Hochsaison für filigrane Fatschenkindl

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KREISBOTE, Ohlstadt – Jetzt in der Vorweihnachtszeit haben die Eingrichtl, die Wachsstöckl, die Trösterlein und vor allem die Fatschenkindl wieder Hochsaison. Gertrud Kieslich aus Ohlstadt gehört zu den Frauen, die die Techniken dieses traditionellen Kunsthandwerks beherrschen. Die Geschichte der sogenannten Klosterarbeiten reicht bis in die Barockzeit zurück. Damals wurden die Kirchen selbst während der strengsten Winter nicht richtig beheizt. Blumen und Grünpflanzen hatten deshalb in den eiskalten Gotteshäusern keine Überlebenschancen. Um auf Raumschmuck trotzdem nicht verzichten zu müssen, fertigten Ordensfrauen in den altbayerischen Klöstern filigrane Altarsträuße aus Golddrähten und Silberfäden, aus Perlen und Halb-edelsteinen. Mit dem Zeitalter der Aufklärung und in den folgenden Jahrhunderten gerieten diese Klosterarbeiten weitgehend in Vergessenheit. In jüngster Zeit allerdings erlebt diese sakrale Volkskunst eine Renaissance. Immer mehr Frauen, auch junge Mädchen, beschäftigen sich mit ihrer Herstellung. Und so gibt es kaum einen Christkindlmarkt, bei dem nicht auch Fatschenkindl angeboten werden. Anfang der 90er Jahre suchte sich Gertrud Kieslich ein Hobby für den Ruhestand. Seit langem schon ist sie fasziniert gewesen von den winzigen Jesuskindlein in den kleinen Glastruhen – den Fatschenkindln. Sie besorgt sich entsprechende Fachliteratur und besucht Seminare. Wie man den hauchdünnen Draht wickelt, wie man Glassteine daran befestigt und wie man daraus Ranken und mit Brokat hinterlegte Bordüren zusammenstellt, hat sich Gertrud Kieslich durch jahrelanges Ausprobieren und an Hand alter Vorlagen selbst beigebracht. Mittlerweile gehört Gertrud Kieslich zu einem Kreis aus sieben oder acht Frauen, die sich monatlich einmal treffen, um gemeinsam ihr Hobby zu pflegen; sie sagt: „Die Zeit zum Anfertigen von Klosterarbeiten sind keine Bastelstunden, das hat vielmehr mit Meditation zu tun. Man kann tief seinen Gedanken nachspüren. Das Werkstück wächst daraus zu einem kleinen Kunstwerk heran.“ Auch das gemeinsame Arbeiten geht auf die Anfangszeit dieses Handwerkes zurück. Im 17. und 18. Jahrhundert war das Leben in den Klöstern geprägt von Strenge und Entsagung. Besonders beliebt waren daher damals in den Frauenklöstern die Trösterlein. „Das sind Jesuskindlein auf der Weltkugel oder auf einer Treppe stehend, unter einen Glassturz gestellt“, erzählt Gertrud Kieslich: „Trösterlein heißen sie deshalb, weil die Frauen in schweren Stunden mit ihnen Zwiegespräche halten konnten und dadurch ein bisserl Halt bekamen.“ Eingrichtl wiederum ist der Oberbegriff für alle Klosterarbeiten, die in einen Holzkasten eingebaut werden; also eingerichtet sind. Das können Wettersegen genauso sein, wie Weihnachtskrippen, Tischaufsteller mit Mutter Gottes und Fatschenkindl. Gertrud Kieslich erklärt: „Das Wort ‚fatschen’ heißt im Bayerischen soviel wie wickeln.“ Ein Fatschenkindl hat üblicherweise einen Wachskopf und einen aus Watte und Leinen gefatschten, also gewickelten Körper – der schließlich mit künstlichen Blumen und Rosetten geschmückt wird.“ Es ist wichtig, sagt Gertrud Kieslich, dass Klosterarbeiten nicht nur einen materiellen Wert besitzen, sondern auch einen kirchlichen Segen bekommen.

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