Erleichterter Felix Neureuther als Reporter – 131 Glückwunschnachrichten für 32-Jährigen

Neureuther holt Bronze

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Felix Neureuther im „Interview“ mit Silbermedaillengewinner Manuel Feller.

St. Moritz – Was für ein Anschluss der Welt-Titelkämpfe in Sankt Moritz. Felix Neureuther holte Bronze im Slalom. Damit bewahrte den Deutschen Skiverband (DSV) damit vor der ersten WM ohne Medaille seit 2007.

Es war eine famose Aufholjagd die der Partenkirchner im zweiten Durchgang lieferte. „Yes!!!“, brüllte der 32 Jahre alte Neureuther, als er am Sonntag von Rang zehn im ersten Lauf bis auf den dritten Platz gerast war. Als der Coup vollbracht war, schien es Neureuther selbst nicht fassen zu können. Und auch Superstar Hirscher, der nach dem Riesenslalom seine zweite Goldmedaille holte, meinte verwundert in Richtung seines langjährigen Rivalen, als er ihn im Zielbereich beglückwünschte: „Felix, was machst du denn hier?“ Der Österreicher sagte anerkennend: „Das freut mich brutal für ihn.“ Neureuther feierte in der Schweiz seine insgesamt fünfte WM-Medaille nach Team-Gold 2005 in Bormio, Slalom-Silber und Team-Bronze 2013 in Schladming sowie Slalom-Bronze vor zwei Jahren in Vail/Beaver Creek. Auf dem Podest schüttelte er leicht den Kopf, ungläubig ob des Happy Ends nach einer bis dahin unglücklichen Weltmeisterschaft samt Rücken-Blessur.

Der Star von St. Moritz war indes Hirscher. Der Österreicher war in der Saison vom Norweger Henrik Kristoffersen im Slalom und Alexis Pinturault aus Frankreich im Riesenslalom zuhauf gepiesackt worden, allein neun zweite Plätze handelte er sich ein. Beim Saison-Höhepunkt aber gelang die Revanche mit den Siegen in beiden Technik-Events, wodurch der Ski-Star zum zweiterfolgreichsten WM-Teilnehmer der Historie avancierte. Mit sechs Goldplaketten hat er nur noch eine weniger als sein Landsmann Toni Sailer. Zugleich setzte sich Österreich im Medaillenspiegel mit dreimal Gold, viermal Silber und zweimal Bronze doch noch an die Spitze vor der Schweiz (3-2-2). Aus dem DSV landeten Linus Straßer auf Rang 20 und Dominik Stehle auf Platz 21. Straßer hatte den ersten Lauf zu ungestüm begonnen und dadurch die schnellste Linie nicht getroffen. „Aber ich werfe mir nichts vor. Das ist eine WM, die findet nur alle zwei Jahre statt“, sagte er. „Wenn man es nicht so angeht, weiß ich nicht, wie sonst“, ergänzte der Zwölfte des WM-Riesenslaloms. „Am Ende ist es schade, aber kein Beinbruch“, resümierte Straßer.

Hirscher hingegen war nach Gold erleichtert. Sein Minimalziel in St.Moritz sei eine Medaille gewesen: Das war mit der Kombi geschafft. Mit RTL-Gold sei dann der Knoten richtig geplatzt, so der Salzburger, es war ein Gefühl der völligen Befreiung. Im Slalom wusste ich: Egal was geschieht, ich bin schon Weltmeister. Deshalb war das ein befreites Fahren , so Hirscher. Freudentränen vergoss Vizeweltmeister Manuel Feller. Eine Sonderschicht seines nachts angereisten Physios Gernot Schweizer habe sein Antreten möglich gemacht: „Er hat mich hergerichtet.“ Zur Halbzeit hatte es noch eine Dreifachführung für Österreich gegeben. Hirscher vor Marco Schwarz und Michael Matt. Felix Neureuther lag auf Rang zehn, hatte aber nur 0,28 Sekunden Rückstand auf Platz drei. Am Ende wurde Schwarz Siebter und Matt Achter. Titelverteidiger Jean-Babtiste Grange, der auch schon 2011 in Garmisch-Partenkirchen Gold gewonnen hatte kam nur auf Rang 23.

