Aschenbrenner-Museum: Ausstellung zu Electrine von Freyberg in Garmisch

Alte Menschen, Hütten und Berge

Sonderausstellung
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Kunsthistoriker Pankraz Freiherr von Freyberg erforschte das Leben Electrines von Freyberg. Irmgard Freiin Vequel-Westenach pflegt den Nachlass ihrer Urur-Großmutter. Die Leiterin des Aschenbrenner-Museums, Karin Teufel (re), stellte die Ausstellung zusammen.
  • VonGünter Bitala
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GAP – Electrine war ein Wunderkind mit dem Zeichenstift. Der Vater wollte die künstlerische Karriere seiner Tochter fördern, das Mädchen aber lieber heiraten. Wie aus Maria Electrine Freifrau von Freyberg, geb. Stuntz, eine erfolgreiche Künstlerin wurde, und welche Rolle in dieser Geschichte das Werdenfelser Land spielt, erzählt eine Ausstellung im Aschenbrenner-Museum.

Maria Electrine kam am 24. März 1797 – das war ein Freitag - als Tochter des Schweizer Lithografen Johann Baptist Stuntz in Straßburg zur Welt. Papa Stuntz gab dem Mädchen Zeichenunterricht und lehrte sie die Kunst des damals neuen Steindrucks. Später, als junge Frau, galt Electrine als beste Lithografin ihrer Zeit.

1808 siedelte die Familie nach München über. Johann Baptist Stuntz wusste von der Kunstsinnigkeit des Bayerischen Königshauses. Davon wollte er für seine drei Kinder profitieren. Mit Erfolg: Königin Caroline und Kronprinz Ludwig (später König Ludwig I.) kamen persönlich zu Atelierbesuchen und vergaben Aufträge an das begabte Mädchen. Mit 16 Jahren (1813) wurde Electrine als zweite Frau in die Königlich Bayerische Akademie der bildenden Künste aufgenommen. Papa Stuntz platzte fast vor Stolz.

Heimliche Turteltäubchen

Jetzt passierte etwas, was in den Augen des Vaters hätte niemals passieren dürfen: Electrine verliebt sich in den Hofstallmeister Wilhelm Freiherr von Freyberg. Bei Stuntz schrillten alle Alarmglocken: „Eine Ehe beschränkt das freie Leben einer Künstlerin!“ Bei dieser Haltung spielte wohl auch eine nicht ganz unwesentliche Rolle, dass Electrine mittlerweile mit den Einkünften für ihre Arbeiten der Familie ein sorgenfreies Leben finanzierte. Dieses Geld wäre mit ihrem Ehestand weg.

Auch Wilhelms Eltern, die von Freyberg, waren nicht angetan ob der Liebesbeziehung ihres Sohnes: „Eine Hochzeit mit einer Bürgerlichen – Oh Gott!“ Electrine und Wilhelm trafen sich heimlich an der Gipsmühle bei München-Thalkirchen, die sich Electrine noch als Minderjährige von ihren ersten Honoraren kaufte. Jetzt war guter Rat gefragt, Papa Stuntz fand schließlich die Lösung: Seine talentierte Tochter braucht noch mehr Ausbildung und noch mehr Förderung. Er leierte dem König ein großzügiges Stipendium aus dem Säckel, 1000 Gulden. Stuntz packte für sich und das Töchterlein die Koffer. Es ging auf Reisen: „Ist Wilhelm erst einmal aus den Augen, ist er bald auch aus dem Sinn!“, mag er sich gedacht haben.

Jetzt also Paris. Im Louvre gibt es für eine junge Künstlerin viel zu schauen und zu studieren. Dann Italien – Bozen, Mantua, Bologna, Florenz, Perugia. Und natürlich Rom, der Sehnsuchtsort vieler Künstler. 1821 wurde Electrine als Ehrenmitglied in die Accademia di San Luca in Rom aufgenommen – eine ungewöhnliche Auszeichnung für eine Deutsche, die gerade dem Teenager-Alter entschlüpft war.

Fünf Monate blieben Electrine und Johann Baptist im Land der blühenden Zitronenbäume. Das ist lang und weit genug von München entfernt, um den stürmischen Galan zu Hause zu vergessen. Die Zeit heilt allen Liebesschmerz! Was Johann Baptist Stuntz nicht bemerkt hatte: Wilhelm von Freyberg war dem Vater-Tochter-Paar stets hinterher gereist. Er war immer in Electrines Nähe, heimlich. Als diese Turtelei im Ausland herauskam und alle wieder in München waren, strichen Eltern und Schwiegereltern die Segel. Sie willigten in die Hochzeit ein, sogar König Max I. gab seinen Segen.

