Ein "Weggen" kommt ins Allgäu

Singend tragen Freunde und Verwandte der frischgebackenen Eltern den sogenannten Weggen zum Feuerwehrhaus in Rückholz. Fotos: kk

„Von welchem Verein seid ihr denn?“ Neugierig beäugten die Rückholzer den Zug der singenden Menschen, der am Samstagnachmittag zum Feuerwehrhaus marschiert ist. In schwarzen Hosen, weißen Blusen und mit roten Halstüchern, teilweise auch mit Zylinder und Holzschuhen holten 32 Osnabrücker mit dem „Weggen wegbringen“ einen nordwestdeutschen Brauch ins Allgäu.

Traditionell tragen in Nordwestdeutschland die Familie, Freunde und Verwandte, innerhalb eines Jahres nach der Geburt eines Kindes einen so genannten Weggen, ein Hefeteigbrot, auf einer Leiter zum Elternhaus, wie Vanessa Lambers erklärt. Der ursprüngliche Zweck dieses Brauchs war, während des „Ausfalls“ der Mutter die Familie mit Essen zu unterstützen. Wenn das Kind ein Junge wird, kommen wir ins Allgäu und veranstalten eine Weggenparty, versprach Jürgen Lambers seiner schwangeren Tochter Samantha, die es der Liebe wegen im August 2010 ins Allgäu verschlagen hatte. 16 Wochen lang sah es auch so aus, als ob er nach sechs Töchtern und zwei Enkelinnen endlich männliche Unterstützung in der Familie bekommen würde. Aber letztendlich erblickte am 26. März diesen Jahres dann doch ein kleines Mädchen, Emma-Sophie, das Licht der Welt. Da war jedoch schon der Bus für die 700 Kilometer lange Anreise aus Osnabrück und die Unterkunft organisiert, erklärt Jürgen Lambers, so dass „ich nichts mehr abblasen konnte“. So beglückwünschten die 32 Freunde und Verwandte am Samstag nach einer elfstündigen Anreise Samantha Lambers und Stefan Böck mit den selbstgedichteten Liedern „Mit dem großen Weggen kommen wir“ und „aus dem hohen Norden“ sowie dem Weggen zur Geburt ihrer Tochter. Bevor jedoch die Weggenträger das Brot für die Feier in das Feuerwehrhaus brachten, musste das junge Paar mit Schnaps den Weggen „auslösen“. Der Weggen ist, je nach Gebiet, bis zu 1,80 Meter lang oder richtet sich nach der Anzahl der Kinder, also einen Meter für das erste Kind, zwei Meter für das zweite Kind und so weiter. Dabei wird mit Marzipan der Name des Neugeborenen auf das Hefeteigbrot geschrieben. Seit ihrer Kindheit war für Samantha Lambers schon klar, dass sie eines Tages im Allgäu leben möchte. Denn laut ihrer Schwester Vanessa Lambers habe sie sich während der vielen Familienurlaube im Allgäu – kürzlich waren die Lambers zum 30 Mal in Hopferau zu Gast – „in die Berge, die Landschaft und die Mentalität verliebt“. Aber nicht nur in die hat sich die Osnabrückerin „verguckt“. So lernte sie als 14-Jährige auf einer Erdbeerbowlen- Fete in Hopferau den drei Jahre älteren Stefan Böck kennen. Nachdem sie ein Jahr lang durch SMS in Kontakt geblieben waren und ihre „Prepaidkarten leer telefoniert“ hatten, trafen sie sich im darauffolgenden Jahr wieder und verliebten sich „auf den zweiten Blick“. Drei Jahre lang führten die beiden eine Fernbeziehung, bis der Kfz-Mechaniker 2008 nach Norddeutschland zog. Nachdem Samantha Lambers zwei Jahre später ihre Ausbildung zur Altenpflegerin beendet hatte, kehrten sie ins Allgäu zurück und gründeten eine Familie. Zwar wolle das Paar „auf jeden Fall heiraten, aber jetzt noch nicht“, so Samantha Lambers. Schließlich solle ihre kleine Tochter auch etwas von der Hochzeit haben. Auf die Frage, ob sie für das nächste Enkelkind wieder den „Weggen ins Allgäu wegbringen“ würde, meint die sichtlich erschöpfte Gabriele Lambers nach kurzem Nachdenken: „Doch, ich würde es wieder machen. Aber dann an einem verlängerten Wochenende, damit es nicht so stressig ist.“ Denn schließlich gehe schon am nächsten Tag um 10 Uhr der Bus zurück nach Osnabrück.

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