Beeindruckendes Engagement

150 Jahre Verschönerungsverein Murnau e.V.

+
Aus öden Grünflächen – wie hier am Maibaum – sind bunte Bienen-Oasen geworden; v. li.: Ingeborg Winkler, Monika Tittlbach, Evelyne Borlinghaus, Wilhelm Müller.

Murnau – Den Leuten des Verschönerungsvereines Murnau ist der Kragen geplatzt!

Ständig sind in den Wochen zuvor Parkbänke umgeworfen und Infotafeln beschädigt worden. Sogar im Lesezimmer beim Schwimmbad wurden drei Bücher geklaut. Jetzt sucht die Vorstandschaft über die Zeitung die „Verursacher“. Unter der Überschrift „Appell an die Vernunft“ heißt es: „. . .sollten sich die Täter doch einmal überlegen, welches gemeine Treiben sie vollbringen. Vielleicht schämen sie sich dann selbst und unterlassen künftig solche Handlungen.“

Der Artikel erschien am 13. April 1895 im „Staffelsee-Boten“. Ausgegraben hat diese Anekdote Karl Wolf und übernimmt sie für die Chronik des Verschönerungsvereines Murnau e.V.‘

Gegründet wurde der Verschönerungsverein am 29. März 1868: Was machen die Männer und Frauen dieser Institution eigentlich, die sich kurzzeitig „Kur- und Verkehrsverein“ nannte? Der Vorsitzende, Wilhelm Müller, bringt es auf den Punkt: „Wir engagieren uns aktiv bei der Gestaltung des Ortes.“

Das begann bereits in der Geburtsstunde des Vereines. Privatier Franz Himbsel, der Gründungsvorsitzende, hatte eine kühne Idee. Er und seine Leute wollten Erholungsgäste aus der Hauptstadt des Königreichs Bayern nach Murnau locken. Tourismus und die damit verbundene, traumhafte Geldquelle ließ die Augen der Murnauer strahlen. Die Umsetzung war nicht leicht, denn von München heraus gab es zur Mitte des 19. Jahrhunderts nur zwei holprige Straßen. Reisen war eine Qual. Das änderte sich, als die Eisenbahn bis nach Garmisch-Partenkirchen fahren konnte. Jetzt strömten die Sommerfrischler an den Staffelsee. Aber hier gab es für die Gäste nix. Himbsel ging zu Werke. Zu allererst wurde der Fußweg durch die ‚Schlucht‘ von der Kohlgruber Straße zur Murnauer Bucht angelegt. Am 12. April 1868 wurde dafür der erste Baum gepflanzt, zwei Wochen später standen bereits 246 Ahorn, Linden, Eichen. Da griff nicht irgendwer zu Spaten und Hacke, sondern honorige Persönlichkeiten: Der Kaufmann Caspar Kapfer, der Arzt Dr. Frankl, der Marktschreiber Stanninger, der Apotheker Widmann und allen voran der Bierbrauer Emeran Kottmüller.

Kein Wintersportort

Der Tatendrang war kaum zu bremsen. Am 25. Mai 1868 war die Eröffnung der ersten Badeanstalt an der Seeleite; streng getrennt nach Frauen und Männern. Dann brach 1870 der Krieg aus und die Murnauer Ortsverschönerer pflanzten weiter ihre Bäume – an den ‚Vier Linden‘ , am Eichholz, an der Ähndl-Allee (die ab 1906 Kottmüllerallee heißen wird). Es gab die ersten Gästeprogramme, sogar Schwimmkurse wurden angeboten; 45 Mal im Jahr 1912 und 31 Mal im Jahr 1913.

Murnau wollte nicht nur Sommerdestination sein – wie es in der Sprache der Touristiker heißt – sondern auch im Winter eine Rolle spielen. Am Federberg gab es Skirennen, am Staffelsee Schlittschuh-Läufe und am Berggeist Skisprung-Wettbewerbe. Der Traum war bald ausgeträumt, denn 1934 keimte die Erkenntnis: Murnau wird niemals Wintersportort werden. Die Sprungschanze am Berggeist kam wieder weg. Dafür geisterte eine neue Vision durch die Köpfe. Angesichts des anschwellenden Autoverkehrs lagen 1934 die ersten Pläne zum Bau einer Umgehungsstraße für den Ober- und den Untermarkt auf dem Tisch.

