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„Spaziergänger“ in Füssen: »Die Situation ist völlig verfahren«

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Von: Matthias Matz

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Corona-Spaziergänger in Füssen
Regelmäßig gehen mittlerweile auch in Füssen Menschen auf die Straße, um gegen die Corona-Maßnahmen und die Einführung einer Impfpflicht zu demonstrieren. © privat

Füssen - Seit Anfang des Jahres gehen auch in Füssen regelmäßig Menschen gegen die Corona-Maßnahmen und die Einführung einer Impfpflicht auf die Straße. Warum machen sie das?

Das Treffen findet im Füssener Westen statt und ist illegal. Am Tisch sitzen vier Erwachsene aus unterschiedlichen Haushalten, niemand ist geimpft. Am Morgen hat das RKI eine Inzidenz von über 800 verkündet, die Omikron-Welle baut sich in Deutschland gerade auf. Hier spielt das keine Rolle. Abstände und Masken gibt es nicht, dem Gast wird demonstrativ die Hand gereicht.

Statt über Inzidenzen und Hospitalisierungsraten wird über die geplante Einführung einer Impfpflicht und die Stigmatisierung und Ausgrenzung Ungeimpfter debattiert. Die Runde beklagt eine Verrohung der Gesellschaft und Hetze gegen diejenigen, die sich gegen eine Impfung verweigern. „Die Grundrechte werden mit Füßen getreten“, sagt eine Frau, von Beruf Ärztin. Die anderen nicke zustimmend mit dem Kopf.

Corona-Demo in Füssen
Am Sonntagmittag stehen sich in der Füssener Reichenstraße erneut Kritiker der Corona-Maßnahmen und Gegendemonstranten gegenüber. Zwischen den Fronten: die Füssener Polizei. © Michael Lukaszewski

Bei dem Quartett, das sich an diesem Nachmittag versammelt hat, handelt es sich neben der Ärztin um eine Künstlerin, eine Erzieherin und einen Gastronomen. Doch so unterschiedlich die vier auf den ersten Blick auch sind, haben sie doch einiges gemeinsam: Sie lehnen die Corona-Politik der Bundesregieerung ab und demonstrierten regelmäßig in Füssen gegen die geltenden Corona-Beschränkungen und die Einführung eine allgemeine Impfpflicht.

An diesem Nachmittag haben sie sich zusammen gefunden, um ihre Beweggründe dafür zu erklären. Ihre Motive sind dabei fast deckungsgleich. „Es macht uns Sorgen, dass die Freiheit eingeschränkt wird“, sagt die Künstlerin. „Wir wollen gehört werden.“ Bisher habe es immer geheißen, Minderheiten sollten geschützt werden, fährt sie fort „Aber das ist komplett verloren gegangen.“ Die Ärztin ergänzt: „Die Hetze ist in der Politik angekommen.“ Als Beispiel nennt sie Welt-Ärztepräsident Frank Montgomery, der kurz zuvor in einer Talkshow von einer „Tyrannei der Ungeimpften“ gesprochen hatte und dafür öffentlich viel Zuspruch bekam.

Corona-Demo in Füssen
Nach Angaben der Polizei verlaufen beide Kundgebungen am Sonntag friedlich. © Michael Lukaszewski

Sorgen um eine langfristige Spaltung der Gesellschaft in Geimpfte und Ungeimpfte treiben auch den Gastronomen um. Bereits jetzt seien die Gräben tief. „Die Situation ist völlig verfahren.“ Dass Politik und ein Großteil der Medien die Ungeimpften als die Schuldigen dafür ausgemacht haben, dass die Corona-Maßnahmen aufrecht erhalten werden müssen, kann er nicht verstehen. „Der Respekt muss da sein für die jeweilige Entscheidung“, sagt er. Er akzeptiere, wenn sich jemand gegen das Virus impfen lasse. Er selbst wolle aber nicht zwischen Ja und Nein entscheiden müssen. Zudem habe es in seiner Familie in der Vergangenheit schon Impfschäden gegeben, erzählt er.

Kritik an der SPD

Kritik übt er an der Füssener SPD, die in Pressemitteilungen die Maßnahmen-Kritiker in die Nähe von Rechtsradikalen, Faschisten, Antisemiten und Rassisten gerückt hatte. „Keiner möchte so angegangen werden, wie die SPD das macht“, erklärt er. „Solche Aktionen stimmen die Ungeimpften ja nicht um.“ Statt zusätzlich zu spalten, sollte Politik vereinen, findet er. Zustimmung bekommt er von der Künstlerin. „Seitens der SPD wird die Spaltung ja noch gefördert“, meint sie. „Man sollte erwarten, dass man in einer Demokratie miteinander redet.“ Die Gegendemo der SPD sei jedoch völlig am Thema vorbei gegangen. „So kommen wir nie an einen Tisch.“

