Traditionsreiche Prozession über den Staffelsee

Fronleichnam als Gegengewicht zur Luxus- und Spaßgesellschaft

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Fronleichnams-Proezssion auf dem Staffelsee.

Seehausen – Wie alt die Prozession in Seehausen ist, weiß niemand mehr zu sagen. Fest steht aber, dass Pfarrer Sebastian Wieser 1936 die heute weit über die Grenzen des Dorfes hinaus bekannte „Seeprozession“ ins Leben rief. Dorthin, wo das Fundament des christlichen Glaubens im Staffelsee-Gebiet liegen.

Nach der Fronleichnams-Liturgie um 8 Uhr in der Pfarrkirche St.Michael formieren sich die Menschen zu einer Prozession durch die Dorfstraße hinaus zum See. An vier Altären werden die Evangelien gehört. Mit Booten geht es hinüber zur Insel Wörth – heuer am Donnerstag, 15. Juni. Der Fronleichnams-Tag geht auf die Visionen der 16-Jährigen Augustiner-Nonne Juliana im belgischen Lüttich zurück. Das später heilig gesprochene Mädchen berichtete 1209, dass sie den Mond gesehen hatte, mit einem dunklen Fleck. Jesus soll ihr erklärt haben, dass der Mond das Kirchenjahr symbolisiere, und der Fleck das Fehlen des Festes vom Leib und Blut Christi verdeutliche. An Fronleichnam feiern seitdem die Katholiken das Allerheiligste Altarsakrament – in dem sie den Leib Christi aus den Kirchen hinaus zu den Menschen tragen. 1264 wurde Fronleichnam von Papst Urban IV. zum christlichen Hochfest erhoben. Thomas von Aquin formulierte im 13. Jahrhundert Stundengebet und Messe dazu. 

Es gab aber auch Kritiker: Reformator Martin Luther nölte im 16. Jahrhundert: „Ich bin keinem Fest mehr feind, als diesem. An keinem anderen Fest wird Gott und Christus mehr gelästert, als an diesem Tage und mit dieser Prozession.“ Sein Wort blieb ohne Wirkung, denn das Konzil von Trient (1545 - 1563) machte Fronleichnam zum Sinnbild der Gegenreformation , als „vorzügliche fromme und erbauliche Sitte.“ Der nächste Ärger zog im 17. und 18. Jahrhundert auf, zur Zeit der Aufklärung. Die Kritik entzündete sich am massenhaften Abholzen von Birken und dem Abschießen von Böllern. 1781 wurden im Kurfürstentum Bayern die Fronleichnamsprozessionen verboten – 1803 übrigens auch die Leonhardiumritte. 1959 beschäftigte sich die päpstlichen Ritenkongregation mit Fronleichnam. Die Bischöfe und Kardinäle im Vatikan stellten klar, dass die Prozessionen keine Liturgie darstellen, sondern als „fromme Übungen“ anzusehen sind und damit in die Zuständigkeit der Diözesanbischöfe fallen. Und weil immer mehr Menschen weg wollen von der „Kopflastigkeit der heutigen Zeit“ – wie es der Augsburger Volkskundler Walter Plötzl ausdrückte, und ein Gegengewicht zur „Luxus- und Spaßgesellschaft suchen“, gewinnt Fronleichnam immer mehr an Beliebtheit und Bedeutung; Prof. Plötzl: „Bei den Fronleichnams-Prozessionen sieht man immer mehr Menschen, die sonst nicht zur Kirche gehen.“ Der Zustrom an Interessenten macht auch in Seehausen Kopfzerbrechen. Hunderte, bei sonnigem Wetter sogar tausende von Menschen, werden die Bootslände und den Staffelsee bevölkern. 

Pfarrer Robert Walter bittet: „Unsere Prozession ist keine Schauveranstaltung, sondern ein religiöses Fest. Die Menschen sind eingeladen, sich einreihen, mitzufeiern und mitzusingen. Wer mit seinem eigenen Boot mitfährt, soll an passende Kleidung denken und keine Badesachen tragen.“ Wer fotografieren mag, darf das gerne tun, aber soll die Gläubigen nicht stören.

Von Günter Bitala

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