Die versunkene Heimat

Wanderung durch den Forggensee: Historiker erzählt über das Leben und den Aufstau vor über 60 Jahren

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Eine Tour durch den abgelassenen Forggensee ist schlicht und ergreifend ein echtes und beeindruckendes Erlebnis.
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Eine Tour durch den abgelassenen Forggensee ist schlicht und ergreifend ein echtes und beeindruckendes Erlebnis.
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Eine Tour durch den abgelassenen Forggensee ist schlicht und ergreifend ein echtes und beeindruckendes Erlebnis.

Schwangau – Holzdielen, die Überreste eines Kachelofens und alte Baumstümpfe: Spuren des alltäglichen Lebens vor über 60 Jahren haben jetzt die Teilnehmer einer Wanderung durch den Forggensee mit Magnus Peresson entdeckt.

Was sonst nur im Winter möglich ist, kann wegen der derzeitigen Sanierung des Staudamms bei Roßhaupten heuer auch im Sommer erlebt werden: Ein Spaziergang über die fast 60 Quadratkilometer große Ebene, wo sich sonst Deutschlands größter Stausee erstreckt. Und wo 1950 noch Menschen ihre Felder bestellten, Wild jagten und ihre Kinder großzogen. 

Risse ziehen sich durch den sandigen Boden, nur unterbrochen von so manchem Grün: kleine Weiden, Ahorne und Wacholder-Büsche schlagen derzeit ihre Wurzeln in den trockenen Boden des Forggensees. „Was Sie heute erleben, ist vielleicht auch schon vor 10.000 Jahren passiert“, erklärte Peresson, Architekt und Vorsitzender des historischen Vereins Alt Füssen, seinen Gästen, die er kurz zuvor zur „Wüstenwanderung“ begrüßt hatte. 

Pionierpflanzen erobern die Ebene, um neuen Boden und damit Lebensraum für andere Pflanzen zu schaffen. Das Gleiche sei nach dem Rückgang der Gletscher passiert, so der Historiker. Diese formten vor tausenden von Jahren die gesamte Landschaft, darunter auch die zehn Kilometer lange Ebene zu Füßen von Tegelberg und Säuling, die der Lech durchzieht – und die einzigartig im Alpenvorland sei, erklärte Peresson. 

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts kam die Idee auf, hier einen Staudamm für die Stromgewinnung anzulegen. Die Firma Siemens sicherte sich damals schon Schlüsselgrundstücke bei Roßhaupten, so der Historiker. Doch dann kamen der Erste Weltkrieg, die Weltwirtschaftskrise und schließlich der Zweite Weltkrieg dazwischen. 

Mit dem Neustart 1945 wurden auch die Pläne für den Staudamm aus der Versenkung geholt. Um die Wirtschaft anzukurbeln, brauchte Bayern schließlich viel Strom für die Herstellung von Aluminium und die Elektrifizierung der Eisenbahntrassen, informierte Peresson. Zudem war der Freistaat durch den Eisernen Vorhang von seiner Hauptstromquelle, den Thüringischen Wasserkraftwerken, getrennt. 

Auf die Menschen, die in dem betroffenen Gebiet lebten, wurde dabei keine Rücksicht genommen. Neben den wenigen großen Bauern in Forggen, Deutenhausen und Brunnen gab es viele Klein- und Kleinstbauern, deren Wiesen oft weit verstreut lagen. Doch sie reichten aus, um im Nebenerwerb eine kleine Bauernschaft zu betreiben, meist mit zwei Kühen und einem Schwein. Druck und Lügen „Die Leute sind genötigt und belogen worden“, um ihre Grundstücke für das Staudammprojekt herzugeben, so Peresson. 

Die Bayerische Wasserkraftwerk AG (BAWAG) hatte dabei den Freistaat Bayern im Rücken. Und so kurz nach der Nazi-Herrschaft wussten die Bauern nicht, welche Rechte ihnen in einer Demokratie zustehen. „Keiner ist freiwillig gegangen“, erklärte Peresson. 

