"Alpin-Hipster" überspannen den Bogen

Wildparker und -camper sollen bekämpft werden – Gemeinde Schwangau wird aktiv

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Es ist ein Bild, das mittlerweile alltäglich geworden ist: Selbst im Wasserschutzgebiet stehen Wildparker, häufig beidseitig, auf dem Seitenstreifen.

Schwangau – „Dieses Thema bewegt die Gemüter von Oberstdorf bis Berchtesgaden“, begrüßte Schwangaus Bürgermeister Stefan Rinke (CSU) zahlreiche geladene Gäste am vergangenen Donnerstag zu einem Runden Tisch.

Vertreter der zuständigen Ämter, der Polizei und aus Tourismus, Natur- und Landschaftsschutz sowie Verkehr folgen Bürgermeister Stefan Rinkes (hinten Mitte) Einladung, um Lösungsstrategien für die Probleme mit wildem Parken und Campen zu finden.

Die Teilnehmer kamen zusammen, um über die zunehmende Anzahl von Wildcampern und -parkern zu diskutieren.

Denn von diesen Vergehen der vor allem Tagesausflügler betroffen, von den „,Alpin-Hipstern‘, die ins Landschaftsschutzgebiet fahren“, sind Mensch, Natur und Verkehr gleichermaßen, betonte Rinke. Doch sind die Zahlen wirklich gestiegen? Wenn ja, aus welchem Grund? Vor allem jedoch – wie können die betroffenen Kommunen darauf reagieren?

Sondersituation an Pfingsten

Eine Sondersituation nannte Schwangaus Bürgermeister den Zustand in seiner Gemeinde, die am Pfingstwochenende vorherrschte. Damals war die Colomannstraße beidseitig so zugeparkt, dass Werstoffhofbesucher teilweise nicht mehr herausfahren konnten. Das sowie die jüngsten Entwicklungen habe er zum Anlass genommen, um neben Vertretern der Polizei, des Staatlichen Bauamts, des Landratsamt und des Tourismusbeirats Schwangaus, auch Betroffene aus dem Natur- und Lanschaftschutz sowie Verkehr und Tourismus einzuladen.

Durch die Grenzöffnung nach Österreich habe sich die Situation in der Gemeinde zuletzt zwar entspannt, doch „das ist nur meine Wahrnehmung. Deshalb sind wir heute zusammengekommen“.

Der Vorsitzende des Vereins „Unser Ammergebirge“, Michael Weisenbach, teilte diese Einschätzung nicht. „Was sich auf den Parkplätzen abspielt, setzt sich im Gebirge fort.“ Für den Verein, aber auch den Gebietsbetreuer für den Ostallgäuer Alpenrand vertretend, brachte er nur einige von unzähligen Beispielen von wildem Campieren in den Landschaftsschutzgebieten (LSG) vor. Nicht nur das unerlaubte Übernachten drängt geschützte Arten der Tier- und Pflanzenwelt zurück. „Selbst Hängegleiter starten illegal von Naturschutzgebieten aus“, berichtete Weisenbach mit Fotos aus den sozialen Medien. Denn auf diesem Weg werden Touren und Erlebnisse geposted und verteilt und hundertfach nachgeahmt. Die Verfasser seien sich oft keiner Schuld bewusst.

"Die Leute sind sehr gut vernetzt"

Peter Helmer, Gemeinderat (CSU) und Campingplatzbertreiber am Bannwaldsee, stimmte dem zu: „Wenn man diese Personen anspricht, werden sie auch noch frech. Gerade die jungen Leute wissen, dass ihnen durch die Naturschützer und die Bergwacht nichts passiert.“ Aufklärung allein helfe da nicht mehr. Die Befugnisse der überwachenden Organe und Naturschützer müssten erweitert werden, ihre Kompetenzen breiter streuen. „In Tirol und in der Schweiz ist der Rechtsdruck größer. Das ist allen bekannt. Die Leute sind sehr gut vernetzt“, sagte Helmer.

