Ein Dorf voller Energie – Bilanz und Visionen in Schwaigen-Grafenaschau

Rindviecher als biologische Kraftwerke?

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Energiewende beginnt im Kopf; v. li: Landrat Anton Speer, Andreas Scharli (Energiewende Oberland), Richard Hufnagel und Birgit Lechner (beide Verbraucherzentrale), Arno Nunn (Bürgermeister von Oberammergau), Titan Götz, Karl Pirker und Simon Kozlowski (Studenten der TU München), Ilkaan Karatas (Kompetenzzentrum e-Mobilität), Florian Diepold-Erl (Klimaschutzmanager des Landkreises GAP), Hubert Mangold (Bürgermeister von Schwaigen-Grafenaschau).

Grafenaschau – In Schwaigen-Grafenaschau ist während der vergangenen Jahre beim Thema Energie-Effizienz viel passiert. Jetzt stand ein Vortragsabend mit Fachleuten und Kommunalpolitikern auf dem Programm; quasi als Zwischenbilanz, gespickt mit Visionen.

Die Veranstaltung fand im Rahmen des ‚Klimafrühlings 2018‘ statt. Das Motto „Ein Dorf voller Energie“ ergänzte Landrat Anton Speer um den Satz „Mit einem Bürgermeister, der für die Sache glüht.“ Gemeint ist Hubert Mangold, der eine Menge angeschoben hat: „Nur gemeinsam können wir unsere Vorstellungen von nachhaltiger Energie- und Wärmeversorgung umsetzen. Da müssen Bürger, Gemeinderat, Verwaltungsgemeinschaft und Landkreis mit ins Boot.“

Da ist zum Beispiel die e-Mobilität. Derzeit können die Grafenaschauer ein elektrisches Auto kostenlos ausprobieren. Das „Wander-E-Auto“ ist ein Projekt der Zugspitz-Region GmbH in Verbindung mit Kooperationspartnern. Am künftigen Dorfladen entstehen zwei Strom-Zapfsäulen, die für Elektroautos als auch für E-Bikes geeignet sind. Ilkaan Karatas (Kompetenzzentrum e-Mobilität GAP): „Die Vorgaben der EU und der Weltklima-Konferenz (Paris 2015) kann man ohne den Umstieg auf elektrische Fahrzeuge nicht erreichen. Bei einem cleveren e-Car-Sharingsystem lassen sich durch ein Elektroauto sechs bis acht Fahrzeuge mit herkömmlichen Verbrennungsmotoren ersetzen.“ Das wären immerhin 45 Autos, von den 360 in Grafenaschau gemeldeten Pkw. Wenn man es geschickt organisiert, wäre e-Car-Sharing eine Ergänzung zum Öffentlichen Personen-Nahverkehr (ÖPNV). Oberammer­gaus Bürgermeister Arno Nunn, der den Regionalversorger Ammer-Loisach-Energie vorstellte: „Das große schwere Auto darf nicht mehr Statussymbol sein. Die Menschen müssen umdenken. Ein wendiges und spritziges e-Car ist sexy! Das muss das Statussymbol der jungen Generation werden.“ Für Arno Nunn setzt die Diskussion falsch an: „Wir reden von Reichweiten – 200 Kilometer oder 300 Kilometer. Elektroautos aber eignen sich als Zweitwagen zum Einkaufen oder für Besorgungen. Das passiert im Umkreis von 40/50 Kilometern. Dafür reicht die Kapazität locker aus .“ Die Kommunen investieren laufend in den Aufbau neuer Ladesäulen. Im Landkreis Garmisch-Partenkirchen wird es eine Bedarfsanalyse für jeden einzelnen Ort geben. So gesehen sind Elekroautos auch ideale Fahrzeuge für Handwerker und Lieferdienste, die ihre Kunden in der Region versorgen wollen. Oder für Ausflugsfahrtem im Bereich Tourismus, Hubert Mangold: „In Grafenaschau lebt eine Reihe von Menschen, die den gleichen Arbeitsweg haben. Fahrgemeinschaften mit e-Cars bieten sich geradezu an.“

