"Lasst uns nach Bethlehem gehen..."

Krippen als Zentrum der Weihnachtsgeschichte – Sonderausstellung im Staffelsee-Museum

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Krippe im Barockstil – Oberammergau, Anfang des 21. Jahrhundert.

Seehausen – Der Engel sagt zu den Hirten: „Geht hin, für Euch ist heute der Retter geboren!“ Da laufen die Männer hinaus in die Dunkelheit. In einem Stall bei Bethlehem finden sie ein Kind und die Eltern: Maria und Josef. Die Enttäuschung muss groß gewesen sein, erwarteten sie doch einen mächtigen Feldherren, der die Menschen aus der Unterdrückung durch die römischen Besatzer befreit. Der die Schergen des Königs Herodes besiegt. Aber ein Säugling?

Der Weihnachtsgeschichte, wie sie der Evangelist Lukas erzählt, ist die Winterausstellung im Staffelsee-Museum gewidmet: ‚Kommt, lasst uns nach Bethlehem gehen; Krippen aus vier Jahrhunderten.‘

Die Hirten hätten gewarnt sein müssen, denn der Engel hatte sie ja vorbereitet: „Schaut nach einem Kind, in Windeln gewickelt. Es liegt in einer Futterkrippe.“ Die Hirten stehen also vor dieser Raufe, in der das zierliche Baby selig schlummert. Da wandelte sich ihre anfängliche Skepsis in eine unbändige Faszination.

Papst Benedikt XVI. ermutigte die Menschen immer wieder, die Krippen zu Hause als Zentrum des Weihnachtsgeschehens in Ehren zu halten. Adolph Rehm schrieb in seinem Buch über das Brauchtum im Werdenfelser Land: „Die Pflege des Krippenbaus und das Sammeln von Krippenfiguren ist gerade bei alteingesessenen Familien eine schöne, über die Jahrhunderte lebendig gehaltene Tradition.“ So gehört zu einem richtigen Weihnachtsfest die Krippe unter den Christbaum. Meist sind Maria und Josef, Ochs und Esel von geschickten Schnitzern aus Ahorn- oder Lindenholz geschnitten. Es gibt aber auch Krippen mit bekleideten Gliederpüppchen. Deren Gewänder sind aus Seide oder feinstem Leinen genäht, Hirten tragen gestrickte Wolljanker. Bekannt sind zudem Krippen aus Sperrholz ausgesägt, oder welche aus Papier. Der Leiter des Staffelsee-Museums, Joseph Führer, fand für seine Ausstellung Exemplare aus Wachs, Terrakotta und Wäscheklubberl. Eine Krippe ist im 3D-Drucker entstanden.

Nackerte Engel

Rund um den Staffelsee verzichten heuer viele Familien auf ihre Weihnachtskrippen, um sie im Museum der Öffentlichkeit zu zeigen. Prachtexemplare sind darunter, wie die stattliche Krippe im Barockstil, die allerdings aus dem ersten Jahren des 21. Jahrhunderts stammt. Der Oberammergauer Josef M. Fux hat sie gemacht. Oberammergau scheint ein beliebter Herkunftsort für Weihnachtskrippen zu sein, in Seehausen sind mehrere Exemplare aus verschiedenen Zeiten ausgestellt. Originell: Man muss nicht lange suchen, aber zweimal hinschauen und überrascht die Augen reiben, um die beiden nackerten Engel in einer der Vitrinen zu entdecken. Die ältesten Stücke sind die neapolitanischen Figuren aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert – ein König Baltasar und sein Diener. Das Jesuskind in der Krippe. Joseph Führer sagt: „Bereits aus dem 4. Jahrhundert kennen Historiker in Stein geritzte Darstellungen der Geburt Christi; gefunden in Italien.“ Über den genauen Anfang und den Ursprung der Krippen gibt es jedoch keine gesicherten Quellen. Als ‚Vater‘ der Weihnachtkrippen, wie wir sie kennen, gilt der Heilige Franz von Assisi, der im Jahr 1223 während eines Gottesdienstes in der Gemeinde Greccio anstatt einer Predigt, eine Weihnachtskrippe mit lebendigen Tieren aufgebaut haben soll. Joseph Führer: „Wie alles Lebendige, sind Krippen das Produkt einer langen Entwicklung. Als Vorbilder und Vorläufer kann man die in Kirchen aufgeführten religiösen Schaustellungen zur Geburtsgeschichte sehen, sowie verschiedene gotische Schnitzaltäre mit weihnachtlichen Motiven.“

Neapolitanisches Christkindl – Ende, 18. Jahrhundert.


Maria trägt ein blaues Kleid

Zuerst wurden einzelne Szenen des Weihnachtsfestkreises geschnitzt und auf Brettchen genagelt. Die beliebtesten Motive dieser ‚Krippla‘ sind ei ‚Verkündigung an Maria‘ gewesen, die ‚Hochzeit zu Kanaa‘ und die ‚Flucht aus Ägypten‘. Diese Plastiken waren sehr klein, sie fanden ihren Platz unterm Herrgottswinkel in den Stuben. Sie konnten je nach Festtag in immer neue Motive ausgetauscht werden. Beim Geschehen in der Heiligen Nacht gibt der Stall den Hintergrund. Mit der Zeit wollten die Krippenbesitzer selber Regisseur spielen; seitdem gibt es einzelne Figuren. Die Krippenszenen wurden immer wieder neu zusammengestellt und mit weiteren Püppchen ergänzt. Zuerst kaufte man sich eine Heilige Familie, dann kamen Ochs und Esel dazu. Später die Hirten, Schafe und die Heiligen drei Könige mit ihrem prächtigen Hofstaat. So entstanden Hauskrippen mit mehr als 100 Figuren. Beim Aufstellen gibt es gewisse Regeln, weiß Joseph Führer: Der Ochs steht rechts an der Krippe, der Esel links – ihr Atem kreuzt sich genau über dem Jesuskind. Die Hirten kommen von rechts in die Szene, die Könige von links. Die Hirten, als Protagonisten der einfachen Leute tragen Erdfarben, Maria als Himmelskönigin ist in Blau gewandet, Josef als Vertreter des jüdischen Volkes trägt etwas Gelbes.

Schon der Prophet Jessaia sprach zwischen den Jahren 740 bis 701 vor Christus gegenüber den Israeliten von der Geburt eines Messias. Mit Jessaia ziehen Ochs und Esel in den Stall von Bethlehem. Der Kirchenlehrer Augustinus (354 - 430 n.Chr.) definierte den Ochs als „das ‚Volk der Juden‘ also als Volk Gottes. Den Esel bezeichnete Augustinus als Vertreter der Heiden, also aller anderen Völker. Dieses Definitionen waren theologisch von Anfang an umstritten; waren Thema beim Konzil von Trient (1545-1563). Dabei gelang es aber nicht, Ochs und Esel von der Krippe zu verbannen.

Die Ausstellung ist im Staffelsee-Museum Seehausen zu sehen bis zum Sonntag, 3. Februar 2019. Geöffnet von Donnerstag bis Sonntag, und feiertags von 14 bis 18 Uhr; Heiligabend und Silvester bleibt das Museum geschlossen. Für Informationen und zur Vereinbarung von Sonderführungen ist Joseph Führer zu erreichen: Tel. 08841-8054.

von Günter Bitala

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