Badekur in Kainzenquelle

Die Hochzeit war 1822. Das Paar zog in die Gipsmühle bei Thalkirchen, die 1825 zur stattlichen ‚Freyberg-Villa‘ wurde. Electrine gebar sieben Kinder; wovon eines tot zur Welt kam, und zwei im Alter von neun Monaten und zweieinhalb Jahren starben.

Was ist mit Electrines künstlerischen Karriere passiert? War sie zu Ende, wie es der Vater befürchtete? Ganz im Gegenteil: Wilhelm war nicht nur ein Leben lang in seine Frau verliebt. Er förderte sie, wo er nur konnte – trieb bei Kunstauktionen die Preise hoch. Pflegte Kontakte zu Kunsthändlern, Privatsammlern und Galeristen. Electrine machte Portraits, Landschaftsstudien, religiöse und allegorische Motive. Sie nahm an Ausstellungen teil, wurde von der Kunstkritik hoch gelobt.

In den 1830er-Jahren schwindet ihre Gesundheit. Im August 1839 kommen die Eheleute und ihre Tochter Thekla zur Badekur nach Partenkirchen. Ziel war das Kainzenbad; das schwefelhaltige Wasser aus dieser Quelle versprach Heilung bei 26 Leiden. Die Freybergs fuhren mit einer bequemen Reisekutsche aus dem königlichen Marstall an. Normalbürger mussten den sogenannten Eilwagen nehmen, der immer sonntags Früh in München abfuhr und 22 Stunden bis Partenkirchen brauchte. An fünf Stationen wurden die Pferde gewechselt. Partenkirchen hatte damals 250 Häuser und 1077 Einwohner. Die besten Gasthäuser am Platz waren ‚Die Post‘ und der ‚Goldene Stern‘.

Gäste zur Badekur nahmen Quartier bei Privatvermietern. Die Freybergs bezogen ihre Zimmer bei der ‚Glaser Klarl‘. Electrine hatte Bleistift und Papier dabei. Sie zeichnete Häuser, Höfe, das Gebirge rund um Partenkirchen und Garmisch. Sie machte Ausflüge nach Hammersbach und zur Höllentalklamm. Sie portraitierte Bauern beim Denggeln, Kinder, Mütter mit Säuglingen, alte Menschen. Heustadel und Hütten. Die Familie suchte Kontakt zu Einheimischen, anderen Touristen und nahm an den Festen der Bauern teil. In den 1840er-Jahren kam Electrine immer wieder nach Partenkirchen und später auch nach Bad Heilbrunn. Über einen Besuch am Kochelsee schrieb sie am 11. September 1842: „Die Kinder waren selig, und hatten das Ziel ihrer Wünsche erreicht. Sie sangen, jodelten und Ludwig machte sich viel mit den Sennerinnen zu schaffen.“

Vergessene Romantikerin

Die Leiterin des Garmisch-Partenkirchener Aschenbrenner-Museum, Karin Teufel, sagt zu der von ihr zusammengetragenen Ausstellung: „Electrines Bilder und ihre Briefe sind heute wertvolle Dokumente aus der Zeit des frühen Tourismus im Werdenfelser Land. Damals, als es noch keine Fotoapparate gab, und nur wenige Menschen in den Bergen.“ Maria Electrine von Freyberg zählt zu den führenden Künstlerinnen der deutschen Romantik. Gerade ihre Lithografien und Heiligenbilder bezeugen ihr hohes künstlerisches Können. Sie starb am Freitag, 1. Januar 1847, mit knapp 50 Jahren. Karin Teufel: „Während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geriet Electrine in Vergessenheit. Ihr romantisches Kunstverständnis passte nicht mehr in die Zeit. Kunstschaffende mit anderen Sichtweisen gewannen an Einfluss.“ An die Künstlerin Electrine von Freyberg würde sich heute kaum jemand erinnern, hätten nicht zwei Familienangehörige in jüngster Zeit ihr Erbe für die Nachwelt aufbereitet. Der Kunsthistoriker Pankraz Freiherr von Freyberg erforscht das Leben Electrines, und Irmgard Freiin Vequel-Westenach pflegt mit viel Engagement den Nachlass ihrer Urur-Großmutter. Sie stellt viele Exponate für die Ausstellung zur Verfügung.

Die Ausstellung „Die Künstlerin Electrine von Freyberg zur Badekur in Partenkirchen“ ist bis 7. November zu sehen – im Aschenbrenner-Museum Garmisch-Partenkirchen, Loisachstraße 44. Das Museum ist Di. bis So. und an Feiertagen jeweils von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Es gelten die aktuellen Bestimmungen zur Corona-Pandemie. Anmeldung unter Telefon: 08821-7303105. www.museum-aschenbrenner.de gb

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