Energie aus Holz

Dass ein Ort wie Schwaigen-Grafenaschau die Herausforderungen der Energiewende nicht allein wuppen kann, ist Bürgermeister Hubert Mangold klar. Was in seinem Dorf – mit 633 Einwohnern die kleinste Gemeinde im Landkreis – möglich ist und wie man dabei die Bürger einbindet, soll ein Energie-Nutzungsplan zeigen, der mit Hilfe der Bürgerstiftung ‚Energiewende Oberland‘ in Arbeit ist. Andreas Scharli (Bürgerstiftung): „Schwaigen-Grafenaschau besteht zu 69 Prozent der Gemeindefläche aus Wald. Wir werden schauen, wie man dieses Potenzial nutzen kann.“ Das Stichwort ist Holzvergasung: eine Technik aus den 1920er-Jahren, aber mittlerweile wieder aktuell. Es kann auch eine Nahwärme-Versorung mit Hackschnitzel sein, an die neben der kommunalen Gebäude auch Privathäuser angeschlossen sind. Scharli denkt darüber hinaus an die 700 Rindviecher im Dorf. Gülle und Dung dieser Tiere lassen sich in einer Biogasanlage zur Energiegewinnung nutzen.

Power-to-Gas?

Der Klimaschutzmanager des Landkreises Garmisch-Partenkirchen, Florian Diepold-Erl führt an, dass in den 272 Wohnungen der Gemeinde Schwaigen-Grafenaschau viel Potenzial steckt, und wieder ist es Arno Nunn, der sagt: „Die Energiewende fängt beim Einzelnen an. Jeder muss sich fragen, ob er Steckerleisten mit Abschaltknopf hat, oder ob er Glühbirnen gegen LED-Lampen austauschen kann. Ist die Heizung auf dem modernsten Stand?“ Wer Rat braucht, ist bei der Bayerischen Verbraucherzentrale in guten Händen. Richard Hufnagel: „Wir bieten sowohl in Murnau als auch in Garmisch-Partenkirchen feste Beratungstermine, die maßgeschneidert auf die Fragen der Interessenten zugeschnitten werden können. Wenn es ins Detail geht, kommen unsere Berater ins Haus.“ Der Neubau des Rathauses von Schwaigen-Grafenaschau ist bundesweit bekannt geworden. Hubert Mangold: „Unser Ziel ist ein kommunales Gebäude gewesen, mit niedrigem Energieverbrauch und wenig Wartungsaufwand.“ Moderne Materialien und innovative Techniken machen das möglich; Hubert Mangold: „Wir produzieren 70 Prozent unseres Stroms selber.“ Zu mehr Energie-Autarkizität ist es noch ein weiter Schritt, so Mangold. Dazu braucht es effektivere Speichermöglichkeiten. Vielleicht wissen die fünf Studenten der TU-München Rat, die im Rahmen einer Projektarbeit alle kommunalen Gebäude Schwaigen-Grafenaschaus (Rathaus/Kindergarten, Feuerwehr/Mehrzweckhalle, Dorfladen) untersuchten. Ihr Fazit: Wenn man die Anwesen geschickt mit PV-Anlagen ausstattet, könnte man zu Spitzenzeiten mehr Strom erzeugen, als man braucht. Überschüssige Energie könnte man speichern. Die Studenten schlagen das sog. „Power-to-Gas“-System vor. Dabei würde Sonnenstrom in Methan (Erdgas) umgewandelt, dass in Kesseln gespeichert wird. Bei Bedarf kann dieses Gas wieder in Strom zurück verwandelt werden. Ein echtes Pilotprojekt, denn weltweit gibt es derzeit nur 30 solcher Anlagen. Auf die Gemeinde Schwaigen-Grafenaschau kämen rund 150.000 Euro Investitionskosten zu.

Auch wenn Power-to-Gas für die Gemeinde weit entfernte Zukunftsmusik ist, sagt Bürgermeister Mangold in seinem Schlusswort: „Ideen gibt es genug und der Wille zur Energiewende ist bei immer mehr Menschen vorhanden. Jetzt sind Behörden und Gesetzgeber gefordert, praktikable Rahmenbedingungen und Richtlinien zu erlassen.“

von Günter Bitala

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