»Die Tiere brauchen uns nach wie vor«

Das Tierheim Rieden und die Arche Noah Tierhilfe Seeg haben kaum noch Einnahmen und mehr Arbeit

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Die halbwilden Katzen brauchen die Hilfe der Tierschützer.  Eine ausgewachsene Katze müsste 21 Mäuse am Tag fressen, um satt zu sein.

Rieden/Seeg – Während die meisten Haustiere regelrechte Nutznießer der Coronakrise sind, da ihre Besitzer sehr viel mehr Zeit mit ihrer Pflege und Spielereien verbringen können, müssen die Bewohner der Tierheime momentan zurückstecken. Ehrenamtliche Helfer und Besucher fehlen.

Doch mit ihnen bleiben nicht nur Spaziergänge und Streicheleinheiten aus.

Auch die wirtschaftliche Lage der Heime leidet unter den Auswirkungen der Pandemie. Vermittlungen finden nicht mehr oder eingeschränkt statt, die Tierpensionen bleiben ohne Gäste und die Tierrettung außerhalb der Heime wird mehr und dabei erschwert. „Langsam nimmt das Formen an, die irgendwo nicht mehr tragbar sind, denn die Tiere brauchen uns nach wie vor“, so Gisela Egner, Leiterin der Arche Noah Tierhilfe Seeg.

Katzensenioren benötigen generell Spezialfutter und besondere Zuwendungen.

Die Situation bei der Arche Noah Tierhilfe ist eine andere, als bei den konventionellen Tierheimen. Denn die Schützlinge leben in den privaten Räumen der Mitarbeiter. Zwingerhaltung gibt es in der Arche nicht. Bei Elisabeth Bähner in Bidingen leben bis zu zehn Hunde. Die Katzen leben in Seeg. Bei Brigitte Schröter, 2. Vorsitzender der Tierhilfe, haben zur Zeit 16 Katzen eine Herberge gefunden. Bei Egner, sind ungefähr zehn Katzen teils mit Freigang zu Hause. Bei ihr leben die Tiere, welche nicht mehr vermittelbar sind. Diese Form der Unterbringung bedeutet, dass die Arche Noah Tierhilfe keine Angestellten hat. Bähner, Schröter und Egner müssen sich auch unabhängig von der Krise und den daraus resultierenden Einschränkungen, täglich um das Wohl der Tiere sorgen. Mit anderen Menschen kommen die drei Tierhelferinnen nicht in Kontakt. Sollte jedoch eine der Frauen erkranken oder aus anderen Gründen ausfallen, bekommt die Arche ein großes Problem, denn in einem solchen Falle wird die Versorgung der Tiere kritisch.

Wetter spielte mit

Da die Vermittlung der Tiere schon immer nach vorheriger telefonischer Terminabsprache ablief, entschieden sich die Vorsitzenden, die Vermittlungen nicht einzustellen. Denn, so berichtete Egner, es konnten gerade in der jetzigen Zeit einige Katzen vermittelt werden. „Weil die Leute nun viel Zeit haben und sich ein Haustier wünschen“, erklärte die Leiterin. Bei Interessenten für Katzen dürfe nur eine Person in die Räume um den Mindestabstand einzuhalten und es müsse dabei Mundschutz getragen werden. „Wir haben uns umorganisiert, so dass für einen Besuch bei Hunden alles im Freien abläuft und der Mindestabstand gut eingehalten werden kann.“ Das Wetter spielte dieser Form von Vermittlungen gut mit. Sollte es sich ändern, müsse umgeplant werden oder auf einen anderen Termin vertröstet.

Die finanziellen Einbußen seien in der Vermittlung demnach nicht groß zu spüren. Deutlicher sind jedoch bereits die finanziellen Ausfälle bei den Pensionstieren, berichtete Egner. Bis zu den Pfingstferien wurden alle Termine abgesagt. Da sie auch keinerlei finanzielle Aufwendungen von den Gemeinden für Fundtiere erhalten, lebe die Arche auch von den Einnahmen der Flohmarktläden in Pfronten und Kaufbeuren. Der komplette Erlös davon kommt den Tieren zu Gute. Diese sind nun aber nur geschlossen, auch müsse einer der beiden Läden umziehen. Die Leiterin der Arche sei gezwungen fristgerecht „300 Kisten und Kartons“ von A nach B transportiert zu bekommen. „Keiner weiß, wie es weiter geht. Die Kosten für Tierarzt und Futter fallen natürlich trotzdem an und es wird schon recht schwierig, das alles ohne größere Einnahmen und Sponsoren zu bewältigen“, so Egner.

Frisst nur PutenschnitzelWenn Brilli ihr Putenschnitzel bekommt möchten auch die anderen Katzen einen Happen davon haben.

Wenn Brilli ihr Putenschnitzel bekommt möchten auch die anderen Katzen einen Happen davon haben.

