KZ-Überlebender berichtet Neuntklässlerinnen

„Bei uns ist kein Leben, hier ist nur Sterben“

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Unauslöschlich wie die Erinnerungen: Dudoks KZ-Nummer.

GAP – Die drei Namen Flossenbürg, Auschwitz, Mauthausen allein reichen schon aus, um von Gedanken der Scham, der Trauer und der Verzweiflung bedrückt zu werden. Hunderttausende von Menschen wurden von Deutschen in diesen Konzentrationslagern eingesperrt und ermordet. Der Ukrainer Onufrij Dudok, mittlerweile 90 Jahre alt, musste als Jugendlicher diese Orte des Todes und der Entmenschlichung erleben.

Schülerinnen der 9. Klasse wurde es auf Initiative von Franziska Kick, Lehrerin am Erzbischöflichen Irmengard-Gymnasium, möglich gemacht, von Onufrij Dudok, einem Überlebenden der Vernichtungslager von Flossenbürg, Auschwitz und Mauthausen, seine Lebensgeschichte erzählt zu bekommen. Er war dazu vor kurzem nach Garmisch-Partenkirchen gekommen, unter anderem begleitet von einer Übersetzerin, die Dudoks Schilderungen vom Ukrainischen ins Deutsche übersetzte. 

Zwangsarbeit in Lemberg

1926 in einem kleinen Dorf in der heutigen Ukraine geboren, wuchs er mit seinen vier Geschwistern in einfachen Verhältnissen auf. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war es ihm und seinen Altersgenossen nicht mehr möglich, in die Schule zu gehen. Vielmehr mussten sie arbeiten gehen. Über viele Monate hinweg waren sie mit dem Torfstechen beschäftigt, ehe sich die Situation mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht noch weiter verschlechterte. Die arbeitsfähigen Jugendlichen aus seinem Heimatdorf wurden zur Zwangsarbeit nach Lemberg gebracht. Es dauerte nicht lange, dann wurden Onufrij Dudok und viele andere in Lemberg tätige Zwangsarbeiter in einen Güterzug gesperrt und Richtung Westen transportiert. Wohin die Reise gehen sollte, wusste der junge Mann nicht. Letztlich erreichten sie die Stadt der Reichs­parteitage, Nürnberg, wo sie eingesetzt wurden, um den zerbombten Bahnhof wieder herzurichten. 

Pro Tag ein kleines Stückchen Brot

Eine Kleinigkeit wurde Dudok dann zum Verhängnis. Aus Sehnsucht nach seiner Familie schrieb er einen Brief an seine Eltern, den er zur Post in Nürnberg bringen wollte. Dass das strengstens verboten war, wusste er offenbar nicht. Die Nationalsozialisten ließen ihn allerdings spüren, was es hieß, gegen ihre Regeln zu verstoßen. Er wurde Anfang 1943 von Nürnberg weggebracht und zunächst in einem kleinen Barackenlager unweit der fränkischen Metropole inhaftiert. Dort erlebte er erstmals, mit welcher Grausamkeit die SS-Wachleute Gefangene behandelten. Auch er entkam der Folter nicht. Er berichtete, wie sich jene 25 Schläge anfühlten, mit denen er von SS-Leuten dort erstmalig malträtiert wurde. 

Die körperliche Gewalt war das eine, die fürchterlich schlechte Ernährung das andere. Er erhielt pro Tag ein kleines Stückchen Brot, immer wieder waren auch Tage dazwischen, an denen er und seine Mitgefangenen gar nichts zu essen bekamen. Und das, obwohl sie tagtäglich schwerste körperliche Arbeiten erledigen mussten. Nach einigen Tagen wurden Dudok und seine Gruppe verlegt. Zunächst wusste er nicht, wo sie nun hingebracht wurden. Der junge Mann, kein Deutsch sprechend, entzifferte am Eingangsgebäude des Lagers, an dem sie dann ankamen, den Namen „Flossenbürg“. Das schmiedeeiserne Eingangstor enthielt, wie in anderen Konzentrationslagern auch, den Ausspruch „Arbeit macht frei“. Der Lagerkommandant machte den neu angekommenen Gefangenen, so Dudok in seiner Erzählung, von Anfang deutlich, was sie dort erwarten würde: „Bei uns ist kein Leben, hier ist nur Sterben.“ 

