umgesetzt. Mehr als 20 Millionen Euro seien investiert und mehrere Millionen Euro an Schulden abgebaut worden. Auch der Tourismus habe seinen Teil dazu beigetragen. „Es ist eine gelungene Entwicklung!“ 

„Nesselwang ist auch ein Stück Heimat für mich. 1950 war ich das erste Mal in Nesselwang“, sagte Festredner Theo Waigel in seiner Ansprache. Mit der Marktgemeinde verbinde er zahlreiche Erinnerungen. Mit politischen Wegbegleitern wie dem verstorbenen Bundespräsidenten Roman Herzog und Altbundespräsidenten Horst Köhler sei er wiederholt in der Marktgemeinde und auf der Alpspitz gewesen. 

„Nesselwang hat auch einen großen Beitrag zur Wiedervereinigung geleistet. Ich war auf der Kappeler Alm, als ich einen Anruf von Kohl gekriegt hab, dass ich sofort nach Bonn kommen muss, da Gorbatschow sofort einen Kredit von fünf Milliarden Mark braucht“, erzählte Waigel. Wenige Monate später sei die Wiedervereinigung der bis dahin getrennten deutschen Staaten beschlossen worden. „Das Geld haben wir übrigens wieder zurück bekommen.“ 

Zahlreiche Geschichten aus dem politischen Leben, aber auch Einblicke ins Private, gewährte Waigel während seiner Festrede. So unter anderem über seinen im letzten Kriegsjahr gefallenen Bruder oder eine Krippe in seinem Heimatort Seeg, die ihm der 2004 verstorbene Palästinenser-Führer Jassir Arafat geschenkt hat. 

Bewegtes Leben

„Mister Euro“ erinnerte an die verschiedenen Epochen seines langen und bewegten Lebens. „Die gute alte Zeit. Es soll mir ja keiner davon reden. Ich möchte nicht zurück“, sagte Waigel. „Die Deutschen sind 2020 zufrieden wie selten. Auch die Ostdeutschen sind zufrieden. Auf einer Skala von eins bis zehn liegen wir bei 7,14!“

In den vergangenen zehn Jahren seien die durchschnittlichen Einkommen um etwa 600 Euro gestiegen. „Wir leben in den besten aller Zeiten. Ich möchte nicht tauschen!“ Er blickte auf die Nachkriegsjahre mit vielen Entbehrungen und Nöten der Bevölkerung zurück. Aber auch auf die beginnende Erholung, die vielen Ende der 50er Jahre einen bescheidenen Wohlstand ermöglichte. Dazu die Wiedervereinigung 1989 und die Einführung des Euro 1999. „Wir haben in den letzten Jahrzehnten viele Herausforderungen bewältigt und gemeistert.“ 

Von 1945 an den Wiederaufbau und die Integration von 12 Millionen Vertriebenen, die aufgenommen wurden. Die Teilung Deutschlands und Berlins und die Wiedervereinigung mit den Kosten von 2,5 Billionen Euro. Deutschland habe große finanzielle Aufgabe bewältigt, „so viele wie keine andere europäische Nation“.

Klare Forderungen

„Aber wir stehen auch vor neuen Herausforderungen. So werden die Klimaveränderungen nur von Dummköpfen oder Agnostikern geleugnet.“ Das Verantwortungsprinzip müsse hier greifen, so die Forderung des ehemaligen bayerischen Spitzenpolitikers. Regional müsse mit einem geringeren Flächenverbrauch, national mit einem Streben nach Klimaneutralität gehandelt werden. „Wir müssen regional, europäisch handeln, aber global denken.“ 

Die Digitalisierung bringe seiner Ansicht nach mehr Vor- als Nachteile. „Es ist eine tolle neue Welt, aber diese braucht auch eine Ordnung.“ Fakenews und Shitstorms in den sozialen Netzwerken dürften nicht ohne Konsequenzen bleiben. 

Waigel nannte noch zahlreiche Herausforderungen, die anstehen und gelöst werden müssten. Beispielsweise der Brexit, „der mit Lügen und Falschmeldungen vorangetrieben wird“, Russland, die Entwicklung von Waffensystemen, die mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit ihre tödlichen Ladungen verteilen, die Türkei mit der derzeit dort herrschenden Willkür und die USA mit ihrem unberechenbaren Präsidenten. „Wegducken löst keine Probleme! Deutschland muss sich den Problem stellen. Freiheit und Menschenwürde muss auch von uns verteidigt werden“, appellierte Waigel.

Die Diplomatie müsse zur Lösung der Konflikte bemüht werden, um eine De-Eskalation zu erreichen. „Europa ist die alternativlose Sisyphusarbeit, vor der jeder deutsche Politiker steht. Europa ist das Beste was wir haben!“ 

Er appellierte aber auch an die Zivilcourage, um die Demokratie zu verteidigen. Die Feinde der Demokratie müssten mit aller Konsequenz angegangen werden. Zum Schluss seiner Rede zitierte er Joseph Bernhart, einen aus Ursberg stammenden Schriftsteller und Theologen: „Es ist wichtig, die Ordnung der Dinge zu erkenne und sich selbst in Ordnung zu bringen.“ 

Werner Haas, der katholische Pfarrer der Pfarreiengemeinschaft Nesselwang-Pfronten, und Jörn Foth, evangelischer Priester der Kirchengemeinde Pfronten-Nesselwang, stellten gemeinsam das neue Jahr mit einem Jubilar im jeweiligen Monat vor. 

Mit dabei waren die Jüdin Anne Frank, die im Februar oder März 1945 im KZ Bergen-Belsen verstarb, der evangelische Geistliche Dietrich Bonhöffer, der im April 1945 im KZ Flossebürg hingerichtet wurde, Charles Dickens, dessen 150. Todestag sich im Juli jährt, Jitzchak Rabin, der im November 1995 ermordet wurde oder der 250. Geburtstag des deutschen Komponisten Ludwig van Beethoven im Dezember. 

Der neue evangelische Pfarrer von Pfronten, Andreas Liedtke, überbrachte den Segen für das neue Jahr.

hoe

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