Wirtschaft fürs Gemeinwohl?

Diskutierten im Luitpoldpark Hotel übers Thema „Gemeinwohl-Ökonomie“ nach dem offiziellen Teil untereinander weiter: Referent Jörn Wiedemann (links), Jörg Umkehrer (2. von links) und Hubert Endhardt von den Füssener Grünen. Die Co-Referentinnen Conny Berktold (Mitte) und Brigitte Gronau, (rechts) mischten mit. Foto: cf

Füssen – Mehr über die „Gemeinwohl-Ökonomie“ wollte das Publikum kürzlich im Vortragssaal des Füssener Luitpoldpark-Hotels wissen. Es waren 70 Zuhörer gekommen, darunter Christine Fröhlich, die neue Vorsitzende der Freien Wähler-Ortsgruppe Füssen, um Referent Jörn Wiedemann zuzuhören. 

Jörn Wiedemann aus München war von den Grünen-Ortsgruppe Füssen zu diesem Vortrag eingeladen worden. Außerdem wollten zwei selbstständige Frauen über Erfahrungen Auskunft geben, wie sie im freiberuflichen Fotostudio und in einer Gärtnerei ihre unternehmerische Praxis verändern. Angeregt dazu wurden beide durch das 2010 publizierte Sachbuch von Christian Felber: „Die Gemeinwohl-Ökonomie“. 

Selbstbewusst entwirft der österreichische Autor – laut Untertitel – „Das Wirtschaftsmodell der Zukunft“. Diplom-Volkswirt Jörg Umkehrer, ein Sprecher der Füssener Ortsgruppe von Bündnis 990/Die Grünen, eröffnete die Veranstaltung. Nach seiner Beschreibung des herrschenden Wirtschaftssystems in der globalisierten Welt ließ der Abend zum Thema „Gemeinwohl-Ökonomie“ viel mehr Fragen offen als beantwortet wurden. Das Publikum hörte Sätzen wie diesen von Wiedemann: „Unsere Bewegung versteht sich als ergebnisoffener, lokal wachsender Prozess mit globaler Ausstrahlung.“ Alles klar? Auf praktische Beispiele, die sicherlich zur Erhellung der Theorie dienlich gewesen wären, verzichtete Wiedemann weitgehend. Wie die Gruppendiskussionen nach dem offiziellen Teil zeigten, war es dem 1968 in Füssen geborenen Wiedemann jedoch gelungen, im Altlandkreis eine kritische Auseinandersetzung mit dem von ihm – man muss es wirklich so formulieren – propagierten „Hebel für wirtschaftliche Veränderungen“ anzuregen.

Die neue Bewegung strebt zudem auf politischer und gesellschaftlicher Ebene gerechtere Verhältnisse an. Eine Parteigründung sei kein Thema, aber die Ideen sollten von Politikern aufgenommen und vertreten werden, sagte Wiedemann. „Es bilden sich Arbeitskreise, so Conny Berktold. Mit der Gärtnereibesitzerin aus Reichling berichtete auch Freiberuflerin Brigitte Gronau aus Weilheim darüber, wie sich diese Bewegung vernetzt. Der Referent stellte sich als Aussteiger vor. Wiedemann erklärte: Nach über 25 Jahren in der Finanzbranche habe er sich entschieden, Neues zu wagen. 

Wirtschaften nach dem Motto "Mensch vor Profit"

„Seit Anfang 2010 beschäftige ich mich intensiv mit Tauschringen, alternativen Währungssystemen, und generell mit der Frage, wie ein nachhaltigeres, sinnvolleres Wirtschaften möglich ist.“ Das Konzept der Regionalen Wirtschaftsgemeinschaft (ReWiG) in München biete ihm die gute Möglichkeit, „all diese Ideen in die Tat umzusetzen“. Ziel sei eine Wirtschaftsweise zu fördern, so Wiedemann, die dem Leben zugewandt und zukunftsfähig ist. Dabei sollen laut Wiedemann die Gemeinwohl-Kriterien für ein ökologisches, ökonomisches und soziales Handeln und Wirtschaften „als Eckpfeiler“ ihre praktische Entsprechung finden. 

Heißt das im Klartext, dass Wiedemann sich in erster Linie als einer der Pioniere für eine neue Spezies der Berufsgruppe Unternehmensberater verstehen möchte? Ihm geht es nach seiner Neuausrichtung um das Engagement für ein Wirtschaften, das von der „reinen Renditeoptimierung und vom Wachstumszwang“ Abstand nimmt. Wo könnte ein Berater damit auf offene Türen stoßen? Etwa bei Firmen, die sich sowieso schon als alternativ verstehen? Bei Kommunen, die sich ihrer sozialen Verantwortung stellen? Wiedemann hat die „vorbildliche bayerische Verfassung“ vor Augen: „sie hält das Gemeinwohl für ein hohes Gut.“ Das Motto „Mensch vor Profit“ werden viele Arbeitnehmer sympathisch finden. Doch wie eine Frage aus dem Publikum zeigte, ist nicht ganz klar, wo der Hebel für Veränderungen im Industriebereich anzusetzen wäre. Es kam als Antwort der Tipp „Betriebsrat“. Unbefriedigend auch die Erklärung, warum ein Unternehmen eine zusätzliche „Gemeinwohl-Bilanz“ erstellen sollte, die gutes Geld kosten wird.

Hier kam als entscheidender Faktor der Kunde als König ins Spiel, der gern die Fair-Trade-Produkte kauft. Wird es ein Gemeinwohl-Siegel geben? Wiedemann deutete es an. Die neue Bewegung, die aus Österreich stammt, international bekannt wird und jetzt in Innsbruck auf die Einrichtung einen entsprechenden Studiengangs mit Abschluss Bachelor wartet, ist bestimmt kein Freund der Planwirtschaft. Es wird von ihr nicht das Ende des Kapitalismus gefordert, sondern eine Arbeitswelt, „die Werte übernimmt, wie sie im privaten Umgang miteinander selbstverständlich sind.“ 

Dafür gibt es starken Gegenwind, wie Wiedemann auf eine Zuhörerfrage antwortete. „Unsere Bewegung will Hoffnung und Mut geben“, betont er. Kann sie einige ihre Ziele erreichen? Den 1980 bei ihrer Parteigründung noch stark verspotteten Grünen ist es gelungen, dass praktisch jedes Unternehmen und jeder Politiker auch ökologisch Flagge zeigt. Für die Gemeinwohl-Aktivisten wird ebenfalls ein langer Marsch beginnen - der Mitte Oktober in Füssen Station machte, weil diese Bewegung Vernetzung will. Infos über die bereits am Gemeinwohl-Trend beteiligten Unternehmen gibt es unter: www.gemeinwohl-oekonomie.org. cf

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