Kirchta-Singen erinnert an zwei verheerende Dorfbrände

Besonderer Kirchweih-Brauch in Unterammergau

+
Die Kirchta-Sänger von Unterammergau warnen vor den Gefahren des Feuers.

Aus allen Gassen und Winkeln kommen die Männer zusammengelaufen. Fackeln weisen in stockdunkler Nacht den Weg. In Unterammergau hat sich ein Kirchweihbrauch entwickelt, den es in dieser Form nur hier gibt. Das Kirchta-Singen geht auf zwei Dorfbrände zurück, die im 18. und 19. Jahrhundert eine große Zahl der Bauernhöfe und Wohnhäuser zerstörten.

So ziehen am Vorabend zum Kirchweihsonntag – heuer am Samstag, 19. Oktober, ab 20 Uhr – die Männer und Burschen des Trachtenvereines durch die Straßen des Dorfes und mahnen: „Gebt acht aufs Feir! Gebt acht aufs Licht!“ Am 23. März 1777 vernichtete ein Feuer in Unterammergau 63 Häuser. Am 23. März 1863 fielen den Flammen noch einmal 41 Wohnhäuser zum Opfer. Ausgelöst wurden die Brände wohl von unachtsamen Bäuerinnen, die am offenen Herd Schmalzkücherl backten und denen das siedende Fett überschwappte. In der Dorfchronik ist zum Brand von 1836 zu lesen, dass innerhalb von zwei Stunden 210 Personen ihr Hab und Gut verloren hatten. Tags darauf setzte eine beispiellose Welle der Hilfsbereitschaft ein: „Der Spaniolbäck aus Oberammergau lieferte 50 Laiber Brot. Die Gemeinde Oberammergau gab sieben Fuder Heu und mehrere Wagen Mobiliar. Heu gab es auch aus Altenau und zwar ein Fuder. Aus Ettal und Graswang kamen zwei Fuder Heu und aus Kohlgrub vier, sowie drei Schaffl Korn. Die Partenkirchener fuhren zwei Fuder Heu und zehn Schaffl Kartoffeln heran, und die Garmischer steuerten zwei Fuder Heu und je ein halbes Schaffl Korn und Hafer bei“, berichtet der Chronist.

Als Folge dieser Katastrophen lief von da an ständig ein Nachtwächter durch Unterammergau und warnte vor den Gefahren des Feuers. Außerdem durften keine Vordächer mehr an den Häusern angebaut sein. Holz musste außerhalb des Dorfes gelagert werden. Mit dem Ersten Weltkrieg verschwand der Nachtwächter aus dem Pürschlingsdorf. Erst 1927 erinnerte sich die ‚Kirschlerin‘ – wie Maria Braunegger mit Hausnamen gerufen wurde – an das Nachtwächterlied. Von diesem Zeitpunkt an lebte die Tradition mit Konrad Braunegger, Harti Fuß und Klement Schärfl als Sänger und Nachtwächter wieder auf – und zwar konzentriert am Vorabend zum Kirta, wie es in Unterammergau heißt. 1932 brachte der Huaba Klos, also der Heimatforscher Nikolaus Huber, das Mahnlied in einen vierstimmigen Satz. Außerdem komponierte er das Aufzugslied neu dazu – „Treu dem guten Alten. Treu der Sitt und Tracht“. Pünktlich um 20 Uhr treffen sich an diesem Samstag die Männer am Haus der ‚Schilling-Paula‘ an der Ammerbrücke. Dort war 1863 das erste Feuer ausgebrochen; eine Gedenktafel erinnert daran. Der Nachtwächter stimmt an: „Nun kommt heraus, aus eurem Haus! Hört unser Lied euch an!“ Nach den Liedern wünschen die Sänger allen Anwesenden „Holts guat Kirchta!“ Darauf antworten die Zuhörer: „Bis zum Mirchta!“ - also bis zum Dienstag. Zu insgesamt zehn Stationen im Dorf zieht die Gruppe, überall wiederholt sich der Aufzug.  Günter Bitala

Auch interessant

Meistgelesen

20 Jahre Klimaforschung auf der Zugspitze
20 Jahre Klimaforschung auf der Zugspitze
Skisaison startet auf der Zugspitze
Skisaison startet auf der Zugspitze
Hermann-Levi-Tage in Garmisch-Partenkirchen
Hermann-Levi-Tage in Garmisch-Partenkirchen
Felsarbeiten zwischen Mittenwald und Klais dauern an
Felsarbeiten zwischen Mittenwald und Klais dauern an

Kommentare