Im Garmischer Aschenbrenner-Museum entdeckt man die Märchenwelt der Gebrüder Grimm

Zuhause bei allen Völkern und in allen Ländern

Rotkäppchen
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„Rotkäppchen und der Wolf“: Porzellan-Manufaktur Hutschenreuther, 1925.
  • VonGünter Bitala
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GAP – Der Landauer ächzt durch dunkle Wälder. Die Passagiere: Zwei Männer, denen nach stundenlanger Fahrt über holprige Wege alle Knochen im Leib schmerzen. Die hessischen Volkskundler sind total übernächtigt, weil sie bis weit nach Mitternacht in der Spelunke bei den Einheimischen hockten, um begierig deren Geschichten aufzusaugen. Wilhelm und Jakob Grimm auf Entdeckungsreise für ihre Märchensammlung . . .

„Halt! So ist es nicht gewesen,“ ruft Dr. Bernhard Lauer: „Die Grimms waren nie auf Recherchetour. Zuträger lieferten ihnen die spannenden Legenden und geheimnisvollen Mythen frei Haus.“

Bernhard Lauer ist Geschäftsführer der ‚Brüder Grimm-Gesellschaft e.V.‘ in Kassel. Derzeit gastiert er mit einer liebevoll zusammengetragenen Ausstellung in Garmisch-Partenkirchen; das Motto: „Unglaublich – Die Märchen der Brüder Grimm“. Das Aschenbrenner-Museum an der Loisachstraße präsentiert hie die Hintergrundgeschichten zu den Erzählungen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen Illustrationen, mit denen Künstler über die Jahrhunderte hinweg die heute weltberühmten Märchenfiguren Dornröschen, Schneewittchen oder auch Die sieben Geißlein – um nur ein paar Beispiele zu nennen – in farbenfrohe Bilder verwandelten. Museumsdirektorin Karin Teufl: „Die Brüder Grimm standen eigentlich skeptisch der Bebilderung ihrer Märchen gegenüber. Die erste Auflage der ‚Kinder- und Hausmärchen‘ von 1812 erschien völlig ohne künstlerisches Schmuckwerk. Erst zur zweiten Auflage, sieben Jahre später, durfte Ludwig Emil Grimm, der „Malerbruder“ zwei Radierungen beisteuern; darunter das Motiv für ‚Brüderchen und Schwesterchen‘.“

1825 ließen sich Jakob (*4. Januar 1785) und Wilhelm (*24. Februar 1786) Grimm überzeugen, eine bebilderte kleine Ausgabe ihrer Märchensammlung zu veröffentlichen – die übrigens bis zum Ersten Weltkrieg unverändert gedruckt wurde. Das war zu dieser Zeit dringend notwendig, denn schon 1820 erschien in Amsterdam das „Sprookies Boek voor Kinderen“ (Märchenbuch für Kinder), mit drei einfachen Zeichnungen. 1823 gestaltete der Karikaturist George Cruikshank die erste englischsprachige Ausgabe: „German Popular Stories“.

Karin Teufl: „Namhafte Künstler ihrer Zeit nahmen sich den Märchenthemen an. In unserer Ausstellung zeigen wir eine großformatige Dornröschen-Radierung von Eugen Napoleon Neureuther (1806-1882).“ Die Künstler machten Bilderbögen und Ausschnittbögen, fertigten Einzelblätter und Prachtbände der Märchenbücher an. Porzellan- und Keramikmanufakturen brachten kleine Skulpturen auf den Markt. Karin Teufl ist stolz: „Als ein Hauptwerk der Märchenillustration während des Jugendstils zeigen wir ein zehn Meter langes Fries der Breslauer Künstlerin Gertrud Pfeiffer-Kohrt.

