VHS-Veranstaltung blickt auf das wilde Jahr 1968 in Füssen zurück

1968: Als Paul Iacob beinahe Prügel kassierte

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Buchautor Hans Schütz (links) im Gespräch mit Karin Ketterl und Dr. Matthias Eschricht während der VHS-Veranstaltung im Magnuspark am Lech.

Füssen – Schockierende Reporterfotos aus dem Vietnamkrieg, der gewaltsame Tod des Studenten Benno Ohnesorg, führende Mitglieder der NSDAP wie Kurt Georg Kiesinger als Bundeskanzler sowie eine obrigkeitshörige deutsche Kriegsgeneration auf dem Weg zur Konsumgesellschaft.

Gründe, sich 1968 den jungen Rebellen anzuschließen oder zumindest Sympathie für sie zu entwickeln, fanden auch in Füssen einen Widerhall, wie am Samstag etliche Zeitzeugen in der VHS berichteten. Das „Erzählcafé“ unter der Fragestellung „1968: Was ereignete sich vor 50 Jahren in Füssen und Bayern?“ wurde ein Forum, das nach dem Urteil vieler Teilnehmer den Besuch wert war. 

Nach den 90 offiziellen Minuten, die VHS-Leiterin Petra Schwartz mit Stichworten steuerte, setzten sich die Gespräche der knapp 50 Besucher vorm Büchertisch und den Dokumentationstafeln fort. Autor Hans Schütz aus Lechbruck, der „den gesellschaftlichen Wandel dieser Zeit in einem Provinzstädtchen“ im Roman „Ludwig zum Zweiten“ beleuchtet, äußerte den Wunsch, dass erneut eine Friedensbewegung entsteht, die sich auf der Straße zeigt. Die bewegte Zeit, als die Außerparlamentarische Opposition (Apo) auf der Straße ihre Stimme erhob, habe zahlreiche wichtige gesellschaftliche Bewegungen entstehen lassen, betonte er. 

In seinem Statement am Ende der Veranstaltung mit 68-er-Erinnerungen der damals 18-jährigen Karin Ketterl und der Ärztin Dr. Henriette Karg aus Buching, hatte Bürgermeister Paul Iacob die Nostalgie zur Seite geschoben und den Finger in die Wunden von Heute gelegt. Dem wachsenden Egoismus sei ein gesellschaftliches Miteinander entgegen zu stellen, betonte er. Als Jugendlicher eckte auch Iacob mit langen Haaren an. Er ließ sich von den in Hohenschwangau zeltenden „Falken“ aus Berlin, eine sozialistische Jugendorganisation, politisieren.

Ruf nach Freiheit

Bevor sich die Studenten nach 1968 in dogmatische Grüppchen aufsplitterten, hatten führende Köpfe wie Rudi Dutschke, Rainer Langhans und Fritz Teufel durchaus Einfluss darauf, dass der Ruf nach mehr Freiheit und Mitspracherechten auch nach Füssen drang. Im Radio erklangen erstmals Songs in englischer Sprache. „Wir waren die Ersten, die in Füssen eine solche Band hatten“, so Michael Jakob. „Als wir aufgetreten sind, war unser neuer Verstärker nur angezahlt“, schmunzelte er. 

Die regelmäßigen Samstagskonzerte der Gruppen führten auch zu einem veränderten Verhalten. Was in der Tanzschule gelernt worden war, wurde für offizielle Anlässe aufgespart. „Wir haben offen getanzt“, so Karin Ketterl, die damals wie alle jungen Mädchen Minirock trug. Keiner musste bei den Musikveranstaltungen darauf warten, zum Tanzen aufgefordert zu werden. 

Daheim im Wohnzimmer waren die Beatles dagegen verboten. Mit Argwohn wurde auch die Lektüre der Jugendlichen betrachtet. Zum Glück gab es erschwingliche Taschenbücher, wie eine Teilnehmerin sagte. Sie hatte den leicht angestoßenen „Steppenwolf“ von Hermann Hesse mitgebracht: ein Kultbuch der damaligen Studentengeneration.

Beinahe Prügel für Iacob

Einig waren sich die Anwesenden, dass Aggression und Gewalt von den „braven Bürgern“ ausging, die auf langen Haare, Jeans, T-Shirts und Parka mit Drohgebärden reagierten. „Nachdem Franz-Josef-Strauß im Eisstadion gesprochen hatte, wäre ich fast verprügelt worden“, so Iacob. In Füssen gab es damals sogar kleinere Demos, wie Schütz in seinem Buch berichtet. Im „Erzählcafè“ vor einem Gemälde, das den kubanischen Helden Che und die Apo-Schönheit Uschi Obermeier zeigt, gab es noch weitere Berichte: über die Zensur der Schülerzeitung, ungestraft prügelnde Lehrer, deren jüngere Kollegen mit den solche Autorität in Frage stellenden Schülern sympathisierten sowie den ersten Ansätzen einer Frauenbewegung. Deutlich wurde dabei eine sich verstärkende Aufbruchstimmung in Füssen und im Umland. 

Womit die am „Erzählcafè“ teilnehmenden Besucher „1968“ verbinden, sollte auf einem Blatt geschrieben werden. Die Blätter, so die VHS-Leiterin, sollen zusätzlich zu einer Dokumentation präsentiert werden.

Chris Friedrich

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