Tag der Befreiung

Garmisch-Partenkirchner Zeitzeugin berichtet über das Kriegsende

Ilse Brett erinnert sich an die bewegte Zeit ihrer Kindheit.
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Die 79-jährige Garmisch-Partenkirchnerin Ilse Brett erinnert sich noch genau an die bewegte Zeit ihrer Kindheit.

GAP – Der Tag der Befreiung weckt bei Zeitzeugen Erinnerungen an die letzten Kriegsmonate und die Zeit danach. Ilse Brett war 1945 vier Jahre alt. Obwohl sie damals ein Kleinkind war, kann sie sich noch an die Ereignisse erinnern. Eines ist noch besonders lebendig: Ein Heustadl, der heute noch am selben Platz steht, erinnert sie täglich daran.

Als Ilse Brett vier Jahre alt war, sah sie aus dem Fenster ihres Elternhauses, in dem sie auch geboren worden war, auf die Straße und da fuhr „so ein komisches Gefährt“ vorbei. Die Mutter erklärte der kleinen Ilse, dass es sich um ein Panzerfahrzeug handelte. Das war im April 1945. Kurz darauf klingelte es an der Haustür. Amerikanische Soldaten sprachen in gebrochenem Deutsch mit der Oma. Sie sagten ihr, dass sie in einer halben Stunde alle das Haus verlassen müssten. 

„Ich erinnere mich vor allem noch, wie meine Mutter die Großmutter fragte, was wir mitnehmen sollen und dass sie sich für die Ausweise und das Silberbesteck entschieden. Das Besteck besitze ich heute noch“, erzählt die 79-Jährige, die nach 30 Jahren in Oberammergau inzwischen wieder zurückgezogen ist und in einem Anbau ihres Elternhauses lebt. Sie seien kurz nach der Aufforderung der Soldaten zu viert – die Mama, die Großeltern und sie selbst, der Vater war ja im Krieg – mit wenigen Habseligkeiten losmarschiert. Die kleine Inge habe nur etwas von Besetzung gehört, gewusst, was das war, habe sie natürlich nicht. Damals habe man noch gefolgt und Respekt gehabt, der Soldat hatte eine Anweisung erteilt und keiner sei auf die Idee gekommen, zu widersprechen. Es herrschte helle Aufregung und so manches von dem, was dann passierte, hat die Vierjährige ganz bewusst miterlebt. „Später haben meine Großeltern viel von dieser Zeit berichtet“, sagt Ilse Brett. 

Die kleine Familie lief dann mit den Nachbarn, die auch aus ihren Häusern geworfen wurden, gemeinsam von der Schillerstraße etwa 150 Meter in Richtung Münchner Straße.  Am Ende der Straße befand sich eine Wiese und auf dieser stand – und steht heute noch– ein Heustadl. Dort angekommen, zwängten sich die 14 Erwachsenen und acht Kindern in den nur wenige Quadratmeter großen Unterschlupf – ohne Strom, Wasser oder andere Annehmlichkeiten. Es war eng und kalt.

Strapaze für die Eltern – Abenteuer für die Kinder

„Für mich war das Abenteuer pur und ich habe die Gesellschaft der anderen Kinder genossen, auf die ich als Einzelkind ja meist verzichten musste.“ Die kleine Ilse empfand die Erfahrung eher als großes Abenteuer, denn als Strapaze. Acht Tage lang verbrachte die Gruppe in dieser Ein-Raum-Behausung. Ob es Essen gegeben hat? Ilse Brett kann sich nicht erinnern: „Ich hatte jedenfalls keinen Hunger“, sagt sie heute. Wie man sich gewaschen hat, auch daran habe sie keine Erinnerung. „Wohl, weil es mir nicht wichtig war“, meint sie schmunzelnd. Schließlich bekam ihre Familie ein Zimmer angeboten, bei Freunden der Oma in der Münchner Straße, „da haben wir dann auf etwa zehn Quadratmeter zu viert ein halbes Jahr lang gehaust. Ich weiß noch, dass wir einen kleinen Bullerofen mit Holz und Kohle beheizten." Als man ihren Opa beim Kohlenklauen erwischte, wurde er drei Tage lang eingesperrt.

Der verbrannte Kaufmannsladen

Eines Tages durften sie dann plötzlich wieder in ihr eigenes Haus, die Amerikaner waren in Hotels gezogen. „Es sah schlimm aus, alles war verdreckt und verkommen, die Kaugummis klebten unter den Tischen, die Gitter der Kellerschächte waren verbogen, die Amerikaner hatten sie als Grillroste verwendet“, erinnert sich Brett. Das Schlimmste für sie war jedoch etwas anderes: Die ungebetenen Gäste hatten ihren geliebten Kaufmannsladen, den sie gerade zu Weihnachten bekommen hatte, einfach so unter dem Birnbaum im Garten verbrannt. „Das hat mir mein Leben lang zu schaffen gemacht, ich habe das nie vergessen. Die anderen Dinge, die waren eher für meine Familie schlimm, meine Mutter hat noch Wochen nach dem Auszug der Amis die Kaugummis von den Möbeln geschabt.“ 

Versöhnt mit den Amerikanern hat sie sich erst später, als die nächste Truppe kam. Die Soldaten seien nett gewesen zu den Kindern im Ort. „Sie haben uns im Kurpark Schokolade zugesteckt und Bananen geschenkt. Ich hatte noch nie eine Banane gesehen und biss in die harte Schale“, erzählt Brett von den Erlebnissen am Ende des Krieges. Noch heute leben diese Erinnerungen in ihr, und sie werden immer dann besonders wach, wenn Ilse Brett an dem Stadl vorbei spaziert. Und das tut sie täglich. „Die Wiese nebendran gehört der Kirche und die nutzt ihn heute für die Geräte zur Bewirtschaftung“, weiß sie. Heuer habe der Stadl ein neues Dach bekommen. Und dort, wo heute Häuser stehen, gegenüber der Wiese, dort sei früher ein Kartoffelfeld gewesen, „und wir Kinder haben nach der Ernte die vergessenen Früchte herausgesucht und sie auf einem Feuer geröstet.“ 

Ilse Brett war zweimal verheiratet, sie hat vier Kinder und fünf Enkelkinder. Mit Steptanz und Schwimmen hält sie sich fit und isst jeden Tag ein Stückchen Kakaoschokolade. Das soll gegen Alzheimer helfen. Vergessen möchte sie die letzten Kriegsmonate nicht. Nur an den Kaufmannsladen, an den darf sie nicht denken…

Barbara Falkenberg

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