Vor einem Jahr kam das Corona-Virus im Ostallgäu an – Seitdem ist vieles anders

Ein Jahr Corona: Das Ostallgäu und das Virus

Fußgängerzone von Füssen mit Masken-Hinweisschild
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Als Reaktion auf die steigenden Infektions-Zahlen im Herbst verhängt das Landratsamt unter anderem eine Maskenpflicht in der Füssener Fußgängerzone.
  • vonMatthias Matz
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Landkreis/Kaufbeuren – Am Abend des 29. Februar 2020 war es soweit: das Corona-Virus erreichte offiziell den Landkreis Ostallgäu. „Patient null“ war ein 36 Jahre alter Füssener, wie ein zwei Tage zuvor gemachter Test an jenem Samstag bestätigte. Eingefangen hatte der Mann sich das neuartige Virus mutmaßlich bei einem Kurzurlaub in Barcelona. Dann infizierten sich seine Lebensgefährtin, schließlich mindestens ein weiterer Angehöriger. Die Pandemie war im Ostallgäu angekommen. Genau ein Jahr später hat das Virus das Land und damit auch die Region noch immer im Würgegriff, die wirtschaftlichen, medizinischen und sozialen Folgen sind nicht absehbar. Und ein Ende der Pandemie ist nicht in Sicht.

Zwar konnte der Ausbruch in Füssen seinerzeit schnell durch die üblichen Maßnahmen wie Quarantäne der Kontaktpersonen unter Kontrolle gebracht werden. Doch in den Tagen und Wochen danach kam es immer häufiger zu Infektionen im gesamten Landkreis und der Stadt Kaufbeuren. Seit jenem letzten Februartag des vergangenen Jahres haben sich nach Angaben des Landratsamtes in Marktoberdorf (Stand Mittwoch) insgesamt 5324 Menschen im Landkreis und der Stadt Kaufbeuren mit dem Corona-Virus infiziert, 150 (Kreis: 104/Kaufbeuren: 46) sind im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben. Damit steht das Ostallgäu sowohl im bayern- als auch im bundesweiten Vergleich aber immer noch vergleichsweise gut dar.

Dass das Virus sich im vergangenen Frühjahr nicht schneller und weiter ausbreiten konnte, lag sicherlich auch daran, dass die Politik angesichts rasant steigender Infektions- und Todeszahlen im gesamten Bundesgebiet relativ schnell reagierte. Nach zunächst zögerlichen Einschränkungen schickte sie das ganze Land am dritten März-Wochenende in einen ersten harten Lockdown. Bis Frühsommer konnte die erste Welle so gebrochen werden, die Einschränkungen wurden schließlich wieder gelockert. Über den Sommer entstand bei vielen gar ein Eindruck von Normalität, das Virus schien verschwunden.

Im Gefühl dieser trügerischen sommerlichen Sicherheit mit einem stabil niedrigen Infektionsgeschehen versäumte es die Politik aber, rechtzeitig langfristige Konzepte für die erwartete zweite Welle im Herbst zu entwickeln. Mittlerweile war klar, dass das Virus vor allem für ältere und alte Menschen sowie diejenigen mit bestimmten Vorerkrankungen gefährlich ist.

Tödliche Gefahr für Ältere

Das zeigt sich auch beim Blick auf die Zahlen im Ostallgäu: mit insgesamt 4074 Infizierten macht die Altersgruppe der unter 60-Jährigen die übergroße Mehrheit der Corona-Fälle aus. Zwischen 71 Prozent (Kreis) und 80 Prozent (Kaufbeuren) der Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 sind aber in der Altersgruppe der über 80-Jährigen zu finden. Vor allem in verschiedenen Kaufbeurer Senioren- und Pflegeheimen wütete das Virus erbarmungslos: dort traten 65 Prozent aller Todesfälle im Stadtgebiet auf. Im Landkreis waren es 56 Prozent, wie das Landratsamt mitteilte.

Auf die im Herbst wieder steigenden Infektionszahlen reagierte die Bundesregierung, maßgeblich unterstützt von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), mit erneuten generellen Einschränkungen bis hin zum nach wie vor anhaltenden harten Lockdown.

Die wirtschaftlichen Folgen der vergangenen 12 Monate für die Betriebe und Unternehmen im Ostallgäu sind durch fast alle Branchen verheerend. Vor allem die für den südlichen Landkreis so wichtige Tourismuswirtschaft wird derzeit auf eine existenzielle Probe gestellt, zumal weiterhin jede Öffnungs-Perspektive fehlt und die versprochenen Hilfsgelder des Staates nur tröpfchenweise fließen (der Kreisbote berichtete mehrfach).

Nach Angaben von Füssens Tourismuschef Stefan Fredlmeier verlor dieser für die Stadt enorm wichtige Wirtschaftszweig allein im März und April des vergangenen Jahres – also während des ersten Lockdowns – fast 29 Millionen Euro. Die Folgen für andere Branchen und die Stadtkasse sind enorm. „Ganz Füssen geht es nicht gut“, sagte der Tourismusdirektor schon Mitte Dezember.

Nicht absehbare Folgen

Neben den wirtschaftlichen Folgeerscheinungen sind auch die sozialen, psychischen und gesellschaftlichen Folgen der Pandemie-Bekämpfung noch nicht absehbar. Kindergärten und Schulen sind mal geöffnet, mal geschlossen, Eltern müssen über Monate hinweg Homeschooling und Homeoffice unter einen Hut bringen, in den Seniorenheimen vereinsamen die Bewohner und in Krankenhäusern sterben Kranke, ohne sich von ihren Angehörigen verabschieden zu können. „Diese Menschen sterben mutterseelenallein“, sagte der Füssener Pfarrer Frank Deuring bereits im November. „Das ist menschenunwürdig!“

Polarisierte Gesellschaft

Gleichzeitig scheint die Gesellschaft nach über einem Jahr Pandemie-Bekämpfung gespalten zu sein in zwei Lager: auf der einen Seite diejenigen, die das Virus verharmlosen oder gar ganz leugnen, auf der anderen Seite Menschen, denen die Maßnahmen gar nicht hart genug sein können und die das Land am liebsten ganz stilllegen und abschotten würden.

Auf den folgenden Seiten blicken wir auf ein Jahr Corona-Virus im Landkreis Ostallgäu und Kaufbeuren und die möglichen Folgen der Pandemie für die Menschen zurück. Dabei alle Aspekte zu beleuchten, ist an dieser Stelle nicht möglich. Dafür haben wir mit betroffenen Ärzten ebenso gesprochen wie mit Psychotherapeuten, ganz normalen Bürgern, ehemaligen Corona-Patienten und Medizinern, die die aktuellen Maßnahmen scharf kritisieren. Sie erzählen uns, wie sie das vergangene Jahr erlebt haben, mit einer Covid-19-Erkrankungen fertig geworden sind oder warum sie das Vorgehen der Regierung für nicht zielführend, ja sogar schädlich halten.

Matthias Matz

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