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Grund- und Mittelschulen im Ostallgäu: »Wir flicken am System«

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Von: Stefan Günter

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Grund- und Mittelschule Pfronten
Die Mittelschule Pfronten ist personell gut ausgestattet. Dennoch müssen die Lehrkräfte auch hier viel mehr Zeit in ihre Arbeit investieren als vorgesehen. © Archiv/Matz

Landkreis - Kaum noch jemand will Grund- oder Mittelschullehrer werden. Dadurch gerät das Schulsystem unter Druck - auch im Landkreis Ostallgäu.

Der Bayerische Lehrerinnen und Lehrerverband (BLLV) hat Ende Juli Ministerpräsident Markus Söder (CSU) aufgefordert, Bildung endlich zur Chefsache zu machen. Mit seiner jüngsten Aussage in Richtung Teilzeitlehrerinnen und -lehrern, dass diese länger arbeiten müssten, stößt der CSU-Chef Söder allerdings auf wenig Verständnis.

Christian Gebauer, Rektor an der Jörg-Lederer-Mittelschule (JLMS) in Kaufbeuren, hat zurzeit keinen Mangel an Lehrkräften. Wie er gegenüber dem Kreisboten betont, könne der gesamte Unterricht wie erforderlich und geplant stattfinden. In der JLMS können sogar zusätzlich noch drei Arbeitsgemeinschaften und zwei spezielle Klassen, die Flex2-Klasse und die Praxisklasse angeboten werden. „Das Schulamt hat meine Schule gut versorgt. Wie sich die Situation dann entwickelt, wenn Lehrkräfte durch Schwangerschaften oder Erkrankung ausfallen, weiß ich noch nicht“, betont Gebauer.

Er glaube nicht, dass dies durch zusätzliche Stunden von Lehrkräften in Teilzeit aufgefangen werden könne. Eine Vielzahl von ihnen betreuen pflegebedürftige Angehörige oder die eigenen Kinder. Sollte dieses Angebot nicht mehr möglich sein, geht Gebauer davon aus, dass ein Teil der Lehrkräfte dann ganz zuhause bleibt. Der Lehrermangel könnte sich also dadurch sogar noch verschärfen. „Sehr bedenklich finde ich die geringe Zahl an Studentinnen und Studenten besonders für das Lehramt an Mittelschule”, sagte er.

„Die im Vergleich zu den anderen Lehrämtern deutlich höhere Zahl an Unterrichtsstunden bei einer anspruchsvollen Schülerschaft in sehr heterogenen Klassen führen dazu, dass immer weniger sich für das Lehramt an Mittelschulen entscheiden, sondern lieber für das Lehramt an Realschulen oder Gymnasien studieren.“ Nicht umsonst stellt Rektor Gebauer fest, wer die zukünftigen Handwerker, die überwiegend aus der Mittelschule kommen und die dringend gebraucht werden, dann unterrichten soll.

In Pfronten stellt sich die Situation an der örtlichen Mittelschule ähnlich dar. Alle Stunden können abgedeckt werden. Sogar Arbeitsgemeinschaften und Lernfördergruppen stehen den Schülern zur Verfügung. Rektorin Gerlinde Briechle kann auch auf einen Förderlehrer zurückgreifen sowie auf Brückenkräfte und Drittkräfte. Ihre Schule sei vom Schulamt gut mit Unterrichtszuweisungen ausgestattet worden. Ihr Schule ist übrigens eine Praktikumsschule, die sich immer wieder über Praktikanten freue. Zurzeit ist eine Lehrkraft krankgemeldet. Eine mobile Reserve wurde der Schule zugeteilt.

»Haben ein Loch«

Briechle bestätigte gegenüber dem Kreisboten, dass eine Lehrerin der Mittelschule an die Grundschule in Seeg gewechselt ist. Drei Jahre sei die Frau an ihrer Schule tätig gewesen, „weil zu dieser Zeit Klassenlehrer für die Mittelschule gebraucht wurden. Jetzt werden Lehrer an der Grundschule benötigt.“ Besagte Lehrerin sei aber nach vorheriger Absprache mit dem Schulamt wieder in die Grundschule gewechselt.