Edmund Martin, Chef der Polizeiinspektion Füssen, berichtete aus der Sicht der Ordnungshüter. Was die Beamte momentan leisten, sei so nie dagewesen. Das gesamte Konzept wurde angepasst und eine „Alpen-See-Streife“ geschaffen. So bewegt sich der Wasserschutz zusätzlich auch auf Streife im Auto. „Wir sind jeden Tag unterwegs. Aber wir haben nicht mehr Personal. Die Polizei ist am Limit“, betonte er. Da die bisherigen 20 Euro und eine Verwarnung kaum abschreckend für die Verbotsübertreter waren, wurden die Bußgelder in Absprache mit dem Landratsamt erhöht. 110 Euro kostet das Parken im Landschaftsschutzgebiet, 350 Euro das Wildcampen in diesem Bereich. Der neue Bußgeldkatalog kam am 28. April zum Tragen (siehe Infokasten).

„Kontrolle ist gut, aber kein Allheilmittel“

Die Überwachung des ruhenden Verkehrs liegt jedoch hauptsächlich beim Zweckverband Kommunales Dienstleistungszentrum Oberland (KDZO). Dessen personelle Kapazitäten sind ebenfalls ausgereizt, berichtete Außendienstleiter Thorsten Preßler. „Kontrolle ist gut, aber kein Allheilmittel“, ist Preßlers Meinung. Außerdem dürfe der Zweckverband ausschließlich nach der Straßenverkehrsordnung überwachen, was paradox sei. Es müssten die Kräfte gebündelt und koordiniert eingesetzt werden. Jeder könne aktiv werden, ergänzte Polizeichef Martin. Wer ein Foto der Wildcamper oder -parker mit Ort- und Zeitangabe an die Beamten schickt, veranlasse, dass diese eine Anzeige aufnehmen.

Auf fehlende Parkplätze sind die Probleme nicht zurück zu führen. So seien die Kapazitäten für Hohenschwangau und Schwangau nicht ausgeschöpft gewesen, berichtete Richard Müller, Geschäftsführer Hotel Müller Hohenschwangau.

Tagesausflügler und Tagestouristen

Peter Nasemann, Vorstand des DAV Sektion Füssen, sieht das Problem dagegen zum Teil aus der Luft – leere Parkplätze, aber zugestellte Straßenränder. Peter Helmer fügte hinzu, dass die Leute Plätze suchen, die kostenlos sind. Egal, ob um zu parken oder zu übernachten. „Die Menschen müssen verstehen, dass hier nichts kostenlos ist!“ Was weniger die Touristen betreffe, die hier Urlaub machen. Wie auch Weisenbach erwähnte, seien es mit Masse die Tagestouristen und Ausflügler, die sich nicht benehmen.

Das sich etwas ändern muss, darüber waren sich alle Teilnehmer einig. Doch was unternommen werden kann und muss, um diese Tendenzen wieder Herr zu werden, wird Teil noch vieler weiterer Gespräche sein. Was nötig sei, so Peter Helmer, ist „eine Kombination aus verschiedenen Maßnahmen“, die getroffen werden müssten. Außerdem sollten die Medien genutzt werden um „den Leuten zu vermitteln, dass sie sich hier nicht so verhalten können“.

Soziale Medien und Parkleitsystem

Thomas Schweiger vom Staatlichen Bauamt verwies auf die Kommunen. Viele der Themen würden diese direkt betreffen. Auch er ist überzeugt, dass die sozialen Medien einen größer werdenden Einfluss auf den (ruhenden) Verkehr haben. „Das müssen wir mehr nutzen und Informationen einbringen.“ Ein gutes und intelligentes Parkleitsystem könne helfen, das Annahmeverhalten und Nachahmen zu vermindern, sagte der Campingplatzbetreiber. Auch müssten die Camper kanalisiert werden.

Ein klares Regelwerk mit regelmäßigen Kontrollen und Überwachung müsse entwickelt werden, mahnte Bürgermeister Rinke. Von einem langen Prozess sprach hingegen Florian Lingenfelder, Vorsitzender des neuen Schwangauer Tourismusbeirat. Der Tourismus müsse gelenkt werden, sonst erwarte die Region unschöne Konsequenzen. „Der Geist ist aus der Flasche – vieles wird man nicht mehr aufhalten können“, fürchtet Nasemann. Deshalb möchte Rinke nun in unterschiedlichen Konstellationen und kleineren Gruppen weiter machen und Lösungen entwickeln.

Selma Höfer

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