Das Murnauer Mashkera-Treiben gibt es seit 40 Jahren

Die Schellenrührer kommen

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Faschings-Narrisch, v.li: Martin Bergmeister, Anton Steigenberger, Lorenz Brey.

Murnau – Jetzt kommt ein streng gehütetes Geheimnis ans Licht. Bislang durfte niemand erfahren, wer hinter den Schellenrührern steckt, die jeden Faschingssonntag durch die Murnauer Fußgängerzone hüpfen und den Garaus des Winters einläuten. Weil es dieses Spektakel mittlerweile seit 40 Jahren gibt, wird des Rätsels Lösung ausgeplaudert. Die Männer der ersten Stunde waren: Nikolaus Kölbl, Rudi Hief, Klaus Steigenberger, Konrad Jochner, Martin Reißl und Michael Boxberger. Wer glaubt, jetzt Bescheid zu wissen, der irrt, denn die Namen der aktuellen Schellenrührer werden nicht verraten...

Wie die Schellenrührer in die Marktgemeinde gekommen sind, erzählt Martin Bergmeister: „Am Sonntag, 5. Februar 1978 gab es einen großen Faschingszug in Murnau. Nikolaus Kölbl aus Froschhausen hatte die Idee, den uralten Brauchtums-Fasching aufleben zu lassen.“ Die Tradition der urigen Holzmasken, den Larven, war bis in die 1930er-Jahre in Murnau gepflegt worden. Gesagt getan: eine Schellenrührer-Gruppe wurde gebildet. Das Problem war, dass die Männer keine Schellen, und keine geschnitzten Masken hatten. Nikolaus Kölbl war selbst Schnitzer. Aus seinem Bestand stellte er die fehlenden Larven zur Verfügung. Das ist keine Selbstverständlichkeit gewesen, sagt Martin Bergmeister, denn die Masken waren teuer und sie hätten beim Gaudiwurm zerbrechen können. Kölbl bekam sie unbeschädigt zurück. Die schweren Kuhschellen kamen von der Familie Weingand, vom ‚Urabaur‘ in Rieden.

Faschingszüge gibt es in Murnau nicht mehr. Geblieben ist das Fosenachts-Treiben der Schellenrührer. Anton Steigenberger: „Das können nur die Traditionsvereine – eine Idee austüfteln, und sie über Jahrzehnte hinweg pflegen. Das Schellenrühren wird jedes Jahr aufs Neue mit Leben gefüllt.“ Hinter den Masken stecken nicht nur Trachtler, sondern auch Leute von der Feuerwehr, den Gebirgsschützen, den Schäflern – allerlei Faschingsnarrische, denen das alte Brauchtum am Herzen liegt. Jung und Alt.

Mit den Larven vor dem Gesicht, den Fichtenbögen in den Händen und den Schellen auf den Rücken geschnallt, geht es auf die Straße. Martin Bergmeister: „13 ‚Rührer‘ müssen es sein. Ein Vortänzer, gefolgt von je einem Mann für die zwölf Monate.“ Die Bewegungen der Gruppenmitglieder müssen vollkommen übereinstimmen, damit es den eigentümlichen, aber typischen Schellenrührer-Rhythmus gibt – Klangwumm... Klangwumm...Klangwumm.

Martin Bergmeister: „Das kann eigentlich jeder, der ein bisserl Taktgefühl mitbringt.“ Neu bei den Schellenrührern mitmachen kann man nur, wenn ein ‚Alter‘ aufhört. Die Warteliste ist lang. Dabei sein ist eine Ehre.

Schellenrühren ist Schwerst­arbeit, weiß Anton Steigenberger – der Schellengürtel wiegt zwischen 20 und 30 Kilogramm: „Viele klagen über Rückenschmerzen. Polstern geht nicht, denn die Einlagen würden rutschen.“ Nur den Gurt so eng wie möglich festzurren hilft, damit die Schellen kein Spiel haben. Eng schnallen – das gibt gelegentlich ein böses Erwachen. Martin Bergmeister: „Es kommt vor, dass sich die Leibesfülle übers Jahr ändert. Manchmal ist es ein richtiges Schieben, Ziehen und Drücken, bis sich die zu eng gewordene Gürtelschnalle hinter dem gewachsenen Ranzen schließt. Es soll sogar Männer geben, die legen zwischen dem Dreikönigstag und dem Faschingssonntag eine intensive Fastenperiode ein, damit es beim Schellenrühren ohne Peinlichkeit klappt.

Das Schellenrühren beginnt am Faschingssonntag um 14 Uhr im Untermarkt; heuer ist das der 11. Februar 2018. Anton Steigenberger: „Früher ist die Gruppe bis zu den einzelnen Wirtshäusern gezogen, und für eine gewisse Zeit eingekehrt. Jetzt wird die Fußgängerzone an einem Stück hinauf gerührt, bis zum Griesbräu. Das machen wir, damit die Passanten, die mit uns feiern und tanzen wollen, in der Schwemme ausreichend Platz finden. Erst auf dem Heimweg ist Station beim Pantlbräu und beim Karg.“

Die Schellenrührer ist eine reine Männergruppe. In ihrem Gefolge sind auch Frauen und Mädchen dabei – etwa bei der Maschkera-Musik sowie bei den Hexen, die mit ihren Besen den Schnee von den Straßen kehren, und die Zuseher am Wegesrand zum tanzen auffordern. Alle Kostüme kann man gar nicht aufzählen: Jacklschutzer, Untersberger-Mandl, Biggalan, Bärentreiber, Brezenangler, Grätznweiberl...

Lorenz Brey durfte als acht-/neunjähriger Bub bei den Pfandl­ziehern auf der ‚Pfanne‘ sitzen: „Man muss sich gut festhalten, damit man nicht runterfällt.“ Das war früher, als die Marktstraßen ein Asphaltband waren, leicht. Jetzt, auf dem Kopfsteinpflaster der Fußgängerzone, rumpelt es ganz schön; Lorenz Brey: „Bei engen Kehren verkeilt sich die Pfanne mitunter in den Ritzen des Pflasters. Wer nicht aufpasst, rutscht ab.“ Wegen der Holzmasken können die Burschen nicht richtig sehen. Lorenz Brey: „Einmal, als es in der Fußgängerzone eine Baustelle gab, merkte ich nicht, dass die Pfandlzieher auf eine Pfütze zulaufen. Es hat Platsch gemacht, und ich musste den ganzen Nachmittag mit nasser Hose weiter machen.“

Martin Bergmeister: „Wie viele Jahre es das Maschkera-Treiben in Murnau tatsächlich gibt, konnte ich noch nicht herausfinden.“ Bergmeister, Steigenberger und Brey sind sich aber sicher, dass es weit vor der Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert Maschkera in der Marktgemeinde gab; wohl nicht in der heutigen, organisierten Variante. Vielmehr sind einzelne Gruppen während der Faschingstage von Gasthof zu Gasthof gezogen, um es dort gaudimäßig krachen zu lassen.

Bergmeister besitzt drei Masken, die mindestens 120 Jahre alt sind, und in seiner Familie seit Generationen sorgfältig aufbewahrt werden: „Solche Larven waren damals teuer. Ich glaube nicht, dass sie sich jemand kaufte, um sie als Raumschmuck ins Wohnzimmer zu hängen. Das war seinerzeit überhaupt nicht üblich. Die wurden benutzt, getragen und am Aschermittwoch auf dem Speicher ver- steckt.“

von Günter Bitala

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