Eine junge Kapelle mit langer Geschichte

Verein im Porträt: Die Musikkapelle Rückholz besteht seit fast 150 Jahren

+
Ein Foto der Musikkapelle Rückholz um das Jahr 1950. Damals setzte sich die Blaskapelle nur aus Männern zusammen.

Rückholz – Nicht einmal 900 Einwohner, dafür aber eine Musikkapelle mit 42 aktiven Musikanten: Bereits Ende des 19. Jahrhunderts formierte sich in Rückholz eine Blaskapelle. Die Gründung des Vereins liegt nun fast 150 Jahre zurück. Grund genug, den Verein etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

Den ersten Meilenstein erreichte die Kapelle 1972: Die Verleihung der Pro-Musica-Plakette zum 100-jährigen Bestehen. 26 Jahre zuvor, im Jahr 1946, hatte ein Rückholzer Urgestein den Taktstock übernommen, Ehrendirigent Beni Möst. Noch heute mit weit über 90 Jahren dirigiert er beim alljährlichen Konzert im Dezember den Ehrenmarsch. Für 70 Jahre Treue und Verdienste um die Blasmusik hatte er 2016 die Anstecknadel in Diamant am weißblauen Bande erhalten. Damit ist er der älteste noch aktive Dirigent im Allgäu-Schwäbischen Musikbund (kurz ASM). Er ist aber auch für alle Jungmusikanten ein Vorbild. Schließlich ist und war Möst immer mit vollem Einsatz bei der Sache und eine wichtige Stütze der Kapelle. Nicht zuletzt bei der Ausrichtung der jährlichen Jahreshauptversammlung, die noch heute in seinem Gasthof stattfindet. 

Aber nicht nur Möst spielt in der Geschichte der Musikkapelle eine große Rolle. Zusammen mit Karl Lipp und Albert Barnsteiner ist er einer der drei Ehrenmitglieder. Diese haben zusammengerechnet mehr Musikerjahre auf dem Buckel als der Verein alt ist. Im Laufe der vergangenen 20 Jahre entwickelten sich die Bockbierabende der Kapelle zu einer wahren Institution. Kamen anfangs ca. 150 Zuschauer an einem Abend zusammen, feiern heutzutage knapp 1000 Besucher aufgeteilt auf fünf Abende zusammen mit den Musikanten. 

Kapelle erweitert Repertoire

Mit ein Grund für diese Wandlung ist der Dirigentenwechsel im Jahre 2013. Georg Miller übernahm und hauchte der Kapelle neues Leben ein. Mit „neuem Schwung“ starteten die Musiker durch. Miller gelang es, durch seine authentische Art und seine Expertise das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Unter seiner Führung dehnte sich das Repertoire der Kapelle deutlich aus. Seien es Ouvertüren für das Konzert oder moderne Stimmungslieder für die Bockbierabende. Aber am liebsten geht der gebürtige Augsburger zurück zu den Wurzeln: Traditionelle böhmische und mährische Blasmusik. 

Miller ist in Rückholz allerdings nicht nur als Kapellmeister tätig sondern auch für die Ausbildung des Nachwuchses verantwortlich. Als gelernter Posaunist lehrt er den Umgang mit diesem Instrument besonders gern, unterrichtet aber auch alle anderen Blechblasinstrumente. Die Musikschule Arno Hirschka bringt den Nachwuchsmusikanten dagegen das Spiel auf den Holzblasinstrumenten und mit dem Schlagwerk bei. Die Corona-Pandemie mit den entsprechenden Hygiene-Auflagen stellt die Lehrer heuer zwar vor Herausforderungen, diese sind aber nicht unüberwindbar. Mit Trennscheibe und regelmäßigen Lüftungspausen können die Stunden mittlerweile wieder stattfinden. 

14 Jungmusikanten befinden sich derzeit in der Ausbildung. Sie werden in den kommenden Jahren an die Stammkapelle herangeführt und sollen diese auf lange Sicht personell unterstützen. Mit derzeit 42 aktiven Musikanten ist die MK Rückholz gut aufgestellt, vor allem in einem Dorf, das nicht einmal 900 Einwohner zählt. Der aktuelle Mitgliederstand fußt auf einer hervorragenden Jugendarbeit, die 2010 mit der Wahl von Martin Fichtl als Ersten Vorsitzenden begann. Fichtl sorgte dafür, dass die Musikkapelle jährlich nach Nachwuchs Ausschau hält und einen Probetag organisiert, bei dem interessierte Kinder nach Lust und Laune die Instrumente der Stammkapelle unter Beschlag nehmen können. 

