Schnelle und kompetente Hilfe im Notfall

Ein Jahr Krisendienst Psychiatrie im Südwesten Oberbayerns

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Beim Pressegespräch wird nach einem Jahr Bilanz gezogen: V. li.: Thomas Schwarzenberger, Josef Mederer, Dr. Florian Seemüller, Regina Dupper, Dr. Claudia Fischer, Gerald Niedermeier und Günter Kottek.

Region – Gerät man in eine seelische bzw. psychische Krise, dann ist es wertvoll, wenn jemand zuhört und einem kompetent, schnell und unkompliziert helfen kann.

Seit April vergangenen Jahres können die Menschen aus der Region südwestliches Oberbayern – dazu gehören die Landkreise Garmisch-Partenkirchen, Weilheim-Schongau, Miesbach, Bad Tölz-Wolfratshausen und Landsberg am Lech – unter der Telefonnummer 0180/6553000 den Krisendienst Psychiatrie erreichen, der Soforthilfe bei allen seelischen Notlagen bietet. „Unsere Mitarbeiter hören zu, fragen nach, entlasten und klären mit dem Anrufer gemeinsam die Situation“, so Dr. Claudia Fischer, Teamleitung der Leitstelle Krisendienst Psychiatrie. Anrufen kann jeder: egal ob man selbst der Betroffenen ist oder es um einen Familienangehörigen oder Freund geht. Vor Kurzem haben Bezirkstagspräsident von Oberbayern Josef Mederer, PD Dr. Florian Seemüller, Chefarzt der kbo-Lech-Mangfall-Klinik, Dr. Fischer, Regina Dupper, Leiterin Sozialpsychiatrischer Dienst Garmisch-Partenkirchen und Günter Kottek, stellvertretender Vorsitzender der Oberbayerischen Selbsthilfe Psychiatrie-Erfahrener in einer Pressekonferenz die Bilanz nach dem ersten Jahr Krisendienst präsentiert.

Insgesamt 809 Anrufe aus dem Südwesten Oberbayerns gingen bis Dezember 2017 beim Krisendienst ein. „Alle haben schnelle, unbürokratische und wohnortnahe Hilfe erhalten“, betonte Bezirkstagspräsident Josef Mederer. „Das zeigt: Wer die Nummer wählt, hat schon gewonnen.“

Allen am Krisendienst beteiligten ist wichtig, das die Menschen keine Scheu haben anzurufen. Ganz gleich, in welcher Krise sich jemand befindet – Depression, Angst- und Panikstörung, Psychosen oder Suizid- gedanke – rechtzeitige und unkomplizierte Hilfe kann Lebensqualität zurückgeben und Leben retten. Wer die Nummer 0180/6553000 anruft, hat sofort einen Ansprechpartner. „Die Qualität des Erstkontakts ist wichtig“, erklärte Dr. Florian Seemüller. Nur so haben die Menschen das notwendige Vertrauen, das wenn sie sich melden, ihnen wirklich geholfen wird. Im Gespräch wird versucht, zum einen eine erste Diagnose bzw. Einschätzung der Lage zu erstellen, zum anderen dem Anrufer zu helfen und deeskalierend zu wirken. Eine herausfordernde Aufgabe weiß Dr. Claudia Fischer, an die man sensibel herangehen muss. Sollte die persönliche Telefonberatung nicht ausreichen, steht auch ein mobiles Einsatzteam bereit, das innerhalb einer Stunde zum Hausbesuch kommt. Von den 809 Anrufen war in 109 Fällen eine persönliche Krisenintervention notwendig. Die durchschnittliche Dauer eines Hausbesuches lag bei 100 Minuten. Der große Erfolg des Krisendienst Psychiatrie ist, dass durch die klärenden Telefonate und gegebenenfalls Hausbesuche Eskalationen und Zwangseinweisungen fast ganz vermieden werden können. Nur in einem Fall musste von den mobilen Helfern der Notarzt gerufen werden. „Ein wichtiges Ziel der psychiatrischen Krisenhilfe ist es, stationäre Klinik-Aufenthalte und Zwangseinweisungen zu vermeiden“, so Mederer. „Die Zahlen zeigen: Wir sind auf einem sehr guten Weg.“ Regina Dupper vom Sozialpsychiatrischen Dienst Garmisch-Partenkirchen bestätigt, dass die Krisenhelfer sich mit der ganzen Bandbreite der seelischen Notlagen befassen. Die direkte Soforthilfe sei für die Betroffenen „eine große Entlastung“.