Je nach Gesundheitszustand und Alter der Tiere müsse unter Umständen auch spezielles Futter gewählt werden. So gibt es eine gerettete Katze namens „Brilli“, die außer Putenschnitzel jegliches Futter verweigert. Trotz größter Bemühungen hungere die Katzendame lieber, als andere Nahrung zu sich zu nehmen, berichtete sie. Tierarztbesuche gehören ebenfalls zur Grundversorgung. Zusätzlich organisiert Schröter Kastrationsaktionen. „Jetzt im März wurden bereits 38 Katzen auf Kosten der Arche eingefangen, kastriert, bei uns kurzfristig beherbergt und wieder auf den Platz gebracht“, erklärte die Leiterin der Arche. Katzen, die auf umliegenden Höfen halbwild leben, von der Tierrettung zugefüttert werden müssen und sich ohne diese Aktionen noch stärker als bereits vermehren würden. Denn um die Belange der Streuner, so berichtete Egner, kümmern sich die Hofbesitzer nur in sehr wenigen Fällen. „Sie sind verwahrlost und ausgemergelt.“ Eine ausgewachsene Katze müsste 21 Mäuse am Tag fressen, um satt zu sein, erläuterte die Tierschützerin.

Hilfe für FundtiereRiedens Tierheimleiterin Andrea Flügel hat momentan 35 Katzen in ihrer Obhut. Zehn davon sind Senioren.

Riedens Tierheimleiterin Andrea Flügel hat momentan 35 Katzen in ihrer Obhut. Zehn davon sind Senioren.

Im Tierheim Rieden fehlt bereits seit über einem Jahr ein Mitarbeiter. Nun musste die Suche nicht nur eingestellt werden, auch dürfen die ehrenamtlichen Helfer die 35 Katzen, drei Hunde und vier Kaninchen sowie wöchentlich aufgenommene Fundtiere nicht mehr besuchen. Tierheimleiterin Andrea Flügel berichtete auf Nachfrage unserer Zeitung von „schweren Zeiten“. Seit drei Wochen habe sie durch die Allgemeinverfügungen keinerlei Einnahmen, aber die laufenden und jahreszeitbedingt sogar zusätzliche Kosten. Denn neben den Tieren im Heim versorge sie mit ihrer Mitarbeiterin noch halbwilde Katzen auf umliegenden Höfen mit Futter. Auf Grund des Corona-Virus seien zwar keine Tiere abgegeben worden, jedoch sind es gerade diese halbwilden Katzen, die sich unkontrolliert vermehren und im Moment, erneut trächtig, die Jungtiere des vergangenen Wurfs verstoßen. „Die sind zum Teil krank und laufen herum und werden uns jetzt alle gebracht“, sagte Flügel. „Die müssen dann entfloht werden, entwurmt werden, kastriert werden, geimpft werden, geschippt werden.“ Und günstigerweise vermittelt.

Keine EinnahmenAuch die Kaninchen brauchen Futter, Zuwendung und Pflege. Andrea Flügel kümmert sich darum.

Auch die Kaninchen brauchen Futter, Zuwendung und Pflege. Andrea Flügel kümmert sich darum.

Ihre einzige Mitarbeiterin komme nun, wenn Flügel mal frei machen muss. „Weil irgendwann fällt man so ja tot um.“ Da sie im Tierheimgebäude wohnt, könne ein Kontakt, mit nötigem Abstand jedoch, nicht vermieden werden. Flügel sehe die nötige Schließung und Umstrukturierung in der Tierversorgung ein. „Wenn einer von uns krank werden würde, dann wäre Chaos“, sagte sie. Hygiene wird grundsätzlich groß geschrieben. Täglich müssen die Räume geputzt und desinfiziert werden. „Das ist ja Vorschrift vom Veterinäramt“, erklärte die Tierheimleiterin. Weshalb glücklicherweise ein Vorrat an Desinfektionsmittel und Handschuhen vorhanden ist. Die Arbeit wurde für die beiden Frauen jedoch deutlich mehr und die Probleme häufen sich. Da keine Pensionstiere die Ferien im Tierheim verbringen fehlen Einnahmen von 1200 bis 1300 Euro an Ostern und Pfingsten. Bis nach Pfingsten haben bereits alle abgesagt, sagte Flügel. Ob das Sommerfest veranstaltet werden kann, stehe ebenfalls in den Sternen. Außerordentliche Hilfen seien auch nicht in Aussicht. Somit ist das Tierheim auf Spenden, auch Futterspenden, gänzlich angewiesen, so Flügel. Da gäbe es jedoch eine positive Nachricht. Denn noch nie zuvor habe es so viele und vor allem qualitativ hochwertige Katzenfutterspenden gegeben. „Ich bin unglaublich dankbar“, sagte Flügel. Besonders da zwei der Tiere stolze 19 Jahre und mehrere über 15 Jahre alt sind, zwei davon taub und zwei weitere krank. Katzensenioren benötigen generell Spezialfutter und besondere Zuwendungen.

Wesentlicher Faktor: Vereinsmitgliedschaften

So großartig die Spendenbereitschaft sei, sie ersetze jedoch nicht die rückläufigen Mitgliederzahlen des Tierschutzvereins. Dabei koste eine Mitgliedschaft nur 20 Euro im Jahr und der Erlös diene zu 100 Prozent den Tieren. Ein Beitrag der viel hilft, so Flügel. „Mitgliedsbeiträge sind ein wesentlicher Faktor unserer Finanzierung“, sagte sie. Darüber hinaus biete die Mitgliedschaft auch die Möglichkeit im Verein und bei den Tierschutz-Aufgaben mitzuwirken. Jederzeit kann online unter www.tierheim-rieden.de/mitgliedschaft ein Antrag heruntergeladen und eingesendet werden. Dies gilt für die Arche Noah Tierhilfe ebenso. Unter www.archenoah-tierhilfe.de kann jeder Mitglied oder Tierpate werden.

Selma Höfer

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