Diskussion über Digitalisierung und Geriatronik in Garmisch-Partenkirchen

Digitalisierung in der Pflege

Diskussionsrunde
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Im Bild (v.l.): Dr. Stefan Thiel, Prof. Sami Haddadin, Elisabeth Löwenbourg-Brzezinski, Andreas Krahl, Alexander Huhn.

GAP – Im Hybridformat, also Online und live, diskutierten hochkarätige Experten und Politiker im Adlwärth Kurpark Pavillon in Garmisch-Partenkirchen über die Digitalisierung und Geriatronik in der Medizin und Pflege.

Zur Veranstaltung von Bündnis90/Die Grünen erschien deren Direktkandidatin für den Bundestag, Elisabeth Löwenbourg-Brzezinski, die mit Andreas Krahl, MdL. Senioren-und Pflegepolitscher Sprecher der Grünen Landtagsfraktion, Professor Sami Haddadin, Professor für Robotik und Systemintelligenz an der TU München, Alexander Huhn, Leiter Caritas Garmisch-Partenkirchen sowie Bauherr des geplanten Bildungs- und Pflegezentrums über dieses aktuelle Thema unter der Leitung und Moderation von Dr. Stefan Thiel von den Grünen diskutierte.

Der Gesundheitssektor, der im Landkreis und insbesondere in Garmisch-Partenkirchen eine wirtschaftlich zentrale Rolle einnimmt, steht, da waren sich alle auf dem Podium Sitzenden einig, vor einem umfangreichen Wandel. Aber wie kann eine Neuordnung der medizinischen und pflegerischen Versorgung, Digitalisierung in allen Bereichen der medizinischen Pflegeversorgung, gelingen?

Die Experten beleuchteten Zukunftschancen und Herausforderungen. Löwenbourg-Brzezinski betonte, dass künstliche Intelligenz-Systeme in der Pflege zum Einsatz kommen sollten, „weil digitale Technik dem Pflegeteam die Arbeit erleichtert, das somit mehr Zeit für den Patienten hat.“ Die Politikerin wies auf die notwendige ethische Einbettung hin und forderte, dass die Krankenkassen sich an den Kosten für Robotik beteiligen müssen. Professor Haddadin, der am Forschungszentrum Robotik in der Marktgemeinde forscht und hier Großes aufbauen möchte, genießt weltweit einen hervorragenden Ruf. Bei tropischen Temperaturen – „ich bin viel zu warm angezogen, weil ich den Tag über im Keller gearbeitet habe“, verriet der Träger vieler Preise, skizzierte die Vorteile der Geriatronik (ein Kunstwort aus „Geriatrie“ und „Künstlicher Intelligenz/KI“). „Intelligente Roboter-Assistenten helfen den Menschen im Alter, länger daheim, in den eigenen vier Wänden, leben zu können. Sie kompensieren Probleme, bestimmen aber nicht über die Menschen“, erklärte Haddadin.

20 Jahre hat er Grundlagenforschung betrieben, sein Ziel ist es, dass künftig Roboter alltägliche Verrichtungen übernehmen werden, Tätigkeiten wie das Öffnen einer Tür, die Hilfe beim Aufstehen oder das Holen eines Glases Wasser. Doch bis die künstlichen Assistenten ihre Arbeit tatsächlich aufnehmen werden, wird es wohl noch ein längerer Weg werden. „Dabei müssen sie absolut sicher agieren, das ist ganz, ganz wichtig“, erklärte der begeisterte und visionäre Wissenschaftler. Er berichtete von seiner finnischen Großmutter, die mit 90 noch E-Mails beantwortet hat und sprach von der Möglichkeit, über Distanz mit Hilfe von Technik den Händedruck eines anderen spüren zu können. „Das ist eine Erweiterung des Internets auf den Körper und absolut denkbar und möglich.“ Haddadin sprach sich für eine Investition in Aus- und Weiterbildung der Pflegkräfte aus, damit diese mit der Technik von Anfang an vertraut werden und mit ihr dann auch umgehen können. „Das ist ein ganz zentrales Anliegen von mir. Huhn sprach die Skepsis vieler älterer Menschen vor der „kalten Roboterhand“ an, ist aber grundsätzlich davon überzeugt, dass „Assistenzsysteme entlasten, Sicherheit geben und vor allem: den Pflegeberuf reizvoller und umfassender gestalten können.“ Und weiter meinte er: „Altenheime machen aus Frust der Träger und Leitungen zu, weil Fachkräfte fehlen, das Image der Pflege muss attraktiver werden und die Robotik oder Geriatronik als Teil einer umfassenderer Ausbildung können dazu ihren Beitrag leisten.“

