Keine eindeutige Entwicklung

Allgäuer Alpen: Steigt die Zahl der Bergtoten?

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Mehr Bergwanderer bedeuten auch mehr Unfälle in den Bergen. Oft rückt dann die ARA Flugrettung aus, um verunglückte Bergsteiger aus unzugänglichem Terrain zu bergen.

Füssen – Der August endete mit sechs Bergtoten allein in den Allgäuer Alpen. In den vergangenen Monaten scheint das Unfallgeschehen beim Bergwandern zuzunehmen und die Anzahl tödlich verunglückter Bergsportler zu steigen. Und das Jahr ist noch nicht zu Ende.

Gerade der Spätsommer und frühe Herbst locken viele Wanderbegeisterte ins Allgäu. Mit dem ersten Schnee beginnt die Saison der Schneeschuhwanderer und Skitourengeher erneut. Doch stürzen tatsächlich mehr Bergsteiger und Kletterer auf ihren Touren in den Tod? Der Kreisbote hat bei der Bergwacht, der Polizei und dem Deutschen Alpenverein (DAV) nachgefragt, um sich ein Bild von diesen Zahlen zu machen. 

Am Tegelberg verunglückten in den vergangenen Wochen zwei Männer tödlich, einer im Klettersteig, einer beim Wandern. Am Burgberger Hörnle bei Sonthofen gab es dieses Frühjahr drei Abstürze mit Todesfolge. Um nur eine Hand voll der Fälle zu nennen, die heuer in die Statistik einfließen. Die Ursachen und Gründe für ein Unglück in den Bergen sind dabei vielfältig. Weshalb also ein Bergsportler zu Tode stürzt „dazu kann man nichts sagen, Untersuchungen machen im Nachhinein auch keinen Sinn“, sagte Peter Haberstock von der Bergwacht Bayern, Regionalgeschäftsführer der Region Allgäu, auf Nachfrage des Kreisbote. „Nach der Bergung fragt sich die Bergwacht nicht, weshalb das passiert ist“, erläuterte er. Es könne beispielsweise sein, dass jemand einen Schwindelanfall erleidet und deshalb stolpert. Ob Unachtsamkeit oder Versehen, es sei grundsätzlich schwer, einen Absturz schlicht als Sturz einzuordnen. 

Nicht nur Gipfelkreuze stehen auf den Bergen. Unfallkreuze befinden sich ebenfalls am Rande der Wandertouren.

Und ob es mehr tödliche Unfälle sind als bisher? „Von einer eindeutigen Entwicklung ist nicht zu sprechen,“ so der Bergretter. Der Bergsport ist so beliebt wie nie zuvor. Ob jung oder alt, ob zu Fuß oder mit dem (E-)Bike – immer mehr Menschen treibt es in die Berge. „Die Berge sind trendig geworden,“ weiß der Regionalgeschäftsführer. Es habe in den letzten vier bis fünf Jahre einen sehr starken Sprung bei den Einsatzzahlen vor allem im Sommer gegeben. Der Grund: Es sind viel mehr Menschen, die jetzt in die Berge gehen. „Das ist ja auch gut so. Eigentlich ist Wandern ja gesund“, so Haberstock. Diese Tendenz kann der DAV bestätigen. Der Verein verzeichnete 2018 einen Mitgliederzuwachs von 4,18 Prozent und zählt 1. 289.641 Mitglieder (Stand: Juli 2019). Auch in den Jahren zuvor waren die Mitgliederzahlen kontinuierlich gestiegen. „Die Berge sind einigermaßen voll geworden,“ meint Haberstock.

"Bergsport ist gesund"

Die Aussage „Bergsport ist gesund“ mag irritieren, wenn man die Steigerung in den Einsatzzahlen der Bergwacht Bayern betrachtet. Der Jahresbericht gibt dazu an, dass weit über 200 Einsätze mehr im Jahr 2018 gegenüber 2017 bei den klassischen Bergsportarten Klettern, Wandern und Bergsteigen bewältigt werden mussten. Der „Skitourenboom“ bleibt laut dem Bericht ebenfalls nicht ohne Folgen für die Einsatzkräfte. Waren es in der Saison 2016/2017 noch 74 Einsätze stieg die Anzahl in der vergangenen Saison auf 123 Einsätze. Die Einsatzzahlen der Bergwacht für den Bayerischen Alpenraum und die Mittelgebirge steigen dem Jahresbericht 2018 zufolge seit Jahren an, zwar nicht sprunghaft aber kontinuierlich. Ein Trend, den auch die Polizei bestätigt. 

