"Ich dachte, er macht einen Spaß"

Vermeintlicher Anruf von Bürgermeister Eichstetter bei der Polizei sorgt für Wirbel

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Symbolbild

Füssen – „Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant“, heißt es im Volksmund. Wie schnell man zu einem solchen im Zeitalter von Internet und Sozialer Medien werden kann, musste am vergangenen Dienstag Bürgermeister Maximilian Eichstetter (CSU) erfahren.

Plötzlich stand er im Internet als derjenige am Pranger, der einen Füssener Gastronom bei der Polizei wegen nicht eingehaltener Corona-Maßnahmen verpfiffen haben sollte. Doch dabei war alles ganz anders.

Täglich zur Mittagszeit stellt die Pressestelle des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West Kurzberichte über die aus ihrer Sicht für die Öffentlichkeit relevanten Polizeieinsätze auf ihr für jedermann zugängliches Online-Portal. Meist handelt es sich dabei um Unfälle, Diebstähle, Betrügereien – das Übliche und Alltägliche eben. Am Dienstag zur gewohnten Zeit ploppte jedoch eine nicht ganz unbrisante Kurzmeldung auf. Demnach habe Bürgermeister Eichstetter am Montagabend die Füssener Polizei angerufen und „auf mögliche Verstöße gegen den Mindestabstand in Gaststättenbetrieben in der Füssener Fußgängerzone“ hingewiesen. Tatsächlich wurde ein Streife kurz darauf in einem Lokal fündig: „Am Montagabend konnten Beamte der Füssener Polizei in einem der gut besuchten Lokale deutliche Verstöße gegen den erforderlichen Mindestabstand zwischen den einzelnen Gästegruppen feststellen“, heißt es weiter. „Die Verstöße wurden dokumentiert und zur weiteren Verfolgung an das Landratsamt Ostallgäu weitergeleitet.“ In den Sozialen Medien schlug die Meldung schnell ihre gewohnten Empörungs-Wellen. Ein Bürgermeister, der nichts besseres zu tun hat, als durch seine Stadt zu gehen und Gastronomen bei der Polizei anzuschwärzen? Geht gar nicht, befanden viele.

Es gab keinen Anruf

Zwar korrigierte die Pressestelle die Meldung schnell, doch die Geschichte machte da bereits die Runde. „Mein bester Studienkollege aus Kempten hat mich angerufen, was da los ist“, schildert Eichstetter die Situation. „Und ich dachte im ersten Moment, er macht einen Spaß.“ Denn der Bürgermeister war sich schließlich ganz sicher, dass er am Vorabend nicht bei der Polizei angerufen hat. Dann aber habe er die entsprechenden Posts im Internet gesehen.

Anschließend glühten die Drähte zwischen Rathaus, Polizei und den Redaktionen.

Was folgte, kann getrost unter der Rubrik „Kurioses der Woche“ abgelegt werden: Im Gespräch mit Eichstetter bestätigte Füssens Polizeichef Edmund Martin am Dienstag diesem zunächst, dass er, Eichstetter, am Abend zuvor sehr wohl in der Polizeiinspektion angerufen habe. So sei es von seinen Leuten vermerkt worden.

Doch dann dämmerte es den beiden schließlich: Jemand anderes musste sich am Telefon für den Bürgermeister ausgegeben haben – womöglich in der Hoffnung, so mehr Gehör zu finden. „So sind wir drauf gekommen, dass es gar nicht sein kann, weil ich nicht angerufen hatte...“, erzählt Eichstetter. Er kündigte daraufhin sogar an, Anzeige gegen den unbekannten Doppelgänger zu erstatten und mittels moderer Technik den Anruf zurück verfolgen zu lassen.

Ein Missverständnis

Dass dies nicht nötig sein wird, ergab schließlich am Mittwoch ein Anruf des Kreisbote bei der Polizei. Denn – den besagten Anruf am Montagabend hat es nie gegeben, wie Edmund Martin erklärte. Das Ganze sei wohl ein internes kommunikatives Missverständnis beim Verfassen der Pressemitteilung gewesen. Zwar gebe es einen Auftrag für seine Beamten, bei den Streifen in der Innenstadt auch auf die Einhaltung der Corona-Regeln zu achten – doch dieser sei von grundsätzlicher Natur und nicht Wunsch des Bürgermeisters.

Direkt anschreiben oder ansprechen

Das bestätigt auch der Rathauschef: „Wenn Beschwerden vorliegen, rufe ich, schreibe ich, whatsappe ich die Gastronomen und Hoteliers an und gehe auch vorbei. Wenn es mir zeitlich selbst nicht möglich ist, geht unsere zuständige Mitarbeiterin zu den jeweiligen Gastronomen und klärt es ebenfalls persönlich ab. Hierzu benötigen wir keine Polizei, dass schaffen wir gerade noch selber“, lacht Eichstetter.

Auch wenn sich die ganze Geschichte letztlich in Wohlgefallen aufgelöst hat und der Rathauschef mittlerweile darüber schmunzeln kann, so bleibt doch ein ernster Hintergrund: die volle Füssener Innenstadt in den Zeiten des Corona-Virus. Deshalb appelliert Eichstetter an alle, „weiterhin besonnen zu handeln und die Sicherheitsbestimmungen zu beachten, denn einen erneuten Shutdown oder einen Hotspot können wir uns nicht leisten!“


Matthias Matz

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