Über 400 Asylsuchende im Ostallgäu untergebracht

Auf der Flucht

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Immer mehr Asylsuchende kommen ins Ostallgäu und müssen dort – manchmal über Nacht – in geeigneten Unterkünften versorgt werden.

Landkreis/Marktoberdorf – Während in München Notfallpläne für die Unterbringung Asylsuchender erstellt werden, habe das Ostallgäu seine Hausaufgaben gemacht, resümierte Oberregierungsrat Ralf Kinkel in einer Informationsrunde zum Thema Asyl vor dem Kreistag.

Allerdings unter finanzieller Mehrbelastung, großem personellen Aufwand und viel ehrenamtlicher Hilfe, so Kinkel weiter.

 Denn manchmal heiße es, quasi über Nacht Unterkünfte für mehrere Dutzend Flüchtlinge bereit zu stellen, so der Sachgebietsleiter. „Asylbewerber werden uns von der Regierung von Schwaben direkt und meist von einem Tag auf den anderen zugewiesen. Wenn wir nicht reagieren, wird uns der Bus mit zwanzig oder mehr Menschen vors Landratsamt gestellt“, beschreibt Kinkel die Situation, mit der Ausländeramt und Kreisverwaltung derzeit zurecht kommen müssen. 

409 Asylsuchende sind aktuell dezentral in neun Gemeinden des Landkreises untergebracht, darunter 27 Familien mit 72 Kindern. Weitere 74 Flüchtlinge leben in der bezirkseigenen Gemeinschaftsunterkunft in Rieden. Und der Strom reißt nicht ab: Laut einer Prognose der Regierung von Schwaben im September werden mindestens weitere 27 Menschen bis Ende des Jahres im Ostallgäu Zuflucht suchen. 

Abteilungsleiter Kinkel rechnet aber mit deutlich mehr Menschen. „Angaben zu Flüchtlingszahlen sind naturgemäß sofort veraltet.“ Denn es kommen immer mehr und die Bearbeitung der Asylanträge dauert immer länger, ein Jahr im Durchschnitt mindestens. In dieser Zeit genießen politisch Verfolgte laut Grundgesetz ein Recht auf Asyl. Die Unterbringung ist Sache der Bundesländer und seit Herbst 2012 ist diese Aufgabe an die Landratsämter übertragen worden, die in der Praxis stark auf das Mitwirken der Gemeinden angewiesen sind. 

Im Ostallgäu sind daher in kürzester Zeit 16 dezentrale Einrichtungen in Lechbruck, Friesenried, Pfronten, Schwangau, Marktoberdorf, Halblech, Füssen, Seeg und Buchloe entstanden. Dort sieht man sich unvermittelt großen Herausforderungen gegenüber: Die Kindertagesbetreuung in den örtlichen Kindergärten ist zu organisieren, der Schulbesuch soll schulpflichtigen Flüchtlingskindern ermöglicht werden, die Leistungen werden über die Gemeindekassen ausbezahlt und Sprachunterricht soll ortsnah angeboten beziehungsweise vermittelt werden. „Ohne das Engagement vieler Ehrenamtlicher sei die Integration der Flüchtlinge nicht zu meistern“, sagte Kinkel. Viele Kreisräte pflichteten ihm bei. 

Sorgenkind Beratung 

Beim Ausländeramt ist dagegen die Klärung rechtlicher Fragen angesiedelt, bei der Zusammenführung von Familien beispielsweise. Das Landratsamt Ostallgäu gewährt die finanziellen Hilfen zum Lebensunterhalt (140 Euro Taschengeld und 139 Euro für Lebensmittel erhält ein Asylsuchernder im Monat), zahlt bei Erkrankungen und Notfällen, unterstützt die Ehrenamtlichen und bringt die Asylsozialberatung in den Landkreis. Doch gerade die psychisch-soziale Beratung für rund 500 Flüchtlinge im Landkreis ist nach wie vor ein Sorgenkind. 

Denn neben einer für fünf Wochenstunden besetzten Stelle in Buchloe ist ab November nur eine weitere Person im südlichen Landkreis für die Nöte und Traumata der vertriebenen Menschen da. „Völlig ungenügend“, wie die Kreisräte parteiübergreifend urteilten. Deshalb forderte der Kreistag in einer offenen Resolution an den Freistaat, die Mittel für die Asylsozialberatung aufzustocken, die Kosten zu übernehmen und die Zuständigkeit an die Landratsämter zu übertragen. Sorgen bereitet den Verantwortlichen auch die große Anzahl unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge, die oftmals von der Polizei aufgegriffen und dann vom Jugendamt in Obhut und an geeignete Einrichtungen vermittelt werden müssen. 

„Das ist die schwierigste Aufgabe momentan“, bestätigte auch Stefan Mohr, Abteilungsleiter im Landratsamt, denn die Jugendlichen müssen bis abends in Pflegefamilien oder in pädagogisch betreuten Häusern der Jugendhilfe untergebracht sein. „Hier fehlen uns mindestens 30 Plätze“, beklagte Mohr. Auch hier forderten die Kreisräte in einem einstimmigen Beschluss das Sozialministerium auf, Versorgungsstellen für minderjährige Flüchtlinge zu schaffen.

 Resolution verabschiedet

Der Freistaat komme laut der Resolution seiner Verantwortung nicht in vollem Umfang nach, insbesondere was die Finanzierung des Verwaltungsaufwands betreffe. Er werde deshalb aufgefordert, Personal- und Sachkosten zu erstatten, die im Bereich Asyl anfallen. Das Landratsamt sieht momentan allein im Sozial-, Jugend- und Ausländeramt zusätzliche Kosten von rund 210.000 Euro auf sich zukommen.

ah

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