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Garmisch-Partenkirchen: Tessy Lödermanns Plädoyer für eine naturgerechte, bäuerliche Landwirtschaft

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Von: Günter Bitala

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Rind
Die traditionelle Rasse im Werdenfelser Land ist das vom Aussterben bedrohte Murnau-Werdenfelser-Rind. 1896 gab es in Bayern 62000 Tiere dieser Art. 2006 waren es weniger als 160. Zehn Jahre später waren es bereits wieder 3000 Murnau-Werdenfelser (Bayernweit), davon 800 im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. © Günter Bitala

GAP – Die Rinder im Werdenfelser Land haben alle einen Namen, mit denen sie angesprochen werden und den sie kennen, sagt Tessy Lödermann: „Das Herz der hiesigen Bauernfamilien hängt an ihren Tieren und an der Landwirtschaft. Diese Lebenseinstellung ist ein hohes Kulturgut, das es zu erhalten gilt.“

Tessy Lödermann weiß wovon sie spricht! Aufgewachsen auf dem Jahrhunderte alten Mittertennhof ‚Zum Wienertoni‘ in Grainau nennt sie als ihre größte Lebensaufgabe den Schutz der „Mitgeschöpflichkeit der Tiere“.

Seit 1980 gehört Tessy Lödermann den bayerischen GRÜNEN an, sitzt seit 1984 – mit Unterbrechungen - für die Öko-Partei im Kreistag von Garmisch-Partenkirchen; derzeit im Amt einer 2. stellvertretenden Landrätin. Sie engagiert sich in einer Reihe von Umwelt- und Menschenrechts-Initiativen. Von 1990 bis 1998 war Lödermann für die GRÜNEN Abgeordnete im Bayerischen Landtag. Dort setzte sie sich für die Aufnahme des Tierschutzes in die Bayerische Verfassung ein. Seit 1999 leitet sie den Tierschutzverein des Landkreises Garmisch-Partenkirchen.

In diesem Sommer stellte Tessy Lödermann – als Privatperson, wie sie betont - eine Broschüre zusammen, in der sie sich intensiv mit der Rinderhaltung im Werdenfelser Land befasst, die eng mit dem Denkmalschutz in den Dörfern sowie dem Erhalt der einzigartigen Kulturlandschaft zwischen Karwendel, Murnauer Moos und dem Ammertal verwoben ist: „Ich begrüße es ausdrücklich, dass nach dem Willen der derzeitigen Bundesregierung die ganzjährige Anbindehaltung von Kühen binnen zehn Jahre abgeschafft sein soll, weil sie gegen das Tierschutzgesetz verstößt. Diese Haltungsform wird im Landkreis Garmisch-Partenkirchen nur noch auf sehr wenigen Höfen angewandt. Entspricht bei uns also nicht der gängigen Praxis.“

Auch die sogenannte Kombinationshaltung sieht Lödermann kritisch, weil der Begriff lediglich bedeutet, dass die Rinder an drei, vier Monaten im Jahr täglich zwei Stunden Auslauf bekommen müssen. Dazu reicht eine kleine Fläche innerhalb des Stalls. Im Landkreis Garmisch-Partenkirchen gibt es sämtliche Haltungsformen – große Laufställe. Anbindeställe ohne Weidegang; und solche in denen die Kühe die warme Jahreszeit auf den hofeigenen Weiden verbringen und nur zum Melken in den Stall oder zur mobilen Melkstation geführt werden – die Sommerweidehaltung!

Eine Besonderheit: Im Werdenfelser Land stehen etwa 2000 Jungrinder vom Frühling bis zum Herbst rund um die Uhr auf den Almen oder den Genossenschaftsweiden.

Viehhaltung und Denkmalschutz

Tessy Lödermann erwähnt neben Tier- und Naturschutz einen Aspekt, der bislang in der öffentlichen Diskussion kaum Beachtung findet: „Bauern, die Sommerweidehaltung betreiben, leben mit ihren Tieren in historischen Dorfzentren, oft auf denkmalgeschützten Höfen, die manchmal bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen. Das sind genau die Bauernhöfe, auf denen alte Haustierrassen – wie das Murnau-Werdenfelser-Rind und das braune Bergschaf – vor dem Aussterben bewahrt wurden.“

Diese Ortsbild prägenden Bauernhöfe haben meist keine Erweiterungsflächen. Aber: Wenn kein Platz zum Bauen vorhanden ist, laufen staatlichen Stallbau-Förderprogramme ins Leere. Ganz ehrlich: Bauern, die zwischen drei und dreißig Kühe besitzen, können sich die hohen Kosten für einen großen Laufstall gar nicht leisten. Tessy Lödermann: „Laufstallbau zieht in der Regel eine Vergrößerung des Tierbestandes nach sich. Das wollen unsere Landwirte gar nicht. Außerdem verträgt sich ein höherer Tierbestand nicht mit unserer Kulturlandschaft und der praktizierten Kreislaufwirtschaft.“ Erklärung: Kreislaufwirtschaft bedeutet in diesem Fall, dass das Mähgut als wertvolles Futter und als Einstreu verwendet wird. Der entstehende Mist kommt als Dünger zurück auf die Wiesen.

