So wird Heimatgeschichte greifbar

Historischer Arbeitskreis Unterammergau veröffentlicht Steuerbeschreibungen von 1672

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Michael Spindler (Historischer Arbeitskreis Unterammergau, links) und Martin Heigl blättern in dem Band „Die Steuererhebung von 1672“.

Unterammergau – 1672 musste Urban Lindauer bei Kammerrichter Georg Hohenleitner in Oberammergau vorsprechen; der genaue Tag ist nicht mehr überliefert.

Der Unterammergauer sollte detaillierte Angaben zu seinem Vermögen machen, damit die Finanzverwaltung in München daraus Lindauers Steuerlast an das Kurfürstentum Bayern berechnen könne. Urban Lindauer ist nicht der einzige gewesen, denn während des besagten Jahres wurden alle Haus-, Grund- und Hofbesitzer zwischen Oberau und Bayersoien steuerlich erfasst. Unterstützt wurde Richter Hohenleitner dabei von Gerichtsschreiber Wilhelm Stauber.

Für den Historischen Arbeitskreis Unterammergau hat der Ettaler Martin Heigl 350 Jahre später alle diese Steuerunterlagen zusammengetragen, und in einem „Band zur Geschichte des Ammertales“ veröffentlicht. Michael Spindler, Sprecher des Historischen Arbeitskreises Unterammergau: „Die Steuerbeschreibungen von 1672, wie sie Martin Heigl zusammengestellt hat, sind eine wichtige und interessante Quelle zur Heimatgeschichte des Ammertales. Sie geben einen Einblick in das Leben und die wirtschaftlichen Verhältnisse der damaligen Menschen. Außerdem liest sich der Band trotz der 632 Seiten sehr kurzweilig.“ Informationen gibt es per Mail: spindler_michael@t-online.de.

Übrigens: Kurfürst Ferdinand Maria wollte mit seinen Erhebungen die Zerstörungen des 30-jährigen Krieges (1618 – 1648) feststellen. Dazu geben die Steuerunterlagen des Jahres 1672 allerdings keine Auskunft. Martin Heigl schließt daraus, dass dieser große, europäische Religionskrieg am unwegsamen Ammertal weitgehend vorbeigegangen ist.

Einen Fragebogen mit zwölf Punkten bekam Urban Lindauer vorgelesen. Unter der Rubrik Viehbestand ließ er eintragen: drei Ackerpferde, vier Jungpferde, fünf Kühe, zwei Mastrinder, acht Jungrinder, sechs Schafe. Außerdem besaß Lindauer ein Haus und vier Halbviertel Grund; überlassen vom Kloster Ettal, für die er 33 Kreuzer zahlte und jährlich fünf Metzen Hafer abliefern musste. ‚Metzen‘ ist ein in der Landsberger Gegend gebräuchlich gewesenes Hohlmaß, das 30,11 Liter entspricht. ‚Viertel‘ und ‚Halbviertel‘ sind Flächenmaße, die sich aus der Grundstücksgröße und dem darauf erwirtschafteten Ertrag berechnen. Außerdem zahlte Lindauer 43 Kreuzer an das Kloster Rottenbuch für vier halbe Viertel. Ausstände hatte er keine, dafür jede Menge Schulden: an die Kappelkirche (100 Gulden), an die St.Nikolaus-Kirche (30 Gulden). Die Pfarreien – das war nicht nur im Ammertal so – schwammen seinerzeit in Geld, das aus Erbschaften, Stiftungen oder Wallfahrten stammte. Die Pfarrherren waren also umschwärmte Kreditgeber. An Mathias Veit schuldete Lindauer zudem zehn Gulden. Diese Liste ist lang, die Schulden läppern sich auf 700 Gulden zusammen; davon alleine 40 Gulden an den Bierbrauer Urban Veit in Murnau.

Nach Urban Lindauer saßen Hans Gröbl und sein Sohn Markus bei Richter Hohenleitner. Die Gröbls besaßen ein Haus und ein Halbviertel, für das sie jährlich 4 Gulden und 39 Kreuzer an das Kloster Ettal zu bezahlen hatten. Mehr Besitz gaben die Gröbls nicht an; eine Kuh noch, ein Kalb und zwei Ziegen. Die Familie hatte keine Ausstände und keine größeren Schulden. Es ging gerade so um. Für den Winter mussten sie allerdings fünf Scheffel Getreide zukaufen; ein Scheffel entspricht 240,88 Liter.

