Wie ein Insider und Seminarteilnehmer am Marshall Center den Konflikt in Mali sieht

Drogen, Waffen, Korruption

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Beim Gespräch im George C. Marshall Center, v. li.: Oberst i.G. Jörg Kunze, Redakteurin Melanie Wießmeyer und Lieutenant Colonel Djibril Kone.

GAP – Perspektivenwechsel. Der eigene Blick auf die Welt wird durch Faktoren wie persönliches Umfeld und über Medien verbreitete Nachrichten und Bilder beeinflusst. Dies gilt auch für Vorstellungen über ein Land oder Konflikte. Der Kreisbote hatte vor Kurzem die Gelegenheit zu einem bemerkenswerten Gespräch mit Lieutenant Colonel Djibril Kone, Kommandeur der Offiziersakademie der malischen Streitkräfte, und erfuhr dabei mehr über sein Land und den Konflikt in Mali. Eine spannende Perspektive auf das westafrikanische Land, die den eigenen Horizont erweitert.

„Wir sind sehr gastfreundliche Menschen“, hebt Lieutenant Colonel – der Rang entspricht in Deutschland dem eines Oberstleutnants – Kone gleich zu Beginn des Gespräches hervor. Und noch etwas ist ihm wichtig: der offene Austausch über sein Land. In Garmisch-Partenkirchen ist er zu Besuch am George C. Marshall Center, um dort an einem Seminar zur Regionalen Sicherheit teilzunehmen. Geleitet wird dies von Oberst i. G. Jörg Kunze, der ebenfalls am Gespräch teilnahm.

Wenn über Mali – die Hauptstadt ist Bamako – berichtet wird, handeln die Nachrichten vom Einsatz der UN-Truppen, von einem Helikopterunfall oder Anschlägen der Islamisten. Auch die Bundeswehr – aktuell unter anderem die Gebirgsjäger aus Mittenwald – ist in Mali vor Ort und beteiligt sich an der Mission der Vereinten Nationen (MINUSMA). Unabhängig davon engagiert sich Deutschland bereits seit Längerem in dem westafrikanischen Land. Für Kone ist dieses Engagement von großer Bedeutung. Deutschland, so erzählt er, setzte sich schon vor dem Konflikt für das Land ein und habe nach der Unabhängigkeit (1960) Malis direkte Hilfe angeboten. „Es gibt eine direkte, bilaterale Kooperation“. Und, so Kone, er könne eine ganze Liste dessen erstellen, was durch diese Kooperation ermöglicht wurde. Dazu gehören zum Beispiel ein Projekt für sanitäre Anlagen, Bereitstellung von Equipment oder die Ausstattung mit Uniformen für das Militär. Diese Unterstützung ist für Kone sinnvoller, als der UN-Einsatz.

Wie sieht Kone den Konflikt in seinem Land? „Der Konflikt ist vor allem im Norden. Im Süden bekommt man ihn gar nicht so mit“, stellt er fest. Im Süden und in der Mitte des Landes könne man sich frei bewegen, nur im Norden sei dies eingeschränkt. Einer der Gründe, warum die Vorgänge im Norden das Leben der Menschen in anderen Landesteilen nicht so sehr berührt, sieht Kone darin, dass nur 28 Prozent der Bevölkerung alphabetisiert ist. Kone beschreibt Mali auch als ein sehr vielfältiges Land. Das trifft sowohl auf die Landschaft mit der Wüste im Norden und dem grünen Süden zu, als auch auf die Bevölkerung, die aus zahlreichen ethnischen Gruppierungen zusammengesetzt ist. Diese ethnischen Gruppen, die auch ihre eigenen Sprachen pflegen, machen nicht vor den Landesgrenzen halt, sondern finden sich auch in Nachbarländern wieder. Die Ursache für den Konflikt liege aber nicht bei der Diversität der Bevölkerungsgruppen. Djibril Kone zeigt die für ihn entscheidenden Probleme auf: dazu gehören vor allem die Korruption und mangelnde Kontrolle über die Wüstengebiete im Norden. Dazu kommt, dass durch Mali die Route für den Schmuggel von Drogen, Waffen und Menschen führt. Da diese Routen durch den Norden gehen, ist die Kontrolle dieses Gebietes entscheidend. Aber, so Kone, hier kommt nun ein anderes Problem, die Korruption, wieder zum Tragen. Sein Beispiel: Bei einem Kontrollgang des Militärs gelingt es, einen Konvoi mit einer Drogenlieferung zu stoppen. Statt dies zu unterstützen, erhielt Kone von Regierungsseite die Anfrage, was er denn da tue, es gehe ihn und das Militär nichts an. Dennoch wird zugleich erwartet, dass er und seine Leute die Landesgrenzen wahren. „Da ist viel Geld im Spiel“, meint Kone.

