Geschichte: Heuer vor 15 Jahren

Murnauer stifteten Christbaum für den Münchner Marienplatz

Christbaum am Marienplatz München
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Fast schon ein historisches Foto: Im Jahr 2005 stiftete die Marktgemeinde Murnau diese herrliche Fichte als Christbaum für den Münchner Marienplatz.

Murnau ‒ „Stangerlgrad“ soll die Fichte gewesen sein, welche die Murnauer vor 15 Jahren für den Münchner Marienplatz gestiftet haben. Ihr Glück, denn eine Christbaumspende für München ähnelt einem Himmelfahrtskommando. Hier ein Rückblick auf das historische Ereignis:

Die Menschen in der Landeshauptstadt sind sehr kritisch: Mal ist der Baum zu lang, mal zu kurz, mal zu breit oder zu schmal. Oft fehlt eine richtige Spitze, und Äste oder Nadeln hat er sowieso zu wenig. Eine Nörgelei aus Tradition, denn zu mickrig ist der Baum allemal. Für Murnau hieß das damals Hopp oder Top. Blamieren wollte man sich auf gar keinen Fall.

Die Idee zur Christbaumaktion für den Münchener Marienplatz hatte der seinerzeitige Leiter der Murnauer Gemeindewerke, Wilhelm Müller, bereits 1999. Als es endlich soweit war, erzählte er: „ Damals waren die Ohlstädter mit ihrer Christbaumspende für München dran; kurz darauf auch die Garmisch-Partenkirchener. Was die können, packen wir auch! Wir bewarben uns und landeten auf einer Warteliste. Für 2005 sind wir ausgewählt worden.“

Logistische Meisterleistung

Das ganze Projekt war eine logistische Meisterleistung, sagte Wilhelm Müller, der heute der Vorsitzende des Mur­nauer Verschönerungsvereines ist. Die Fichte maß 23 Meter und war sechs Tonnen schwer. Es brauchte 20 tatkräftige Männer der Gemeindewerke, zwei Bagger, einen Kran­wagen und die Drehleiter der Feuerwehr, um den Baum auf einen Tieflader zu heben.

Aus München gab es eine lange Liste mit Bedingungen, die der Baum erfüllen musste: „Es hat vier Monate gedauert, um bei allen Behörden die Genehmigungen für den Schwertransport nach München zu bekommen.“ Die Fichte stammte aus dem Molopark. Bürgermeister Dr. Michael Rapp erklärte: „Der Baum hätte sowieso weg gemusst, denn bei jedem Sturm gefährdete er daneben stehende Häuser.“ Das Verladen wurde von der Polizei streng überwacht, es durfte nichts überstehen und kein Ast herabhängen. Die Fichte musste zwar fest verzurrt werden, aber keine Äste sollten und durften abbrechen.

Mitternächtlicher Konvoi

Mitte November ging die Reise nach München los. Ein zeitliches Problem: Der Baum musste spätestens um sechs Uhr am Ziel angekommen sein, denn ab 7.30 Uhr durften sich keine Fahrzeuge mehr auf dem Marienplatz befinden, da gab es keine Ausnahme.

Mitten in der Nacht fuhr der Konvoi am Klärwerk ab. Im Schneckentempo, denn mehr als 30 Stundenkilometer waren auch auf der Autobahn nicht erlaubt. Am letzten Parkplatz vor München kamen Stadtpolizisten, vermaßen den Transport, kontrollierten die Papiere. Schließlich ging es ohne Beanstandungen durch die engen Straßen der Münchener Innenstadt zum Marienplatz.

Die Münchner Berufsfeuerwehr stellte den Baum routiniert vor das Rathaus. Mittlerweile waren Münchens Oberbürgermeister Christian Ude und Murnaus Gemeindeoberhaupt Michael Rapp eingetroffen. Ude lud seinen Amtskollegen aus der Provinz ein, im Hubwagen zur Spitze des Baumes hochzufahren, um die erste Kerze an den Ast zu stecken. Wieder zurück lachte Ude: „Das haben wir so noch nie gemacht. Für uns eine Premiere und für die Murnauer eine Ehre!“

Mit Bussen zum Christkindlmarkt

Freitag, 25. November 2005, Eröffnung des Münchener Christkindlmarktes. Mittags starteten zwei Busse vom Kemmelparkplatz aus. Hundert Murnauer durften als Ehrengäste der Stadt München offiziell dabei sein – natürlich alle, die beim Transport des Baumes geholfen hatten; Vereinsvertreter und Gemeinderäte. Die Musiker des Jugend- und Blasorchesters zählten extra – die mussten nämlich nachmittags noch vor dem Rathaus und in der Münchener Fußgängerzone aufspielen.

Gegen 16.30 Uhr gab es einen kleinen Sektempfang im Oberbürgermeisterbüro. Dann raus auf den Rathausbalkon. Drunten wartete die Menge, nebenan Fanfarenbläser. Bei den Murnauern wuchs die Anspannung: Wie wird ihr Baum ankommen? Sehen konnte man ihn noch nicht, denn alle Lichter am Marienplatz waren aus. Stockdunkel. Christian Ude griff zum Mikrofon und stimmte seine Bürger auf eine „stangerlgrad‘ gewachsene Fichte“ ein – einen prächtigen Baum. Christian Udes spöttischer Humor ist in der Stadt bekannt, darum raunte einer der Lokaljournalisten hinter vorgehaltener Hand: „Meint der das jetzt ernst, oder doch eher ironisch?“

Schließlich legten Christian Ude und Michael Rapp den Stromschalter um. 2.500 Lichter am Baum leuchteten auf. Stille! Atemlose Stille! Minutenlange Stille! Dann plötzlich, von ganz hinten – ein zaghaftes „Bravo!“ Als wenn dies ein Startsignal für tausende von Münchener gewesen wäre: Vom Platz her brauste nun tosender Applaus zu den Leuten auf dem Balkon hinauf. Immer wieder Jubel und Bravo-Rufe. Die Murnauer hatten es geschafft, die gute Stube der Landeshauptstadt in vorweihnachtlichen Glanz zu versetzen, und den vielen Menschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.

Meint der das jetzt ernst, oder doch eher ironisch?

Lokaljournalist zu Christian Udes Aussage, dass es sich bei dem Christbaum um eine „stangerlgrad gewachsene Fichte“ handle.

Nach dem offiziellen Teil ging es fröhlich beseelt hinab ins Rathausgewölbe zum festlichen Abendessen mit Ganserl und Knödel. Die Musizierenden um Dirigent Michael Schmidt spielten bis tief in die Nacht hinein adventliche Melodien. Vor der Heimfahrt durfte sich die Murnauer Delegation in das Gästebuch der Landeshauptstadt eintragen.

Werbung für die Marktgemeinde am Staffelsee

Was ist geblieben? 20 Murnauer Vereine hatten die gesamte Adventszeit über die Gelegenheit im Prunkhof des Rathauses Glühwein und Schmalzbrote zu verkaufen. Klar ist dabei ein Batzen Geld für die Vereinskassen hängen geblieben, aber viel wichtiger war es, ordentlich die Werbetrommel für den schmucken Markt Murnau zu rühren, der dort zu finden ist, wo die Berge beginnen. Gemeinderat Josef Bierling gehörte zu den Mitorganisatoren; er urteilte später: „Wir waren die besten Werbeträger für unsere Heimatgemeinde, die man sich wünschen konnte.“ Aus diesen 20 Ortsvereinen ist mittlerweile die Murnauer Vereinegemeinschaft geworden, die jährlich den Murnauer Christkindlmarkt ausrichtet.
Günter Bitala

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