Wer schließt die finanzielle Lücke?

Integrationskurse der vhs Murnau vor dem Aus

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Dem Vorstand der vhs Murnau sind die Hände gebunden: v. l. Roland Geiling, Elisabeth Hoechner, Heinfried Barton, Marie-Christine Schmötzer, Dr. Michael Rapp.

Die Flüchtlings- und Migrationspolitik ist ein Thema, das eine hohe aktuelle Brisanz hat. Betrachtet man die Situation vom wirtschaftlichen Standpunkt aus, so steht auf der einen Seite eine hohe Zuwanderungszahl, auf der anderen Seite der Fachkräftemangel, der fast überall spürbar ist. Eine konstruktive Lösung liegt unmittelbar auf der Hand: Integrationsarbeit. Durch verschiedene Bildungsprogramme von Bund und Ländern soll Geflüchteten und Migranten ermöglicht werden, möglichst schnell die deutsche Sprache zu erlernen, um ein selbstständiges Leben beginnen zu können und dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen. In der Theorie hört sich das nach einem sehr effektiven Plan an. Doch wie gestaltet sich die Umsetzung der Integrationsarbeit?

Die vhs Murnau ist seit 2016 der einzige vom BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) anerkannte Kursträger im Norden des Landkreises, der die stark nachgefragten Alphabetisierungs- und Integrationskurse anbietet. Bisher wurden bei den Intensivsprachkursen, die sich in der Regel je nach Vorkenntnissen über ein bis mehrere Jahre erstrecken, 254 Teilnehmer betreut. Es handelt sich um eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, denn die Teilnehmenden befinden sich auf den unterschiedlichsten Bildungsniveaus und stammen aus den verschiedensten Kulturkreisen. Um der hohen pädagogischen Anforderung gerecht zu werden, betreuen jeweils zwei IntegrationskursleiterInnen mit besonderer Zusatzqualifika­tion die Kurse, die in den angemieteten Räumlichkeiten des alten Gemeindekrankenhauses (Innovations-Quartier) stattfinden. Mittlerweile ist dort eine kleine Sprachschule entstanden mit einem eigenen Sekretariat und zwei Unterrichtsräumen. Diese sind fünf Tage die Woche fast durchgehend mit Kursen belegt. Es wurden Arbeitsplätze geschaffen, aber auch Ehrenamtliche vom Team 7 des MurnauMiteinander e.V. tragen dazu bei, dass die Teilnehmer durch eine zusätzliche sozialpädagogische Betreuung unterstützt werden. 

Erfolgreiche Integrationsarbeit der vhs

Der hohe Aufwand trägt Früchte: mindestens 41 Absolventen des Integrationskurs-Programms sowie der berufsbezogenen Deutschsprachförderung haben eine Ausbildungsstelle oder einen Arbeitsplatz in der Region gefunden. Trotz des großen Erfolgs ist die vhs nun gezwungen, die Kurse einzustellen, denn das finanzielle Risiko ist nicht mehr zu verantworten. „Als Vorstand sind uns leider die Hände gebunden, so schwer es uns fällt, zumal wir viele Einzelschicksale persönlich kennen“, bedauert Heinfried Barton, Geschäftsführer der vhs Murnau, zutiefst. Bei einem großen Teil der Kurs­teilnehmer handelt es sich um Eltern und Alleinerziehende, für die ein Ausweichen auf die vhs Garmisch-Partenkirchen oder einen Kursträger in München finanziell wie zeitlich kaum zu stemmen sein wird. Neben geflüchteten Menschen aus Krisengebieten nehmen auch viele Einwanderer aus EU-Ländern an den Kursen teil. Über 50% sind in Murnau ansässig, der restliche Teil wohnt im Norden des Landkreises, beispielsweise in Seehausen, Uffing, Bad Kohlgrub oder Eschenlohe. Die Zukunft dieser Menschen und die Möglichkeit, durch das Beherrschen der deutschen Sprache Fuß zu fassen, ist nun stark in Frage gestellt.

Die Bürokratie legt Steine in den Weg

Die Finanzierung der Integrationskurse sollte in der Theo­rie durch das BAMF gesichert sein. Doch sind die Pauschalsätze zu knapp bemessen. Sie decken keine Mietkosten für zusätzlich benötigte Räume ab. Zudem sind die bürokratischen Auflagen sehr streng. Fehltage ohne Krankschreibung werden den Teilnehmern nicht finanziert. Doch die Kosten für die Unterrichtsstunden müssen dennoch im vollen Umfang von der vhs getragen werden. „Die Verantwortung wird einfach von oben nach unten delegiert“, erklärt Elisabeth Hoechner, zweite Vorsitzende im Vorstand. Die bürokratischen Auflagen führen letztendlich dazu, dass der Kursträger regelmäßig gezwungen ist, in finanzielle Vorleistung zu gehen – dadurch entsteht eine große Liquiditätslücke, die ein gemeinnütziger Verein nicht abfedern kann. Wäre der Landkreis nicht mit einer Unterstützung von 68.000 Euro eingesprungen, wäre das Inte­grationsprojekt schon viel früher gescheitert.

 Die Rolle der Kommune

Zu spät erkannt hat offensichtlich der Markt Murnau die finanzielle Misslage der vhs. Die Kommune ist Eigentümerin der gemieteten Unterrichtsräume. Nach einer Anfrage beim Kommunalen Prüfungsverband kam sie zu dem Ergebnis, dass ein Mieterlass nicht möglich sei, weil die Finanzierung der Inte­grationskurse grundsätzlich keine Aufgabe der Kommune sei. Zwar unterstützte sie den Kursträger mit 3.500 Euro, dem Jahresdefizit von mindestens 17.000 Euro wird dieser Betrag aber nicht gerecht. Nun, da die vhs die Kurse einstellen muss, möchte die Kommune doch verstärkt tätig werden: „Für den Markt Murnau sind die Integrationskurse sehr wichtig. Wir schätzen die gute Arbeit der vhs-Murnau und werden daher in einem gemeinsamen Gespräch nach einer Lösung suchen“, erklärt Nina Herweck-Bockhorni, Pressesprecherin der Kommune. Hoffen wir, dass diese Reaktion nicht zu spät kommt. Es wäre ein Armutszeugnis unserer Politik auf allen Ebenen, wenn ein eigentlich bestens funktionierendes Integra­tionsprogramm lediglich daran scheitert, dass die Verantwortung nicht an den richtigen Stellen übernommen wird. Es wird dringend an der Zeit, die schöne Theorie in umsetzbare Praxis zu verwandeln und die anspruchsvolle Aufgabe der Integration mit vereinten Kräften zu stemmen, im Interesse der ganzen Gesellschaft.   moc

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