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Immer mehr Wanderer geraten im Füssener Umland in Bergnot: »Unverletzte zahlen den Einsatz selbst«:

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Von: Katharina Knoll

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Rettungshubschrauber im Gebirge
Um beispielsweise erschöpfte Bergsteiger aus dem Klettersteig ausfliegen zu können, trainiert die Bergwacht Füssen den Umgang mit der Winde am Rettungshubschrauber © Bergwacht Füssen

Füssen - Die Bergwacht Füssen muss immer mehr Bergsteiger und Wanderer bergen, die unverletzt in Bergnot geraten sind. Das kann teure Folgen haben. 

Wenn die Tage wärmer werden und sich die Bergwiesen in ein buntes Blumenmeer verwandeln, zieht es viele wieder in die Alpen. Nicht nur Einheimische, sondern auch Gäste sind in den vergangenen Jahren auf den Geschmack gekommen. Ein Trend, den auch die Bergwacht Füssen beobachtet. 2021 hatte sie so viele Einsätze wie seit neun Jahren nicht mehr – und das ohne Skibetrieb im Winter 2020/21. Dabei fällt auf: Die Zahl der Menschen, die die Verhältnisse am Berg falsch einschätzen oder sich versteigen, nimmt zu. Im vergangenen Jahr machten solche Einsätze etwa ein Viertel der Alarmierungen der Bergwacht Füssen aus.

Es war an einem sonnigen Samstag Anfang August als das Telefon bei der Bergwacht Füssen nicht mehr still stand. Während die Einsatzkräfte einen erschöpften Bergsteiger aus dem Tegelberg-Klettersteig ausflogen, wurden sie bereits zum nächsten Einsatz gerufen. Wenig später mussten sie sich um einen Vater und seinen 13-jährigen Sohn kümmern.

Die beiden hatten sich vom Tegelberg in Richtung Bleckenau völlig verlaufen und trauten sich nicht mehr weiterzugehen. Mit dem Hubschrauber mussten die Retter sie aus einem steilen Gelände südöstlich des Hohen Straußberg-Gipfels bergen. Insgesamt zu fünf Einsätzen wurden die Bergwachtler an diesem Tag gerufen – absolut ungewöhnlich selbst bei bestem Wetter, heißt es von Seiten der Bergwacht.

„Die Zahl der unverletzten und blockierten Personen steigt stetig an. In 2021 war der Anteil an unverletzten und blockierten Personen bei rund einem Viertel.

Markus Albrecht

Bergwandern hat in den vergangenen Jahren zunehmend an Beliebtheit gewonnen. Was früher als langweiliger Rentnersport galt ist jetzt Trendsportart. Die vergangenen Corona-Sommer, als die Grenzen dicht waren und die Menschen eher daheim blieben oder in Deutschland Urlaub machten, verstärkte diese Entwicklung noch.

Übung der Bergwacht Füssen
Um auf schwierige Rettungen vorbereitet zu sein, trainieren die Einsatzkräfte der Bergwacht Füssen regelmäßig. Hier üben sie die Bergung eines verletzten Wanderers, der mit Hilfe einer Winde in den Rettungshubschrauber transportiert werden soll. © Bergwacht Füssen

Wo aber mehr Menschen unterwegs sind, geraten mehr in Notlagen. Und auch die Zahl der Wanderer steigt, die die Lage am Berg falsch einschätzen oder auf Abwege geraten. „Das kann man grundsätzlich auch bei uns in Füssen so beobachten“, bestätigt Markus Albrecht, der bei der Bergwacht Füssen für die Pressearbeit zuständig ist. „Die Zahlen der unverletzten und blockierten Personen steigt stetig an. In 2021 war der Anteil an unverletzten und blockierten Personen bei rund einem Viertel, 26 Prozent.“

Ehrenamtlich im Einsatz

Doch wer muss eigentlich die Kosten für einen Rettungseinsatz übernehmen, wenn Bergsteiger vermisst werden, sich verirrt haben oder nicht mehr weiterkommen? „Unverletzte Personen zahlen den Einsatz selbst“, erklärt Albrecht – außer sie haben eine entsprechende Zusatzversicherung, etwa über den Deutschen Alpenverein (DAV). Verletzen sich Wanderer oder brauchen sie medizinische Hilfe übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung die Kosten.