Mit innigem Kuss zu neuem Leben erweckt

Weil die Grimms gar nicht selber durch Deutschland reisten, erklärt Bernhard Lauer, dass die Märchenzuträger auch keine einfachen, alten Leute waren, wie es immer heißt. Sie kamen vielmehr aus dem gebildeten Bürgertum. Etwa die Gastwirtstochter und Schneidersfrau Dorothea Viehmann, die Pfarrerstochter Friederike Mannel oder der Pfarramtskandidat Ferdinand Siebert. Allesamt aus Hessen und Westfalen. Besonders fleißig waren die Familie des Freiherrn von Haxthausen, sowie die „Märchentanten“ Annette und Jenny von Droste-Hülshoff.

Jakob Grimm ließ sich das Märchen ‚Dornröschen‘ von Marie Hassenpflug erzählen, die sich französischer und italienischer Vorbilder bediente. Der Roman ‚Perceforest‘ aus dem 14. Jahrhundert handelt davon, wie Zellandine von einer Göttin mittels einer Flachsfaser in einen Zauberschlaf versetzt wird. Während des Schlafs schwängert ein Freier die junge Frau. Erst das Neugeborene bricht den Bann.

Ähnlich klingt die Geschichte bei dem neapolitanischen Schriftsteller Giambatista Basile (‚Sonne. Mond und Talia‘, 1634). In diesem Fall bringt die schlafende Prinzessin Talia Zwillinge zur Welt – die später die eifersüchtige Gattin des Kindsvaters schlachten lassen wollte.

Charles Perrault nennt seinen Erzählstoff im Jahr 1697 ‚Die schlafende Schöne im Wald‘. Bei dem Franzosen geht es sittsamer zu: Der Prinz rettet die Holde aus dem Tiefschlaf. Dann wird geheiratet und erst danach kommt das Kind zur Welt. Unbill droht dieses Mal von der menschenfressenden Schwiegermutter.

Jakob und Wilhelm Grimm bearbeiteten den Dornröschen-Stoff ganz im Sinne ihrer Zeit: Romantisch! Die schlafende Prinzessin wird von ihrem Retter heldenhaft mit einem innigen Kuss zu neuem Leben erweckt.

Keine realen Vorbilder

Die mündlichen Überlieferungen der Zuträger bildeten die eine Säule der späteren Märchen. Daneben stöberten Jakob und Wilhelm Grimm intensiv in mittelalterlichen Novellen und in Legenden. Sie studierten Schwänke und Anekdoten, Wunderzeichenbücher und Tierfabeln. Anhand ihrer Notizen formulierten sie daraus ihre Volks­poesie, die sie in Details immer wieder umschrieben. So gibt es von einigen Märchen mehrere Versionen.

Gab es für die Protagonisten der Märchen reale Vorbilder? ‚Schneewittchen‘ soll als Maria Sophia von Erthal identifiziert worden sein, die 1796 in Bamberg starb. War die Bäckerin Katharina Schrader die böse Hexe aus ‚Hänsel und Gretel‘? Die junge Frau lebte zumindest in einem kleinen Fachwerkhaus inmitten eines hessischen Waldes und wurde dort 1647 ermordet. Solche Erkenntnisse von sogenannten Märchenarchäologen hält Bernhard Lauer für Quatsch: „Die Märchen der Brüder Grimm sind reinste literarische Erzählungen. Zwar aus verschiedenen Quellen gespeist, aber immer ohne reale Vorbilder.“ Dafür mit jeder Menge Lebensweisheiten. Dass sich ‚Gutes tun‘ lohnt, ist heute noch genauso gültig, wie zu Lebzeiten der Brüder Grimm. Jakob und Wilhelm Grimm bezeichneten ihre Geschichten nicht als ‚deutsche‘ Volksmärchen, sie nannten ihre Sammlung „Kinder- und Hausmärchen“. Bernhard Lauer sagt deshalb: „Die Märchen der Brüder Grimm sind überall zu Hause, bei allen Völkern und in allen Ländern.“ Günter Bitala

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