„Rechts um, zum Badehaus im Laufschritt marsch, marsch!“

Onufrij Dudok, der bis heute nur ukrainisch spricht, wechselte bei dem Zeitzeugengespräch mit den Mädchen an dieser Stelle urplötzlich ins Deutsche. Die Befehle der KZ-Aufseher haben sich offenbar tief in seine Erinnerung eingebrannt: „Rechts um, zum Badehaus im Laufschritt marsch, marsch!“ Wehe, wenn man die Befehle der SS-Leute nicht verstand. Er musste sich deutsche Begriffe einprägen, sonst wären seine Chancen geschwunden, das Konzentrationslager zu überleben. Als arbeitsfähiger junger Mann wurde Dudok im KZ Flossenbürg zur Arbeit in den Steinbrüchen eingeteilt. Von Woche zu Woche wurde ihm bewusster, was die Nationalsozialisten mit dieser Zwangsarbeit bezwecken wollten, nämlich die Häftlinge zu töten. Brachte die Arbeit in den Steinbrüchen die Gefangenen schon ans Ende ihrer Kräfte, hörte damit aber die Schikane nicht auf. Dudok schilderte eindrücklich, wie die Wachleute die Häftlinge täglich mehrmals auf dem Appellplatz aufmarschieren ließen. Häufig mussten sie dann stundenlang dort ausharren, bei Hitze und eisiger Kälte, und das in der Häftlingskleidung, die keinerlei Schutz vor der Witterung bot.

Im Dezember 1943 wurde Dudok von Flossenbürg ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verlegt. Viele seiner Mithäftlinge starben auf der Fahrt nach Auschwitz, während der sie ohne Trinkwasser und Nahrung in den überfüllten Güterwagons ausharren mussten. Dudok erlebte an der Todesrampe, wie die SS-Leute die arbeitsfähigen Häftlinge von den Alten, Kranken, Frauen und Kindern trennten. Sein Überleben hing damit zusammen, dass er als arbeitsfähig eingestuft wurde. Über mehrere Monate hinweg war er in der Flugzeugproduktion eingesetzt, ehe Ende 1944 eine erneute Verlegung der arbeitsfähigen KZ-Insassen erfolgte. Die Deutschen wollten in Anbetracht der näher rückenden Roten Armee Häftlinge ins KZ Mauthausen bringen, damit sie dort weiter zur Zwangsarbeit eingesetzt werden konnten. Dudok schilderte, dass er hier beim Bau eines Speichersees eingesetzt war.

Dudok, der mit Glück das Lager in Flossenbürg und Auschwitz überlebt hat, sollte auch Mauthausen überleben. Die Lagerkommandantur bereitete zwar alles dafür vor, die knapp 12.000 Insassen in einen Tunnel in der Nähe des Konzentrationslagers zu bringen und dann den Tunnel zu sprengen. Die heranrückenden US-Truppen verhinderten allerdings diesen unsäglichen Plan. Am 5. Mai 1945 wurden Dudok und seine Mithäftlinge befreit. Mit noch nicht einmal 19 Jahren endete für Dudok eine Lebensphase, die einschneidender und bedrückender nicht sein konnte. 

Eineinhalb Jahre lang befand er sich nach den schier unmenschlichen Strapazen der KZ-Haft in einer Klinik, ehe er 1948 nach Hause zurückkehrte, wo er zumindest seine Mutter wieder traf, die die Schrecken des Zweiten Weltkriegs überlebt hat. Seinen Vater hat er nie wieder gesehen…

Von  Ludwig Utschneider

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