Dass es sich bei den Spaziergängen um Veranstaltungen von Rechten handelt, wie von Politik und Medien oft dargestellt, verneinen zumindest für Füssen alle am Tisch. „Die AfD schreckt mich ab“, sagt die Künstlerin, die sich selbst als unpolitisch bezeichnet. Gleichwohl sei aber auch sie schon trotz Bedenken bei einem von AfD-Kreisrat Wladimir Salewski organisierten „Spaziergang“ mitgelaufen. Dort sei es aber nicht um Parteipolitik gegangen. „Hätte ich ein Fähnchen von der AfD gesehen, wäre ich wieder gegangen.“

Corona-Demo in Füssen
Die Maßnahmen-Gegner sind nach Veranstalter-Angaben am Sonntag in der Mehrheit. © Michael Lukaszewski

Dass es um Inhalte, nicht um Parteipolitik gehe, betont auch die Ärztin. Trotzdem nehme sie wegen der Nähe zur AfD an den Sonntags-Spaziergängen nicht teil. Der Gastronom verweist auf die bunte Mischung der Teilnehmer. „Wir sind keine Minderheit“, betont er. „Wir sind ein Querschnitt der Gesellschaft vom Leiharbeiter bis zum Akademiker!“ Die Teilnehmer würden konkrete Sorgen äußern, „aber da ist nichts rechtsradikales dabei.“ Gleichwohl könne er Vorbehalte verstehen. „Die AfD wirft natürlich sofort ein Bild auf“, gibt er zu.

Als „Querdenker“ sehen sich die Vier nicht. „Wir sind Selbstdenker, die hinterfragen“, schaltet sich die Erzieherin in die Diskussion ein. Aus Sorge um ihre Gesundheit lasse sie sich nicht impfen, erklärt sie.

Auch die Existenz des Virus leugnet keiner von ihnen, wenngleich die Künstlerin Zweifel anklingen lässt. „Es wurde noch kein Virus isoliert.“

Zu wenig Erkenntnisse

Für die Ärztin stehen neben Sorge um das Auseinanderdriften der Gesellschaft medizinische Aspekte im Vordergrund. Sie ist sgegen die Einführung einer Impfpflicht. Die neuartigen mRNA-Impfstoffe seien zu wenig erforscht, über Langzeitfolgen gebe es keine Erkenntnisse, sagt sie. In der Regel dauere es aber mindestens fünf Jahren, ehe ein Impfstoff zugelassen werde. „Die Regel: dem Patienten nicht zu schaden, gilt nicht mehr“, sagt sie. „Früher hat man bei jedem Milligramm Paracetamol diskutiert, heute sollen wir uns auf massiven Druck einen kaum erforschten Impfstoff spritzen lassen.“

Sie selbst, gerade erst von einer Corona-Infektion genesen, will sich nicht impfen lassen – auch wenn das sie den Job kostet. Allein der massive Druck, mit dem die Menschen zum impfen gebracht werden sollen, mache sie misstrauisch. „Dieses Misstrauen hatte ich vor zwei Jahren noch nicht.“ Außerdem gehöre sie nicht zur Risikogruppe. Da mache eine Impfung medizinisch keinen Sinn. Auf der anderen Seite respektiere sie jeden, der sich impfen lässt. „Aber ich erwarte das Gleiche auch von meinem Gegenüber!“

Dass die Regierung stur an ihrem eingeschlagenen Kurs festhalte, ohne dessen Wirksamkeit zu analysieren, irritiert sie. „Wenn ich Maßnahmen ergreife, muss ich irgendwann mal Bilanz ziehen – das passiert hier nicht“, sagt sie. „Von einer souveränen Regierung erwarte ich, dass sie irgendwann mal wieder aus dem Panikmodus raus kommt.“ In Deutschland mache die Politik aber immer weiter und gehe dabei auch noch völlig willkürlich vor. Als Beispiele nennt sie die Festlegung der zeitlichen Abstände zwischen den Impfungen oder die Anzahl der Immunisierungen, wo die Empfehlungen mal so und mal so lauten würden.

Ohnehin wird sich der Runde oft und viel über die Sinnhaftigkeit des Handelns von Politik und Wissenschaft in der Corona-Krise diskutiert. „Die Ungeimpften scheinen besser informiert zu sein und sich mehr mit dem Thema zu beschäftigen“, findet der Gastronom. Die starke Verengung des öffentlichen Diskurses, in dem keine abweichenden Meinungen mehr Gehör finden, macht ihn stutzig. „Die Wissenschaft lebt von der Kontroverse, das findet nicht mehr statt“, wundert er sich. „Und man fragt sich: Warum findet das nicht mehr statt?“ Zusammen mit den widersprüchlichen Corona-Maßnahmen werde das irgendwann dazu führen, dass das Vertrauen in Politik und Wissenschaft bei den Menschen komplett verloren gehe. „Das ist das Schlimme.“

Wie die Situation sich wieder zum Besseren wenden lässt und wie es nach Corona weiter gehen soll, wissen sie nicht. Gleichwohl haben sie die Hoffnung, dass sich die Gräben wieder zuschütten lassen. „Wir wollen Einheit“, betont die Erzieherin. Die Künstlerin glaubt, dass es dafür ein Umdenken auf fast allen gesellschaftlichen Ebenen braucht. „Meine Hoffnung ist, dass wir neue Perspektiven aufmachen“, sagt sie.

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