So wollte sich beispielsweise der Besitzer des Ausflugslokals „Waldruh“, der Bauer Engelbert Lochbihler, nicht mit der Vernichtung seines Zuhauses abfinden – und beschloss, zusammen mit seinem Haus unterzugehen. Das Landratsamt machte ihm aber einen Strich durch die Rechnung. Als das Wasser bereits die „Waldruh“ umschloss, ließ es das Haus stürmen und Lochbihler retten. „Der Rechtsstreit zwischen der Familie Lochbihler und des Freistaats Bayern ist noch nicht abgeschlossen“, fügte Peresson hinzu, der dank seines umfangreichen Wissens zahlreiche Geschichten und Anekdoten über die Bewohnern in Forggen und Deutenhausen zu berichten wusste. 

Seelische Wunden

Auch wenn die BAWAG die Betroffenen entschädigte, heilte das nicht die seelische Wunden, die so mancher durch den Verlust der Heimat davontrug. So sei ein Bewohner Jahre später in Memmingen am gebrochenen Herzen gestorben, sagte Peresson. Ein anderer konnte danach nicht einmal das Schiff der Forggenseeschifffahrt betreten, weil er dann über sein ehemaliges Familienhaus geschippert wäre. 

Obwohl die 50 bewohnten Gebäude, darunter 16 Bauernhöfe mit 800 Hektar Nutzfläche, vor dem Aufstau abgebrochen wurden, sind ihre Fundamente heute noch zu sehen. So kam die Gruppe am Tonnengewölbe der Forggenmühle vorbei, wo der Müller einst seine gewilderten Hirsche unterm Mühlrad versteckt haben soll. 

Wenige Schritte weiter, sind die Überreste dreier großer Höfe zu sehen. Neben den Holzdielen und den Abdrücken des Fliesenbodens sind noch die glasierten Scherben des ehemaligen Kachelofens zu finden. „Sie stehen jetzt in der Stube.“, erklärte Peresson. Daneben ist die mit Lechsteinen gepflasterte Auffahrt zur Tenne zu sehen und nur wenige Schritte entfernt die Überreste eines alten Birnenbaums. Dort hing einst die Schaukel eines kleinen Mädchens, die ihr Opa dort für sie aufgehängt hatte. 

Unerklärliche Dinge

In Forggen hielt sich auch lange eine alte Sage, erklärte Peresson. Darin soll einst ein Mann den Zugang zu einem versunkenen Dorf samt kostbar ausgestatteter Kirche entdeckt haben. Als er zurückkehrte waren statt weniger Minuten viele Jahre vergangen. Damit wollten sich die Menschen wohl einige unerklärliche Dinge erklären. Denn ganz in der Nähe befinden sich die Überreste einer römischen Villa, die 1977 Archäologen zum Teil ausgegraben hatten. 

Da die Bauern aus Forggen beim Mähen immer wieder Dachziegel und Fensterglas fanden – Dinge, die sie sich selbst nicht leisten konnten – gingen sie davon aus, dass sich ein riesiges Haus wohlhabender Leute unter ihren Füßen im Boden befinden müsse – eben ein versunkenes Dorf. Auch heute noch können hier Wanderer mit etwas Glück antike Perlen finden, die die Römer ihren Verstorbenen mit ins Grab gegeben hatten. 

Während der Führung wurde auch ein Mädchen fündig. Sie entdeckte eine bemalte Tonscherbe. Die gehörte wohl zu einem Topf, in der ein Bauer seine Mahlzeit mit aufs Feld genommen hatte, vermutete Peresson – und wird wohl an die hundert Jahre alt sein.

„Wir hätten noch zwei Stunden zuhören können“, meinte ein Teilnehmer am Ende der Führung. Eine andere Frau aus Buchloe freute sich, dass es „jetzt funktioniert hat.“ Die vier Führungen davor seien bereits alle ausgebucht gewesen, erklärte die Frau.

Weitere Infos zu der Veranstaltungsreihe "Wanderung in eine versunkene Welt" gibt es unter www.schwangau.de.

 Katharina Knoll

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