Gedanken zum Richard-Strauss-Festival, das an diesem Wochenende seinen Auftakt gefeiert hätte

Freiräume für neue Inspirationen

Freiräume
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Uwe Schneider ist General Manager der Akademie für Alte Musik Berlin und wäre gern Teil des Festivals gewesen.

GAP – An diesem Wochenende hätte das Richard-Strauss-Festival 2020 in Garmisch-Partenkirchen seinen Anfang genommen – doch wie bei so vielen Veranstaltungen machte die Corona-Pandemie auch diesen kulturellen Höhepunkt, auf den sich viele Klassikfreunde schon gefreut hatten, zunichte. Das Programm unter dem Leitbild „HUMANITAS.MENSCH“ wurde auf den Zeitraum 18. bis 27. Juni 2021 verschoben.

Großes Bedauern äußerte der Künstlerische Leiter Alexander Liebreich: „Die Absage des Richard-Strauss-Festivals für das Jahr 2020 fällt unserem Team, allen Verantwortlichen und mir persönlich ganz besonders schwer, aber die Gesundheit des Einzelnen und die der Gesellschaft im Allgemeinen hat die allerhöchste Priorität. Wenn wir aus der Krise etwas lernen können, dann ist es die Gewissheit, wie wichtig die Kultur für unser Zusammenleben ist. Dabei geht es nicht nur um die klassische Musik; alle Formen des kreativen Handelns und des erweiterten Denkens sichern uns in dieser schwierigen Zeit der Beschränkung die so notwendige Qualität im Überleben. Wir hoffen, dann im Juni 2021, mit voller Kraft das Thema „HUMANITAS. MENSCH“ in Garmisch-Partenkirchen und seinem wunderbaren Werdenfelser Land bei Konzerten und Begegnungen in der Natur wieder aufgreifen und feiern zu können.“ 

Weil die Feierlichkeiten rund um den 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens das Klassikjahr 2020 bestimmen, sollte Beethovens einzige Oper „Fidelio“ im Rahmen des Richard-Strauss-Festivals in Garmisch-Partenkirchen erklingen. Die Akademie für Alte Musik Berlin (kurz Akamus), die heute zur Weltspitze der historisch informiert spielenden Kammerorchester gehört, war nach Garmisch-Partenkirchen eingeladen. Uwe Schneider, der General Manager der 1982 in Berlin gegründeten Akademie für Alte Musik Berlin, bedauert natürlich sehr, dass das Vorhaben im Beethoven-Jubiläumsjahr nicht zustande kommt und hat seine Gedanken zur Ausnahmezeit „Corona“ in einem Interview dem Festivalteam mitgeteilt. 

Woran arbeiten Sie? 

Uwe Schneider: „Für ein freies Orchester wie Akamus geht es derzeit ums Überleben. Das deutsche Zuwendungsgesetz erlaubt es uns nicht, finanzielle Reserven zu haben: so geht es vor allem darum, diese Krisenzeit als Ensemble wirtschaftlich zu überstehen. Zugleich müssen die Weichen für einen Wiederbeginn gestellt werden, für den Bedingungen und Zeitpunkt nicht klar sind. So entwickle ich kreative und flexible Konzepte für verschiedene Szenarien und versuche über Anträge für Projekte etwas wirtschaftliche Entlastung zu schaffen. Zugleich muss die Absage von mindestens 40 Konzerten sowie CD-Aufnahmen in all ihren Konsequenzen organisiert werden.“ 

HUMANITAS.MENSCH ist das Leitbild des Richard-Strauss-Festivals – es hat aber auch mit dem Beethoven-Jahr zu tun, oder? 

Uwe Schneider: „Unbedingt, es hat als emphatischer Ausdruck von Menschlichkeit vor allem mit Beethovens ‚Fidelio‘ zu tun, dessen Aufführung in Garmisch-Partenkirchen für uns ein Höhepunkt des Beethoven-Jahres gewesen wäre. Der Humanitas-Gedanke, der darin mit einer hohen emotionalen Spannung der Handlung und Musik den aufklärerischen Bruch mit alten Ordnungen herbeiführt, markiert im ‚Fidelio‘ eine Zeitenwende und ist fester Bestandteil des kulturellen und ethischen Gedächtnisses europäischer Kultur: Das Individuum (und nicht mehr die Gesetze der Götter und antiken Herrscher) steht nun im Mittelpunkt der nach-revolutionären Zeitläufe. Beethovens einzige Oper kann als Utopie einer befreiten Menschheit verstanden werden – und ist damit das Fanal einer neuen Gesellschaftsordnung.“

Was hören Sie derzeit? 

Uwe Schneider: „Die unfreiwillige Ruhe des Musikbetriebs hat Freiräume für neue Inspirationen geschaffen. Der große Stapel ungehörter Aufnahmen wird kleiner, mit mehr Muße kann man dabei nach neuen Talenten, nach spannenden Interpretationen und neuem Repertoire für das Orchester Ausschau halten. Es ist aber nicht die Klangwolke der gestreamten Wohnzimmerkonzerte, die inspiriert, sondern die hohe Qualität künstlerisch seriös vorbereiteter Darbietungen mit durchdachten Konzepten, einem ästhetischen Anspruch und der Unausweichlichkeit, sich dem Erlebnis der Musik aussetzen zu müssen.“ 

Was bringt Sie zum Lachen? 

Uwe Schneider: „Neben Situationskomik vor allem gute, intelligente Satire. Wie derzeit etwa von Josef Hader mit seinen treffenden Kommentaren zu den Begleiterscheinungen und Ausgeburten der Coronakrise. Es tut immer gut, schlechten Zeiten und Situationen auch etwas Komisches abgewinnen zu können. ‚Satiriker sind Idealisten‘, hat Erich Kästner gesagt und damit die Hoffnung formuliert, auch im Schlechten das Positive finden zu können.“ 

Was ist Ihr persönliches Motto? 

Uwe Schneider: „Ein Motto für ein ganzes Leben scheint mir arg kurz gegriffen. Doch ich habe schon lange mit Frank Wedekinds Aperçu ‚Das Leben ist eine Rutschbahn‘ sympathisiert. Nicht fatalistisch verstanden, sondern als Aufruf zu einem dynamischen, beweglichen Leben, mit erfrischendem Fahrtwind und der Freude am Aktiv sein.“   kb

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