Lieutenant Colonel Djibril Kone ist Kommandeur der Offiziersakademie der malischen Streitkräfte, die in Nähe der Hauptstad Bamako angesiedelt ist. Am Marshall Center in Garmisch-Partenkirchen war er Teilnehmer des dreiwöchigen Seminars Regionale Sicherheit. Das Gespräch mit dem Kreisboten wurde in englischer Sprache geführt.

Zwei Lösungsansätze sind aus der Sicht des Lieutenant Colonel eine gute Idee. „Eine verantwortungsbewusste Regierungsführung ist wichtig“ und die „G5 Sahel Joint Force könnte ein Ansatz sein“. „Wir wollen unsere Probleme selbst lösen, aber im Moment brauchen wir Hilfe. Wir haben keine Probleme mit unseren Nachbarstaaten“ und so ist der Zusammenschluss (Burkina Faso, Chad, Mali, Mauritania and Niger) ein guter Ansatz, um gegen Schmuggel und Terror vorzugehen. Und was können wir als Europäer tun? „Hilfe zur Selbsthilfe geben“, ist die deutliche Antwort. Wie diese aussieht „das müssen wir gemeinsam herausfinden“, ergänzt Kunze.

Auch wenn in diesem Jahr Wahlen in Mali stattfinden, so werden sie, nach Einschätzung von Kone, kaum den Wandel bringen. Der Grund: Die Menschen wählen die Kandidaten nicht aufgrund von politischen Programmen, sondern weil sie aus der eigenen Region kommen oder Lebensmittel versprechen.

Einen Beitrag, um den Wandel zu fördern, möchte das Marshall Center mit seinen Seminaren bieten. „Das Marshall Center ist ein Werkzeug.“ In dem Seminar, so erzählt Kone, kommen zahlreiche Nationen zusammen und jeder Teilnehmer bringt seine Perspektive mit. Das helfe, den eigenen Blickwinkel zu überprüfen. „Das Center hilft mir zu erkennen, welche Konflikte es gibt und wie die Perspektiven darauf sind. Ich schätze die Arbeit und Möglichkeiten, die sich mir hier bieten sehr.“

Die Probleme in Mali sind vielschichtig, der Konflikt ein ernstes Problem. Das Gespräch mit Lieutenant Colonel Djibril Kone macht aber deutlich, wie wichtig es ist, den Blickwinkel der Menschen vor Ort kennenzulernen. Zu verstehen, dass es andere Perspektiven – beispielsweise auf den Konflikt – gibt, als unsere eigenen in Deutschland. Und, was im Gespräch deutlich wurde, wenn Kone über sein Land spricht, dann tut er das mit Leidenschaft.

Zur Info: 

Heimkehr der Gebirgsjäger

Für die Männer und Frauen des Gebirgsjägerbataillons 233 aus Mittenwald geht ein intensiver Einsatz in Mali zu Ende. Seit Mai 2017 waren sie im Rahmen der UN-Mission im Nord­osten des Landes im Einsatz. Ihr Auftrag war „die Überwachung der Sicherheit im Einsatzraum“, wie es Hauptmann Dennis Arians zusammenfasst. Die größte Herausforderung dabei: „Den Überblick über die verschiedenen Konfliktparteien zu behalten.“ Die Gebirgsjäger kehren in diesen Tagen nach Deutschland zurück.

von Melanie Wießmeyer

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