Die erste Seite der Steuerbeschreibung von Martin Bartl (Unterammergau). Kopie eines Originals des Bayerischen Staatsarchivs München.

Kriegsschäden ?

Ferdinand Maria – der den Beinamen „Der Friedliebende“ trug, ließ im Jahr 1671 sein gesamtes Kurfürstentum inventarisieren. Das unwegsame Ammertal war schwer zu erreichen; die Erfassungsbögen kamen verspätet an. So fand die Erhebung dort erst ein Jahr später statt. Ziel war es, den Istzustand nach dem verheerenden 30-jährigen Krieg festzustellen. Welche Gebäudeschäden hat der Krieg hinterlassen? Welche Grundstücke werden noch bewirtschaftet? Wem gehören die einzelnen Anwesen? Martin Heigl hat bei seinen Recherchen im Bayerischen Staatsarchiv und in diversen Gemeindearchiven herausgekriegt, dass die in der Provinz erhobenen Fragebögen zur Auswertung nach München gebracht worden waren. Heigl ist überzeugt, dass die Bauern mit ihren Angaben weitgehend ehrlich waren; vielleicht hatte der eine oder andere ein wenig über- oder untertrieben – wie das auch heute noch der Fall ist, wenn man Steuererklärungen abgeben muss. Die Ehrlichkeit kam daher: Einerseits nahmen die Gerichtsbeamten ihre Aufgabe sehr ernst. Ihnen drohten nämlich bei falschen Angaben hohe persönliche Strafen, wenn sie nicht streng genug nachgefragt hatten. Andererseits waren die Fragebögen so gestaltet, dass sie sich gegenseitig kontrollierten: Gibt einer der Befragten Schulden an, mussten diese in einem anderem Erfassungsbogen wieder als Ausstände auftauchen.

Hochwasserschäden !

Naja, ein bisserl geschummelt wird wohl schon geworden sein! Es fällt auf, dass in den Akten für Unterammergau keinerlei Angaben zu Erlösen aus der damals schon in Blüte stehenden Wetzsteinmacherei auftauchen. Oder die Bauern in Obermühle bei Kohlgrub durchwegs mehr Getreide zukauften, als sie im Winter verbrauchen konnten.

Das Gegenteil war in Oberau der Fall. Warum wechselte dort überhaupt kein Vieh die Besitzer? Die Bauern beteuerten einhellig: Viel zu viele Rinder, Schafe und Ziegen würden auf den steilen Almen in den Tod stürzten oder seien von Bären, Wölfen, Luchsen weggefressen worden.

Im Protokoll des Gerichtsschreiber liest sich das gutgläubig: „Obwohl sie vom Kloster Ettal etwas raue, grobe und gefährliche Almen benutzen dürfen, so leiden sie nicht nur wegen der Grobheit des Gebirgs, sondern auch, weil wegen der wilden Tiere stündlich Gefahr und Schäden ausgehen. Daher es dann kommt, dass sie an Pferden und Vieh so wenig verkaufen können. Es ist auch kein Getreideanbau bei ihnen möglich, außer wenig Hafer und Gerste wird nichts angebaut. Was großen Notstand hervorruft. Diese hochwichtige Beschwerde bitten sie künftig bei der Steuerfestsetzung zu berücksichtigen.“ Interessant ist allerdings, dass in Oberau gerade die Bauern am heftigsten jammerten, die sehr viele Hirten als Hilfskräfte beschäftigten. Die Tiere müssten eigentlich unter guter Obhut gewesen sein.

Und in Graswang? Da waren die Schäden an Haus und Hof enorm; jedenfalls, wenn man der Ehrlichkeit in den Erfassungsbögen glauben mag. Das Dorf war wegen Hochwassers eigentlich ständig überflutet. Othmar Mangolt traf es besonders hart - neben den Zerstörungen durch die Wasserfluten ist ihm der Hof auch noch abgebrannt. Das Gerichts­protokoll stellt fest: „Da der Ort Graswang zwischen zwei Gebirgszügen in einem Tal liegt und das Wasser sowohl von der Werdenfelser, Tiroler und Hohenschwangauer Grenze zusammenläuft... Darum beschweren sie sich aufs Höchste, so großer Hochwassergefahr ausgesetzt zu sein. Ihre besten Weiden sind versandet. Von den Feldern und Wiesmädern ist ihnen viel Grund weggespült worden. Bei höher steigendem Wasser sind sowohl Häuser als auch ihr übriger Grund äußerster Gefahr ausgesetzt.“

von Günter Bitala

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