Grundsätzlich können sich aber immer weniger junge Menschen für ein Lehramtsstudium im Bereich Grund- und Mittelschule begeistern. Laut Schulamtsdirektor Andreas Roth werde sich die Situation in den nächsten Jahren noch verschärfen. „Wir haben schon ein Loch, es ist allerdings nicht auf dem Papier.“ Voll ausgebildete Lehrkräfte seien auf dem Markt nicht mehr vorhanden. Von daher müsse man auf mobile Reserven zurückgreifen. Allerdings treibt ihn die Sorge um, dass Lehrkräfte in der Corona-Saison im Herbst krankheitsbedingt ausfallen werden. Das könne dazu führen, dass die mobile Reserve an Lehrern dann nicht mehr ausreichen könnte.

Zu viele Aufgaben

Laut Berechnungen des BLLV fehlen rund 4000 Lehrkräfte an Grund-, Mittel- und Förderschulen. Über die jüngsten Aussagen Söders, dass Teilzeitkräfte „mal freiwillig eine Stunde länger arbeiten sollen“ kann Frank Hortig, Schulleiter der Gustav-Leutelt-Grund- und Mittelschule in Neugablonz und zugleich Abteilungsleiter für Berufswissenschaften im BLLV im Bezirk Schwaben, nur mit dem Kopf schütteln: „Die Idee ist alles andere als problemlösend, das ist fernab der Praxis.“ Es bliebe ja für die Pädagogik der Kinder kaum mehr Zeit im Logistikdschungel. Man versuche doch schon Lücken zu stopfen mit Teilzeitkräften. „Das löst aber nicht das Problem.“

Gerlinde Briechle kennt keine Kollegen, die nicht ohnehin mehr Stunden arbeiten als abgerechnet werden. „Zusatzaufgaben, die nicht direkt mit Unterricht zu tun haben, werden exponentiell mehr. Auch Verwaltungsaufgaben steigen für Lehrer rasant.“ Sie verweist auf eine Vielzahl an Tätigkeiten wie die Zusammenarbeit mit Psychologen, dem Jugendamt, Berufsberatungen, mobilen pädagogischen Diensten, Schulbegleitern und Jugendsozialarbeitern.

Doch was muss eigentlich passieren, damit der Beruf des Lehrers, besonders für Grund- und Mittelschulen, wieder attraktiver wird?

Briechle findet, Lehrer sollten wieder mehr Zeit für den Unterricht investieren können, auch Verwaltungs- und Kooperationsaufgaben müssten dringend ausgelagert werden. Darüber hinaus benötigten die Verwaltungsangestellten in den Mittelschulen dringend mehr Stunden.

Christian Gebauer schlägt ähnliche Töne an, wobei für ihn die Bezahlung und die Stundenzahl der Lehrkräfte den anderen Lehrämtern angeglichen werden müssten. Auch wenn künftig Lehrer an Grund- und Mittelschulen das gleiche Einstiegsgehalt wie an Gymnasien und Realschulen (A13) bekommen sollten, sind die derzeit bestehenden Probleme noch längst nicht ad acta gelegt.

„Momentan flicken wir am bestehenden System Schule. Pädagogische Arbeit tritt zusehends in den Hintergrund, zu wenig kommt am Kind an“, kritisiert Frank Hortig. Schule an sich werde nicht angemessen weiterentwickelt. „Man hält am klassischen Schulsystem fest, auch junge Menschen erkennen das und wollen dieses System nicht bedienen. Schule braucht Reform, Digitalisierung ist nicht alles. Sie kann die Defizite in der Schulentwicklung nicht ausgleichen.“ Dies habe eklatante Folgen. Von daher müsse man sich ernsthaft mit dem Thema beschäftigen.

Wann der Stein ins Rollen kommt, ist dann hoffentlich nur noch eine Frage der Zeit.

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