Auf den demographischen Wandel kam Krahl zu sprechen, im Jahr 2035 seien 30 Prozent der Menschen über 65, 40 Prozent sogar über 75 Jahre alt. „Gleichzeitig geht die Zahl der Jüngeren zurück. Frauen und Kinder stehen oft nicht für die Pflege ihrer Angehörigen zur Verfügung, weil sie berufstätig sind und nicht mehr in der Region leben - wir brauchen Roboter“, meinte der Vertreter aus dem Landtag. Der gelernte Krankenpfleger, der auch Rettungsassistent beim Bayerischen Roten Kreuz ist, sprach sich auch für Präventionsmaßnahmen aus. Damit Pflegebedürftigkeit möglichst nicht so rasch entsteht, sollten Essen auf Rädern oder ambulante Pflegedienste gefördert werden.

Die Diskussionsteilnehmer beleuchteten im weiteren Verlauf der Veranstaltung die Fragen von finanzieller Förderung, allgemeiner Ethik und Sicherheit. Haddadin machte sich immer wieder für Forschung im Allgemeinen stark, „die – im Sinne von Erkenntnisgewinn - monetär nicht zu bewerten ist.“

Mit einer guten Idee könne man die Welt verändern, so der Professor, der diese Denkweise in Deutschland gern wachsen sähe. „Viele Technologien entstehen hier, werden dann aber nicht bis zur Marktreife gefördert und wandern ins Ausland ab. Später müssen wir teuer für diese von uns selbst entwickelte Technik zahlen, da stimmt etwas nicht im System.“ Gegen allgemeine Bedenken in Sachen Künstliche Intelligenz meinte er nur: „Sie steckt in jedem Smartphone, wir sind uns dessen nur nicht bewusst.“ Dass Grundlagen- und Anwenderforschung gleichermaßen wichtig sind, bekräftigte auch Huhn, der dafür plädierte, einfach auszuprobieren, ob die eigene Autonomie und Selbstbestimmung durch Roboter tatsächlich gefährdet wird.

„Die grundsätzliche Frage lautet: Wie wollen wir im Alter leben? Etwa 85 Prozent der Menschen können sich ein durch moderne Technik unterstütztes Leben vorstellen. Weil wir hier keine Erfahrungen besitzen, sind Transparenz und Dialog umso im Vorfeld umso wichtiger.“ Alle universitäre Forschung kann sich nur in der Praxis bewähren, Haddadin lobte den Standort Garmisch-Partenkirchen für seine „fantastische Unterstützung“ und wünscht sich eine noch engere Bindung. „Für mich als Forscher ist es eine bereichernde Mission und es ist schon vieles passiert. Immer ist eine optimale Versorgung der Menschen das Ziel.“ Und die ist, das war allen Anwesenden, auch den interessiert lauschenden Zuhörern dieser zukunftsweisenden Diskussionsrunde, klar, ohne Technik, die ja schon in alle anderen Lebensbereiche Einzug gehalten hat; nicht möglich. Warum soll sie nicht ach in Medizin und Gesundheit zu weitreichenderer Anwendung kommen, fragte Haddadin rhetorisch und ergänzte: „Wir müssen nach und nach Werkzeuge entwickeln, von denen die Menschen profitieren.“ bf

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