Für alle anderen gilt: Der Ausflug in die Berge kann dann richtig teuer werden. Albrecht erklärt: „Die Bergretter leisten ihre Dienste und Einsätze 100-prozentig ehrenamtlich und unentgeltlich. Dennoch entstehen für den Betrieb und Unterhalt jeder Bereitschaft enorme Kosten, welche gedeckt werden müssen.“ In Bayern reichen diese von ca. 300 bis ca. 1100 Euro je nach Einsatz. „Die Kosten für die Bergrettung in Bayern sind pauschal festgelegt“, so der Bergwachtler. Wird ein Hubschrauber alarmiert kommt zusätzlich noch eine Rechnung des Luftrettungsbetreibers oben drauf.

Manchem Geretteten ist das jedoch zu teuer. So erhielt beispielsweise die österreichische Bergrettung Tannheim vor drei Jahren ein Rechtsanwaltsschreiben, nachdem sie zwei Schneeschuhgeher aufgesammelt hatte, die im Bereich Rehbichl im Tannheimer Tal bei Dunkelheit und Schneetreiben die Orientierung verloren hatten. Die beiden wollten die Rechnung der Bergrettung über 2261 Euro nicht bezahlen. Mit solchen Fällen hatte es die Bergwacht Füssen bisher aber noch nicht zu tun. „Da sind mir für die Bergwacht Füssen keine bekannt“, so Albrecht.

DAV gibt Tipps

Um gar nicht erst in eine Notlage am Berg zu geraten, empfiehlt der DAV, sich gründlich vorzubereiten. Die geplante Bergtour sollte nicht nur auf das eigene Können, sondern auch auf das Wetter abgestimmt sein. Zudem gehören Karte und Führer ins Gepäck. Denn vor allem im unbekannten Gelände sollte man sich nicht allein auf eine Smartphone-App verlassen. Außerdem sollten Bergsteiger im gesunden und trainierten Zustand aufbrechen, genügend Essen und Trinken dabei haben, dem Wetter angepasste Kleidung sowie stabile Bergschuhe mit rutschfester Profilsohle tragen.
Darüber hinaus gehören Regen-, Kälte- und Sonnenschutz immer in den Rucksack, ebenso wie ein Erste-Hilfe-Set und das Mobiltelefon. Weiter rät der DAV dazu, auf markierten Wegen zu bleiben, regelmäßige Pausen einzulegen und Freunde oder Daheimgebliebene über die geplante Tour zu informieren. Wer diese Tipps beherzigt, dem steht ein schöner Ausflug in den Bergen fast nichts mehr im Weg.

Das Einsatzjahr 2021 in Zahlen

Mit 139 Einsätzen war 2021 das zweit einsatzreichste Jahr in der Geschichte der Bergwacht Füssen. Nur im Jahr 2011 hatten die Retter mit 140 Einsätzen etwas mehr zu tun. 122 Mal mussten sie im Frühling, Sommer und Herbst ausrücken und allen voran Bergsteigern und Wanderern (90 Alarmierungen) helfen, 17 Mal waren sie im Winter im Einsatz. Bei 37 Einsätzen waren die Geretteten unverletzt, aber erschöpft. Mit 23 Einsätzen war 2021 die Anzahl der sehr schwer verletzen, polytraumatisierten und schwer kranken Patienten mit internistischen Notfällen hoch. Haupteinsatzgebiet ist nach wie vor mit 84 Einsätzen der Tegelberg mit seinen Berggaststätten Rohrkopfhütte und Drehhütte. Mit 15 Einsätzen bleibt auch die Zahl der Notfälle in den Klettersteigen am Tegelberg konstant hoch. Leicht angestiegen sind mit 15 Einsätzen die Alarmierungen auf dem Säuling und im gesamten Bleckenaugebiet. Durch die Lage und Erreichbarkeit sind diese Einsätze laut Bergwacht meist zeit- und personalintensiver. 

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