"Wir sind privilegiert"

Füssens Tierarzt Dean Lawrence berichtet vom Praxisalltag in der Corona-Krise

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Der Füssener Veterinär Dean Lawrence (rechts) behandelt seine Patienten, außer besonders ängstliche Tiere, nun ohne Anwesenheit der Besitzer.

Füssen – Das Coronavirus und die damit verbundenen Folgen erschweren auch in den Tierarztpraxen die Arbeit. Der Füssener Tierarzt Dean Lawrence von der „SmartVet Tierpraxis“ erfuhr, wie die Krise seinen Praxisalltag auf den Kopf stellte.

Dem Kreisbote berichtete er, was sich seit der Allgemeinverfügung für sein Team und ihn verändert hat.

„Wir hangeln uns von Woche zu Woche. Immer mit dem Damoklesschwert, es bekommt vielleicht einer von uns das Virus.“

Aufgrund des Engagements des Bundesverbands praktizierender Tierärzte (bpt), wurden die tätigen Tierärzte und Tiermedizinischen Fachangestellten in Deutschland – im Gegensatz zu den anderen Ländern – als systemrelevant eingestuft. Dennoch brachen die Besucherzahlen in der Kleintierpraxis ein. „In der ersten Woche hatte ich fast Existenzängste“, gab Lawrence zu. Nur sieben Patienten seien in dieser Zeit gekommen. Viele hätten aus Angst Termine abgesagt. Darüber hinaus wurde auch vom bpt nahegelegt, dass einfache, nicht unbedingt notwendige Behandlungen wie zum Beispiel Krallenschneiden, verschoben werden sollten. Normalerweise operiert der Veterinär „fast alles“ in seiner „Kleintierpraxis auf Klinikniveau“. Diejenigen Tiere, die jetzt noch kommen, seien tatsächlich krank, sagte er. Notfälle seien nicht viele darunter.

Es kommen nicht viele

In einer Tierarztpraxis müsse alles getan werden, um die Tierärzte, das Personal sowie die Tierhalter vor einer Infektion mit dem Virus zu schützen. „Wir machen sowieso nur Bestellpraxis, also Terminsprechstunden“, berichtet Lawrence. Trotzdem würden immer noch Menschen ohne Termin vorbeikommen. „Das verstehe ich nicht, habe ich noch nie verstanden. Jetzt verstehe ich es überhaupt nicht, dass man einfach so durch die Gegend fährt und bei einem Tierarzt ohne Termin vor der Tür steht“, sagte der Veterinär. Die Termine werden nun so getaktet, dass zwischen den Patienten genügend Zeit sei, um ein Aufeinandertreffen der Besitzer zu vermeiden. „Was jetzt auch möglich ist, weil einfach nicht so viele kommen.“ So könne auch eine räumliche Trennung strenger eingehalten werden.

Ein Vorteil dabei sei es, dass sie viele Patienten bereits gut kennen und sie somit ohne Beisein der Besitzer behandeln können. In Fällen, bei denen dies nicht möglich ist, „es gibt zum Beispiel sehr ängstliche Hunde“, dürfe der Besitzer unter Umständen ins Behandlungszimmer. „Dann aber nur mit Maske“ und vorgeschriebenen Mindestabstand, betonte der Tiermediziner.

Als systemrelevant eingestuft

„Wir sind privilegiert, da systemrelevant“, dennoch müsse er vermutlich nun auch für seine Mitarbeiterinnen Kurzarbeit anmelden. Allein durch die Wechselschichten haben sie gezwungenermaßen bereits stark verkürzte Arbeitszeiten. Sein Team und sich selbst versucht Lawrence vor unnötigem Kontakt zu bewahren. Grundsätzlich müssen sich die vier Angestellten ihre Hände waschen, wenn sie kommen, berichtete der Veterinär. Außerdem arbeiten sie in wechselnden Schichten. Denn würde eine krank werden, müsse er die Praxis schließen. „Zwei Wochen zu. Das wäre wirklich schlimm“, sagte Lawrence. So bestand er darauf, dass eine Mitarbeiterin, die noch im Risikogebiet Ägypten eine Woche Urlaub verbrachte, sich direkt nach der Rückreise krank schreiben ließ und für zwei Wochen in häusliche Quarantäne begab. Den Tresen im Empfangsbereich und Wartezimmer verstärkte Lawrence mit Cellofan, mit welchem er durchgehen zwei Lagen zog, nur einen Schlitz auslassend, für die Bezahlungen und Übergabe von Medikamenten.

„Ich bin da eher der vorsichtige Planer"

Ein weiteres Problem für viele Kollegen ist die Beschaffung nötiger Medikamente und der Schutzausrüstungen. „Es gibt jetzt fast nichts mehr, dass ist richtig“, sagte der Tierarzt auf Nachfrage unserer Zeitung. Er habe bei einer kürzlichen Bestellung noch einen Liter Handdesinfektionsmittel bekommen – mehr nicht. Bestellungen seien mittlerweile rationiert worden. „Es hieß: ,Jeder nur einen Liter!“, erzählte der Tierarzt. Jedoch sei er gut vorbereitet gewesen. Durch eine Praxiszusammenführung habe er noch acht Liter vorrätig und als die Krise sich „nur annähernd abzeichnete“, habe er bereits genügend Mundschutz und nötige Mittel bestellt. Somit war er bereits auf Engpässe vorbereitet. „Ich bin da eher der vorsichtige Planer und habe gleich dementsprechend reagiert.“

Ein Schockmoment

„Ansonsten läuft es. ,Business as usal‘ sozusagen. Nur eben weniger“, sagte Lawrence. In der Hoffnung, dass sich niemand aus seinem Team infiziere. Einen Schockmoment gab es für ihn und seine Mitarbeiterin bereits. Eine Kundin, die eine der ersten Covid-19 positiv getesteten Personen in Füssen war, hatte die Praxis besucht – noch bevor sie Symptome zeigte. „Die stand da, hat sich noch eine Viertelstunde mit einer Mitarbeiterin unterhalten“, berichtete der Tierarzt.

Trotz der verminderten Behandlungen, verkürzten Sprechstunden und den fehlenden Touristen, welche in Notfällen einen Termin vereinbarten, sei es „kein Weltuntergang“. Lawrence möchte nicht jammern. Die Kleinbetriebe, Künstler und die Hoteliers würden ihm richtig leid tun. Denn seiner Meinung nach werde die Krise noch länger andauern. Er hoffe, dass die Menschen anschließend erst einmal wieder verstärkt und lokal konsumieren. Persönlich freue er sich darauf, wieder einmal zum Friseur gehen zu können.

Selma Höfer

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