Die Pressestelle des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West sagt zu den Einsätzen der alpinen Einsatzgruppe: „Im vergangenen Jahr 2018 war die Alpine Einsatzgruppe Allgäu bei 163 alpinen Ereignissen beteiligt. Bei nahezu allen Einsatzarten hat es eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr gegeben. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Ein Grund dürfte die erneut gestiegene Zahl der Bergsportler sein. Dieser Aufwärtstrend schlägt sich in den alpinpolizeilichen Einsätzen nieder.“ 

Von einer eindeutigen Tendenz, dass dabei häufiger als früher Unfälle mit tödlichem Ausgang passieren, könne jedoch nicht gesprochen werden, sagte Haberstock. Die Füssener Bergretter hatten ebenfalls viel zu tun. Die Bergwacht verzeichnete laut Jahresbericht 2018 das zweiteinsatzreichste Jahr nach 2011. In der Einsatzregion zählten die Bergretter dabei sechs Totenbergungen. Im Vergleich dazu waren es 2017 zwei tödlich Verunglückte, im Jahr davor fünf. Die alpine Einsatzgruppe der Polizei gab auf Nachfrage für den kompletten Schutzbereich des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West, wozu neben den Oberallgäuer auch noch ein Teil der Ammergauer Alpen zählen, an, dass es sowohl 2016 und 2017 zehn tödliche Bergunfälle zu verzeichnen gab. Im vergangenen Jahr waren es 13 und heuer sind es (Stand 10. September) 15. Die Alpine Einsatzgruppe ist jedoch nicht ausschließlich in Bergregionen, sondern beispielsweise auch bei Kletterunfällen in Hallen beteiligt. 

Herztot am Berg

Häufig erleiden laut Haberstock Bergbesucher Herz-Kreislauf-Probleme und benötigen Hilfe. Der Jahresbericht der Bergwacht Bayern bestätigt diese Aussage. Akute Herzerkrankungen werden als Ursache für den Tod am Berg gehäuft verzeichnet. Untersuchungen aus Österreich unterstreichen die Bedeutung. Es seien dieser Studie zu Folge 30 Prozent der tödlichen Unfälle am Berg dem plötzlichen Herztod zuzuschreiben. Bei einem raschen Blick in die Einsatzberichte für die Region der Bergwacht Allgäu zählte Haberstock für den Kreisbote im vergangenen Jahr 13 Fälle, die als Absturz betitelt werden können. Für dieses Jahr bisher zwölf. Er kann und möchte aber nicht darüber urteilen, weshalb es dabei zu den Unglücken kam. 

Auch wenn die Kollegen der Bergwacht mehr Einsätze leisten und es scheint als würden die Todesfälle mehr werden, müsse festgestellt werden, dass „viele Leute viele Unfälle bedeuten“. Daraus lasse sich aber keine Tendenz ableiten, dass auch mehr von diesen Unfällen tödlicher Art seien, so Haberstock. Die Zahlen müssten immer in Relation gesehen werden. Was nicht zu bestreiten sei, ist, dass die Bergwacht eine schwierigen Job habe. „Bergwachtarbeit ist viel mehr als die Totenbergung. Es wird immer mehr, was die Bergwacht leisten muss,“ betonte der Regionalgeschäftsführer. Das könne dem einen oder anderen auch nahe gehen. Dabei spiele das Alter keine Rolle. Am schlimmsten sei es, wenn Bergretter das Opfer persönlich kannten. Einige ehrenamtlichen des Kriseninterventionsdienstes Ostallgäu (KID) (der Kreisbote berichtete) seien darauf spezialisiert, um bei Bedarf, auch den Rettern zu helfen.

Selma Höfer

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