Das heißt nicht, dass die bäuerlichen Kleinbetriebe in der Vergangenheit hängen geblieben wären. Tessy Lödermann: „Viele haben ihre Ställe im Inneren erheblich verbessert. Mit einem verringerten Viehbestand. Mit großen Stand- und Liegeplätzen. Liegematten und genügend Einstreu. Gute Durchlüftung, Helligkeit und ohne enge Halsketten.“

Positive Wirkung auf das Wohlbefinden der Rinder

Zahlen: Es gibt im Landkreis Garmisch-Partenkirchen 999 landwirtschaftliche Betriebe zwischen fünf Hektar (366 Betriebe) bis über 120 Hektar (12 Betriebe). 230 dieser Bauernhöfe werden im Haupterwerb betrieben, 769 im Nebenerwerb. Auf 498 Betrieben werden Rinder gehalten, die sich mit Stand vom 1. Juli 2022 auf 17166 Tiere summieren. Das ist hauptsächlich Fleckvieh, Braunvieh und Murnau-Werdenfelser. 251 Betriebe halten bis zu 14 Kühe. 105 Betriebe bis zu 29 Kühe. 38 Betriebe bis zu 49 Kühe. Fünf Betriebe halten 70 bis 90 Kühe, und lediglich 2 Betriebe haben mehr als 90 Kühe. Tessy Lödermann: „Eine Massentierhaltung gibt es bei uns im Landkreis Garmisch-Partenkirchen nicht.“

Während Hochleistungskühe in den Laufställen eine Nutzungsdauer von fünf bis sechs Jahre erreichen, werden Kühe bei Sommerweidehaltung meist zwischen zehn und 18 Jahre alt. Die älteste Murnau-Werdenfelser-Kuh im Landkreis Garmisch-Partenkirchen ist 23 Jahre alt geworden.

Einen Grund für die hohe Lebenserwartung der Rinder im Werdenfelser Land sieht Tessy Lödermann in der engen Mensch-Tier-Bindung. Sie zitiert den ehemaligen Professor an der TU-München in Freising-Weihenstephan, Hans-Hinrich Sambrus, der immer wieder die positive Wirkung von Striegeln, Ausmisten, Melken, regelmäßiger Fell-, Euter- und Klauenpflege auf das Wohlbefinden der Tiere betont.

Zerfallene Heustadel im Wald

Die Landschaft, die sich zwischen Mittenwald und Murnau den Menschen präsentiert, ist ein wahres Schatzkästchen an Biodiversität. Es handelt sich dabei nicht – betont Tessy Lödermann – um eine Wildnis und zum größten Teil auch nicht um eine Naturlandschaft. Es ist eine einzigartige alpenländische Kulturlandschaft, die sich über viele Jahrhunderte auf Grundlage einer extremen, aber vielfältigen Naturlandschaft aus Bergen, Wildflüssen, Feuchtgebieten entwickelt hat, durch Grünland-Wirtschaft und Nutztierhaltung.

Tessy Lödermann nennt beispielhaft die Buckelwiesen bei Mittenwald, die Moore im Loisach- und Ammertal sowie am Staffelsee, aber auch die Wiesmahdflächen im Ammertal. Sie erinnert an die 47 Almen im Landkreis Garmisch-Partenkirchen, wovon die meisten bereits im 15 Jahrhundert urkundlich erwähnt sind.

Tessy Lödermann: „In den Bergregionen, den Almen aber auch in den Tälern und im Alpenvorland haben wir eine hohe Verantwortung für eine Vielzahl an Tier- und Pflanzenarten, die all zu oft bereits vom Aussterben bedroht sind.

Müssten die Landwirte aus vermeintlichen Tierschutzgründen – etwa bei einem Verbot, der Kombinationshaltung mit Weidegang - ihre Höfe aufgeben, und damit die Pflege der Kulturlandschaft, wären die Leistungen des amtlichen Naturschutzes, der ehrenamtlichen Naturschutzverbände und vor allem die mühevolle Arbeit ganzer Generationen von Bauernfamilien verloren. Millionenschwere Förderprogramme von Seiten des Staates – etwa die finanziellen Mittel des Vertragsnaturschutzes und des Kulturlandschaftsprogrammes (KULAP) wären umsonst ausgegeben gewesen. In unbewirtschafteten Gegenden würde eine großflächige Verbuschung einsetzen, die vielen Tier- und Pflanzenarten ihre Heimat nimmt: Tessy Lödermann: „Schon heute haben wir viele aus der Bewirtschaftung genommene, ehemalige – mittlerweile zugewucherte – Bergwiesen. Man erkennt sie an zerfallenen Heustadeln mitten im Wald.“

Verträgliche Nachbarinnen

Im dritten Teil ihrer Ausführungen stellt Tessy Lödermann die Rinderhaltung in Laufställen, jener auf der Sommerweide gegenüber: „Im Bewusstsein von Gesellschaft und der Politik gibt es die, im Werdenfelser Land praktizierte, Sommerweide-Haltung nicht. Nur: heller Laufstall und dunkler Anbindestall.“

Tessy Lödermann räumt ein, dass es gute Laufställe gibt, aber leider viel zu viele Schlechte – mit Spaltenböden, zu hohem Viehbestand und täglich dem selben Futter: „ Diese Tiere kommen ihr Leben lang nicht auf eine Weide, sie stehen ständig suf festem Boden unter Dach.“

Über eine Sommerweide tollen gesunde, lebensfrohe Kühe: „Sie bekommen zweimal täglich eine individuelle Betreuung mittels Melken, Füttern, Fell- und Klauenpflege.“ Auf den Weiden erleben die Kühe sämtliche natürliche Klimareize – fressen Gräser, Kräuter und knabbern an Büschen. Wenn es im Herbst zurück in den Stall geht, finden die Kühe ihren gewohnten Fress- und Tränkeplatz. Sie stehen neben einer verträglichen Nachbarin: Weniger Stress und Konkurrenz, sondern Entspannung und Ruhe.

Tessy Lödermann: „Es ist sicherlich nicht im Interesse der Mehrheit von Gesellschaft und Politik, dass die kleinen und mittleren Bauernhöfe verschwinden, und das Feld der industriellen Tierhaltung mit gestresstem Nutzvieh und den damit verbundenen Umweltproblemen überlassen wird.“ Günter Bitala

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