Absolut notwendig für das gute Gelingen der Krisenhilfe ist ein breites Netzwerk an sozialpsychiatrischen Beratungsangeboten sowie ambulanten und stationären medizinischen Behandlungsmöglichkeiten. Daher arbeitet die Leitstelle eng mit den Einrichtungen und mobilen Einsatzteams vor Ort zusammen. „Unser wichtigstes Ziel ist es, im Gespräch mit den Anrufern gemeinsam Kräfte zu mobilisieren beziehungsweise darüber hinaus die passende fachliche Unterstützung zu finden“, erklärte Dr. Fischer. Zu dem Verbund gehören in der Region die Herzogsägmühle, die Caritas sowie die kbo-Lech-Mangfall-Kliniken.

Wie wichtig es ist, Hilfe in einer Krise zu bekommen, davon berichtete Günter Kottek. „Ich war in meiner Krise allein“, reflektiert er die Zeit. Er habe sich daheim verkrochen und es hat lange gedauert, bis ein Nachbar für ihn Hilfe organisierte. Oftmals würden die Probleme schleichend kommen und die Menschen zunächst eine Krise gar nicht wahrnehmen. Außerdem würden Betroffene eine psychische Störung oft verstecken. Eine echte Herzens- angelegenheit ist es Kottek daher, auf die Vielschichtigkeit seelischer bzw. psychischer Störungen aufmerksam zu machen und ein Bewusstsein dafür bei den Menschen zu schaffen. Nur so könne man rechtzeitig Hilfe bekommen. „Die Entscheidung, sich helfen zu lassen, fällt natürlich schwer“, stellte Kottek fest. Daher sind die Menschen im Umfeld des Betroffenen so wichtig, zum Beispiel, um beim Krisendinst anzurufen.

Von April bis Dezember 2017 haben in 62 Prozent der Fälle die betroffenen Menschen selbst beim Krisendienst angerufen, in 22 Prozent der Fälle waren es Angehörige. Das durchschnittliche Alter der Anrufer liegt bei 41,7 Jahren.

Der Bezirk Oberbayern finanziert den Krisendienst Psychiatrie mit rund 7,4 Mio. Euro im Jahr. Und, das Angebot des Hilfsdienstes soll weiter ausgebaut werden. Ein erster Schritt war die Einrichtung einer Krisenhilfe für Kinder und Jugendliche. Bis März dieses Jahres konnte die Krisenhilfe für Menschen ab 16 Jahre angeboten werden. Durch die Zusammenarbeit mit der kbo-Heckscher-Klinik steht nun, seit 1. März 2018, auch ein Hilfsangebot für Kinder und Jugendliche zur Verfügung. Eltern, Bezugspersonen oder auch Jugendliche selbst erhalten ebenfalls unter der Telefonnummer des Krisendienstes fachkompetente Hilfe.

Derzeit kann der Krisendienst Psychiatrie täglich von 9 bis 24 Uhr erreicht werden. Es wird aber bereits darüber gesprochen, ob es vielleicht zu einer Ausweitung zum 24-Stunden- Dienst kommt.

Die Bilanz nach einem Jahr: Das Angebot des Krisendienstes wird angenommen und die Rückmeldungen der Hilfesuchenden sind positiv. Daher wird der eingeschlagene Weg weiter beschritten und die Möglichkeiten der Hilfe weiter aus- gebaut.

von Melanie Wießmeyer

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