Volkskundler erforscht Rituale für die letzte Ruhe

Das Glentleitener Totenbrett erinnert an das Sterben

Mann mit Totenbrett
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Volkskundler Jan Borgmann vom Freilichtmuseum Großweil-Glentleiten mit dem Totenbrett des Bernhard Bosch.

Region – Als die Leute kamen, um Bernhard Bosch auf seinem letzten Weg zu begleiten, war die Trauer wohl groß, aber auch die Erleichterung, dass der Schreiner im März 1866 eines „seeligen Todes“ gestorben ist, und damit vom Pfarrer die letzten Sakramente erhalten hatte.

Volkskundler Jan Borgmann: „Die größte Sorge der Menschen war es früher, dass ein Sterbender ordentlich versehen werden konnte.“ Wo der 24-jährige Bernhard Bosch genau lebte, ist nicht bekannt, bedauert Jan Borgmann: „Irgendwo im Pfaffenwinkel war das. Sein Totenbrett ist auf einem Speicher in Wessobrunn gefunden, und zu uns ins Freilichtmuseum auf die Glentleiten gebracht worden.“ Das ist bemerkenswert, weil aus Oberbayern kaum Totenbretter erhalten blieben – die meisten stammen aus dem Bayerischen Wald, aus Niederbayern und der Oberpfalz. Für Oberbayern ist der Brauch aus der Ecke um Landsberg/Lech und einigen Orte am Ammersee bekannt; auch aus dem Chiemgau und dem Rupertiwinkel.

Totenbretter sind eineinhalb bis zwei Meter lange, 40 Zentimeter breite Holzbohlen, auf denen Verstorbene bis zur Bestattung aufgebahrt wurden. Das ist bis zur Einführung von geschlossenen Särge im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert Tradition gewesen. Es war überhaupt nicht vorgesehen, dass Totenbretter die Jahrhunderte überdauern, wie im Fall von Bernhard Bosch. Sie wurden vielmehr zusammen mit dem Verstorbenen ins Grab versenkt, oder auf dem Anwesen des Verblichenen der Witterung ausgesetzt. Sie waren aus weichem Holz gemacht, damit sie im eigentlichen Sinne des Volksglaubens rasch verrotten konnten. Jan Borgmann: „Die Menschen waren überzeugt, dass die Seele eines Verstorbenen erst zu dem Zeitpunkt seinen Frieden findet, an dem sein Totenbrett endgültig zerfallen ist.“ Damit das möglichst schnell geschieht, und die Verweildauer im Fegefeuer möglichst schnell vorübergeht, benutzte man Totenbretter oft als Trittstege auf moorigen Wiesen.

Wissenschaftlich ist das Sterben und Beerdigen wenig erforscht. Volkskundler finden aber in der Literatur eine Reihe von Quellen. Die Romane von Lena Christ (Rumpelhanni), Ludwig Thoma (Der Wittiber) und Oskar Maria Graf (Das Leben meiner Mutter) decken sich in vielen Textstellen mit den Erzählungen alter Menschen. Besonders aufschlussreich sind die Betrachtungen über den Lechrain des Geologen Karl von Leoprechting (1816 – 1865); also über die Gegend südlich von Landsberg/Lech. Jan Borgmann erzählt: „Beim Sterben und Beerdigen waren die ganze Familie und auch die Nachbarn eingebunden. In den Stunden vor dem Tod ist der Priester zum Versehen geholt worden. Dazu gab es in jedem Haushalt ein Tischkruzifix und an Lichtmeß geweihte Totenkerzen, dazu Schalen für die Hostien und das Chrisam-Öl.“ Diese ganze Garnitur hatte meist im Schlafzimmer auf einem gestickten Deckchen stehend seinen Platz.

War der Mensch schließlich erlöst, kamen die „Seelennonnen“ - wie sie bei Leoprechting heißen - ins Haus. Ihre Aufgabe war es, den Leichnam zu waschen und ihm die Totenkleider anzuziehen. Karl von Leoprechting schreibt: „Der Tote wird ganz eingekleidet, allerdings ohne Schuhe und Stiefel. Er erhält eine schwarze, wollene Schlafmütze aufgesetzt, und einen geweihten Rosenkranz in die Hand. Dazu meist ein Wachsstöckerl.“ Ein wichtiger Bestandteil war das Totenhemd aus Leinen. „Es war Brauch“, sagt Jan Borgmann, „dass sich die Brautleute zur Hochzeit gegenseitig ein Unterhemd schenkten. Es wurde nur zur Trauung getragen, dann gewaschen und sorgfältig aufbewahrt, bis es zur Beerdigung ein zweites und damit ein letztes Mal gebraucht wurde.“

Nach dem Einsargen wurde die Leiche unter „leisem wimmernden Geläut des Totenglöckchens“ aus dem Haus getragen, wie Ludwig Thoma zu berichten weiß. Dabei gab es feste Regeln, schreibt der Heimatforscher Adolph Rehm in seinem Buch über das Werdenfelser Brauchtum: Bei Männern setzte man das Läuten zweimal aus, bei Frauen einmal und bei Kindern wurde ohne Unterlass geläutet. Mehr noch: „Der Sarg wird von vier Nachbarn getragen. Beim überqueren der Türschwelle wurde er zweimal abgestellt – und zwar so, dass sich durch Drehen ein Kreuz bildet. Das war wichtig, damit der Verstorbene nicht zum Geistern zurück ins Haus kommen könne. Volkskundler Jan Borgmann stellt fest: „Das Schlimmste, was einem passieren konnte war, dass man unvorbereitet zu Tode kommt; etwa durch einen Unfall.“ Aber auch die Situation, die man heute als „schönen Tod“ bezeichnen würde, war früher gefürchtet – nämlich dass ein alter Mensch abends zu Bett geht, friedlich einschläft und morgens nicht mehr aufwacht. Günter Bitala

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