Strandbad, Lesehalle, Campingplatz

Durch die Zeit des Nationalsozialismus manövrierte sich der Verschönerungsverein eigentlich ganz gut. Zwar wurde am 5. September 1933 die bisherige Vorstandschaft durch willfährige Führer der NSDAP ersetzt. Die Investitionen in den Fremdenverkehr gingen weiter. Das größte Projekt war die Anlage des Kurparkes in der Ortsmittel, mit einem Tennisplatz im Süden. Markantes Gebäude ist die Lesehalle geworden, die erst in den 1970er-Jahren durch das Kultur- und Tagungszentrum ersetzt wurde. In den 1990er-Jahren änderte sich das Gesicht des Kurparks. Aus einst schattigen Plätzchen unter Bäumen, dem Springbrunnen, den Rosenbüschen und dem Kinderspielplatz ist eine schmucklose Rasenwüste geworden. Die Bauaktivitäten der 1930er-Jahre überstieg die Finanzkraft des Verschönerungsvereines. Zur Entschuldung gingen noch während des Dritten Reiches sämtliche Vermögenswerte und Grundstücke auf die Gemeinde über. Der Verein verpflichtete sich im Gegenzug dazu, die Grünanlagen und Wanderwege weiterhin zu pflegen. Das blieb nach dem Zweiten Weltkrieg so. Mehr noch, der Verein übernahm touristische Verpflichtungen: die Fremdenverkehrswerbung, die Zimmervermittlung und den Betrieb des Strandbades. Neu hinzu kam die Bewirtschaftung des Campingplatzes auf der Halbinsel Burg; der in der Fachpresse bald den Ruf als „schönst gelegener Campingplatz Deutschlands“ hatte. Schon 1949 gab es die erste Kooperation auf dem Tourismussektor mit den Gemeinden Seehausen und Riegsee. Die Lesehalle am Kurpark wurde für heimische Künstler geöffnet. Die Murnauer Hinterglasmaler zeigten dort ihre Werke. Soviel Engagement und 200.000 Gästeübernachtungen pro Jahr überstiegen die ehrenamtliche Leistungsfähigkeit des Vereines. Ab dem 3. Juni 1952 übernahm die Marktgemeinde eine Reihe von Aufgaben selbst. Das Strandbad ging 1965 als Eigenbetrieb in die Verantwortung der Gemeinde über. Die Vision, ein ‚Bad Murnau‘ zu werden, erfüllte sich nicht. Immerhin reichte es zum Prädikat ‚Luftkurort‘, 1963. Beim Ausbau und der Pflege des Wanderwegenetzes war der Vereinsvorsitzende Gustav Hell nicht gerade schüchtern. Er spannte die Mitglieder des Jugendrotkeuzes dazu ein und Soldaten der Werdenfels-Kaserne. 1966 holte Hell die Mitarbeiter der Unfallklinik Murnau (UKM) zur Pflege des Seidlparkes. Heutzutage ziehen die Leute vom Verschönerungsverein vornehmlich im Herbst los, um mit Gartenschere, Motorsäge und Häcksler Grünflächen von Wildwuchs zu befreien, oder kaputte Wege zu sanieren.

Zuwendungen an karitative Einrichtungen

Weit über die Grenzen Murnaus hinaus bekannt ist der jährliche Töpfermarkt. Der Vorsitzende Dieter Haedecke hatte 1983 die Idee dazu. Am letzten Wochenende im August machen drei dutzend Kunsthandwerker aus ganz Deutschland mit, tausende von Besucher kommen angefahren. Treibende Kraft und unermüdliche Organisatorin war über viele Jahrzehnte hinweg die heutige Ehrenvorsitzende des Verschönerungsvereines, Ingeborg Winkler.

Auf die Initiative von Ingeborg Winkler gehen die Park- und Ruhebänke zurück, für die sie unermüdlich Spender gewinnen konnte. 200 Bänke sind es aktuell. Besonders augenfällig sind die zwölf ‚Blauen Bänke‘ am Moos-Rundweg, die der Kunstmaler Hans-Georg Hasenstab anregte und der ‚Malzirkel 69‘ gestaltete; Ingeborg Winkler: „Dieses einzigartige Projekt bringt Kultur, Natur und in Einklang.“

2010 gehörte der Verschönerungsverein zu den Kooperationspartnern für den drei Kilometer langen König-Rundweg im Murnauer Westen; zur Erinnerung an König Ludwig II. und Prinzregent Luitpold, die beide gerne Zeit in Murnau verbrachten. 2015 kam der Bau eines Aussichtspavillons an der Kottmüllerallee. Damit Murnau nicht nur schöner wird, sondern auch eine Heimat für Bienen, Hummeln und all dem anderen Gesummse bleibt, ist die Aktion ‚Blumenwiese‘ gedacht. Seit 2013 wird auf mehr als 1000 Quadratmetern Grünfläche Blumensamen ausgestreut. Begonnen wurde am Maibaum, an der südlichen Tunneleinfahrt der Entlastungsstraße und vor der evangelischen Kirche. Vereinsvorsitzender Wilhelm Müller: „Aus einst öden Grünflächen sind bunte Oasen geworden.“

Der neu gestaltete Schützenplatz bekam vom Verschönerungsverein einen Brunnen aus Bayerwald-Granit; Müller: „Wir wollten nichts künstlerisch Auffälliges, sondern einen Brunnen, der zum Ambiente des Platzes passt.“ Jüngstes ‚Kind‘ ist die Übernahme des beliebten Christkindlmarktes der Hobbykünstler im Kultur- und Tagungszentrum. Wilhelm Müller: „Wir werden den Christkindlmarkt in der bewährten Tradition von Anton und Ruth Rauner weiterführen.“

Den 356 Mitgliedern des Verschönerungsvereines Murnau e.V. reicht es nicht, Blumenrabatte zu bepflanzen oder unzählige Kubikmeter Springkraut auszurupfen. Deshalb denken sie seit vielen Jahren immer wieder an Menschen, denen nicht gerade die Sonne ins Gesicht lacht; Wilhelm Müller: „Aus dem Überschuss unserer Einnahmen – wie beispielsweise dem Töpfermarkt – spenden wir regelmäßig für wohltätige Zwecke.“

Zum 150. Vereinsjubiläum gibt es eine Ausstellung im Kultur- und Tagungszentrum. Ab 14. April sind vier Wochen lang Dokumente zur Vereinsgeschichte und historische Fotos im Foyer zu sehen.

von Günter Bitala

Auch interessant

Meistgelesen

Große Schafprämierung
Große Schafprämierung
Bundespolizei stoppt mutmaßlichen Schleuser auf B2
Bundespolizei stoppt mutmaßlichen Schleuser auf B2
Klosterausstellung kommt gut an
Klosterausstellung kommt gut an
Bundespolizei stoppt mutmaßlichen Schleuser ohne Führerschein auf der B2
Bundespolizei stoppt mutmaßlichen Schleuser ohne Führerschein auf der B2

Kommentare