Andere Gäste, neue Chancen

Wie Corona den Tourismus im Passionsspielort Oberammergau verändert

Passionstheater Oberammergau
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Vergangenes Jahr tummelten sich die Menschen vor dem Passionsspielhaus in Oberammergau – wie hier bei der Bekanntgabe der Passions-Hauptdarsteller. Heuer blieben die Pforten geschlossen.

Oberammergau – Eigentlich hätte 2020 für die Gemeinde Oberammergau ein Jahr der Superlative werden sollen: Passionsspiele! Die 100%ige Auslastung der Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen war fest eingeplant – mit Heerscharen kauffreudiger Menschen. 

Im März kam Corona! Florian Hoffrohne, Geschäftsführer der Ammergauer Alpen GmbH: „Die Absage der Passion bedeutete für unseren Tourismus erst einmal eine wirtschaftliche Katastrophe.“ Wegen des ersten Lockdowns blieben nicht nur hunderttausende Passionsgäste weg, es brachen weitere Säulen zusammen. Florian Hoffrohne: „Es kamen keine Busreisenden mehr, keine Tagungsgäste, keine Auslandstouristen.“ Nach dem ersten Schock startete die Tourismusgesellschaft eine Marketing-Kampagne in den sozialen Medien. „Wir sind ein kleines Tal, haben aber viel zu bieten“, fasst der Geschäftsführer der Ammergauer Alpen GmbH zusammen: Moorkuren, Sport und Fun, Kunst und Kultur, das Märchenschloss Linderhof. „Ferien dahoam“ war das passende Schlagwort dazu.

Der Restart gelang, die Gäste kamen. Keine Amerikaner und Chinesen, auf die sich die Hoteliers im Ammertal über Jahrzehnte spezialisiert hatten. Bislang fuhren nämlich – auch in den Jahren zwischen den Passionsspielen – die meisten Busse abends an, die Passagiere übernachteten und fuhren morgens weiter. Die Hoteliers hatten mit diesen Gästen wenig Arbeit, wegen der langfristigen Zusammenarbeit mit den Busreise-Anbietern allerdings stets ein volles Haus, aber durch die knapp kalkulierten Preise auch wenig Wertschöpfung.

Die Situation in diesem Sommer war für Oberammergau neu. Deutsche Urlaubsgäste reisten an! Das waren Menschen, die nicht bloß eine Nacht bleiben wollten, sondern sich für eine Woche und mehr einquartierten. Die neuen Gäste gingen zum Sommerrodeln, nutzten die Bergbahnen und kauften bei den Holzschnitzern ein. Sie gingen abends essen, so blieb Geld im Dorf. Florian Hoffrohne: „Selbst wir in der Tourist-Information haben das veränderte Klientel gespürt. Sie wollten etwas über die Region erfahren, Ausflugstipps.“ Noch nie gingen in Oberammergau so viele Wanderkarten über den Tresen, wie während der vergangenen Monate. Die Hoteliers und die Pensionswirte änderten ihre Konzepte. Die Gastronomen schrieben ihre Speisenkarten um. Hoffrohne: „Alle wollten und konnten jetzt mit Herzblut Familien mit Kindern verwöhnen.“ Das waren völlig neue Erfahrungen.

Der erneute Lockdown jetzt trifft die Ammertaler Hotel- und Gastwirtschaft genauso hart wie alle anderen. Doch dieses sonderbare Jahr 2020 ist für Oberammergau eine Chance geworden, neue Urlaubsgäste anzusprechen und die Destination Ammergauer Alpen weiter zu entwickeln; darin ist sich Florian Hoffrohne sicher. Der Tourismus-Geschäftsführer sieht allerdings eine große Herausforderung: „Die Gastgeber müssen überlegen, mit welchen Angeboten und für welche Zielgruppen sie ihre Häuser für die Jahre zwischen den Passionsspielen ausrichten wollen.“ Günter Bitala

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