Einer der jüngsten Kapellen im ASM 

Diese Arbeit lohnte sich: Mittlerweile liegt der Altersdurchschnitt der Besetzung bei etwa 24 Jahren und ist somit einer der jüngsten im ASM. Um die Kleinen an das Spielen in einer Gruppe zu gewöhnen, hat sich die Musikkapelle Rückholz mit der Harmoniemusik Nesselwang zusammengeschlossen. Seit einigen Jahren spielen die Instrumentenneulinge beider Dörfer im sogenannten Schülerblasorchester (SBO) und später bei den „NesselHolzer Jungmusikanten” zusammen. Im SBO unter Leitung von Herbert Wiedemann lernt die Jugend das gemeinsame Musizieren. Gleichzeitig bekommen sie vermittelt, dass es beim Spielen nicht nur um das Aneinanderreihen richtiger Töne geht, sondern vor allem um das Aufeinander hören. Nach etwa zwei Jahren rücken sie dann zu den „NesselHolzern” auf. Die Gruppierung leiten derzeit Fabian Schnalke und Gabriel Maget. Die beiden gebürtigen Nesselwanger durchliefen selbst während ihrer musikalischen Ausbildung den Weg durch die beiden Jugendgruppen. 

„Wir sind stolz darauf, dass wir so viele Kinder und Jugendliche für die Blasmusik begeistern können“, sagt Fichtl. „Wir haben uns der Tradition verschrieben und freuen uns sehr darüber, diese auch in die nächsten Generationen weitertragen zu können“. 

"Challenges" und "Online-Proben"

Aktuell hat die Musikkapelle aber mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Denn die Corona-Krise ging auch an den Vereinen nicht spurlos vorbei: Monatelanges Probeverbot, abgesagte Auftritte und rückläufige Mitgliedszahlen waren die Folge. Die Musikkapelle Rückholz nahm die Pandemie von Anfang an sehr ernst. Deshalb entschied sie sich im März dazu, drei der fünf Bockbierabende abzusagen, obwohl es zu der Zeit noch kein Veranstaltungsverbot gab. Dennoch ist sich die Vorstandschaft des Ostallgäuer Vereins sicher, dass es die richtige Entscheidung war. Jetzt steht noch die Entscheidung darüber aus, wie weiter mit den Tickets verfahren werden soll. Der Verein hat zwar schon eine Lösung parat, diese muss aber noch die Gemeinde absegnen. 

Aber nicht nur mit den Starkbierfesten hatte die Musikkapelle Pech. Diverse Standkonzerte, Hochzeiten und kirchliche Veranstaltungen fielen ebenfalls ins Wasser. Auch die Fahrt zum befreundeten Schützenverein nach Drüpplingsen (nahe Dortmund), die in den Pfingstferien hätte stattfinden sollen, war nicht möglich. Die Musikanten verschoben sie deshalb um ein Jahr. 

Während der Zwangspause versuchte der Verein mit aller Kraft den Zusammenhalt in den eigenen Reihen zu wahren. So nahmen die Rückholzer Musikanten an verschiedenen Foto- und Videochallenges teil und hielten „Online-Proben“ ab, die zwar nicht zum Üben gedacht waren, sehr wohl allerdings zum gegenseitigen Austausch. 

Seit einigen Wochen kehrt bei der Kapelle mehr und mehr Normalität ein. Die Proben dürfen unter strengen Auflagen wieder stattfinden. 

Vorbereitungen zur 150-Jahr-Feier laufen 

Daneben ist die junge Truppe derzeit dabei, sich auf ein ganz besonderes Jubiläum vorzubereiten: Den 150. Geburtstag ihrer Musikkapelle. Das will sie mit einem Musikfest im Juli 2022 begehen. Die MK Rückholz will noch nicht zu viel verraten, aber das Grundprogramm steht bereits. Das Ausnahme-Wochenende in der 900-Seelen-Gemeinde startet mit einem Stimmungskarussell mit den Nachbarkapellen am Freitagabend. Für den Samstagabend hat die MK Rückholz zwei bekannte Bands engagiert und freut sich bereits darauf, mit allen Partybegeisterten ordentlich zu feiern. Der Sonntag soll hingegen etwas gediegener beginnen. Mit einem Gottesdienst, einem traditionellen Umzug durchs Dorf und einem gemütlichen Festausklang im Zelt wird sich das Wochenende dem Ende zuneigen. 

Aus organisatorischen Gründen hat die Musikkapelle Anfang des Jahres einen Helferverein unter der Leitung von Thomas Eiterer gegründet. Dieser sucht derzeit nach passiven Mitgliedern. Wer die Musikkapelle Rückholz unterstützen möchte, kann sich an Thomas Eiterer wenden.

Felix Fichtl

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

+++ Corona-Ticker +++ 832 Fälle - derzeit 86 Personen infiziert
+++ Corona-Ticker +++ 832 Fälle - derzeit 86 Personen infiziert
IG Mittersee kritisiert Umbaupläne am Mittersee – Badebetrieb soll 2021 möglich sein
IG Mittersee kritisiert Umbaupläne am Mittersee – Badebetrieb soll 2021 möglich sein
Baurecht fehlt – Umbau des Luitpoldkreisels in Füssen muss warten
Baurecht fehlt – Umbau des Luitpoldkreisels in Füssen muss warten
Schweres Gerät nötig – Sattelzug beim Hergatsrieder Weiher festgefahren
Schweres Gerät nötig – Sattelzug beim Hergatsrieder Weiher festgefahren

Kommentare