"Geh, schmeißt’s ihn außi, bitte!"

Auch wenn sie keinen Titel holen konnte, trat Lindsey Vonn glücklich die Heimreise an. „Mit einem großen Lächeln. Ich habe eine Medaille geholt, bin nicht verletzt – außer meiner Hand. Ich bin glücklich“, sagte sie. Die Bronzemedaille hatte sie in der Abfahrt geholt, hinter Ilka Štuhec aus Slowenien und der Österreicherin Stephanie Venier.

A Propos Venier: Vor lauter Weltmeisterschaft hatte die Tirolerin den Geburtstag ihres Freundes Manuel vergessen, der am Tag vor dem Abfahrtsrennen war. „Er hat mir längst vergeben – dafür gehört ihm jetzt ein Stückchen vom Silber“, kann sie inzwischen über den Fauxpas lachen.

Eigentlich wollte er bei der Weltmeisterschaft starten, doch dann kam der Sturz beim Kandaharrennen in Garmisch-Partenkirchen, bei dem er sich schwer am Knie verletzte: Steven Nyman. Doch den Humor hat er nicht verloren. An seinem Geburtstag am vergangenen Sonntag, am dem das Abfahrtsrennen stattfand, schrieb er auf Instagram. „Happy birthday to me! Ich wäre gerne an meinem Geburtstag bei der WM gefahren. Aber stattdessen: Reha, essen, schlafen. Gratulation Beat Feuz. Es wäre ein Spaß gewesen, gegen Dich auf dieser Piste zu fahren.“

Der Pechvogel der WM war Lara Gut. Als Topkandidatin auf mehrere Medaille gestartet, holte sie zunächst im Super-G „nur“ Bronze. Dann verletzte sich sich beim Einfahren für den Slalom der Kombination schwer. Die Schweizerin zog sich einen kompletten Riss des vorderen Kreuzbandes und einen Meniskusriss im linken Knie zu, nun muss sie operiert werden.

Die Franzosen hatten großen Spaß nach dem Teamwettbewerb bei der Siegerehrung, als die Marseillaise erklang. Doch so weit ging es dann doch nicht, dass sie ihre Nationalhymne a capella auf der Pressekonferenz singen würden – als sie der Moderators dazu aufforderte.

FIS-Renndirektor Markus Waldner zog eine positive WM-Bilanz: „Ich habe bei Welt-Titelkämpfen noch nie so wenig betrunkene Ski-Fans gesehen, wie hier in St. Moritz. Auch das spricht für den besonderen Sportsgeist der Schweizer.“

Für die Eidgenossen war es eine überragende WM. Auch wenn sie Lara Gut schon früh verloren, holten sie trotzdem sieben Medaillen: Dreimal Gold, zweimal Silber und zweimal Bronze – so viele wie seit 1989 nicht. Damals hatten sie bei der WM in Vail drei Gold-, fünf Silber- und drei Bronzemedaillen gewonnen.

Er kann es einfach nicht lassen: Ivica Kostelic, der sich eigentlich schon im Januar in Wengen aus dem Ski-Weltcupzirkus zurückgezogen hatte, versuchte alles um bei der WM noch einmal dabei zu sein – und schaffte es: Bei der Qualifikation für den Slalom wurde er 15. und sicherte sich so das Ticket für das Hauptrennen, bei dem 100 Athleten mitmachen durften – sein insgesamt 20. Rennen bei einer WM. Er kam mit Startnummer 54 im ersten Durchgang auf Rang 46 – 3,5 Sekunden hinter Marcel Hirscher. Im zweiten Lauf (bei einer WM dürfen im Gegensatz zu den Weltcuprennen 60 im zweiten Lauf noch einmal ran) verbesserte er sich auf Rang 38. 2003 war Kostelic schon in St. Moritz Slalom-Weltmeister geworden.

Nicht nur die WM ging am Sonntag zu Ende, sondern auch eine lange schweizer TV-Ära. Matthias Hüppi und Co-Kommentator Bernhard Russi (so etwas wie Gerhard Delling und Günter Netzer des Schweizer Fernsehens) kommentierten zum letzten Mal zusammen ein Skirennen für den SRF. Ihr erstes gemeinsames Weltcuprennen kommentierte das beliebte TV-Duo am 14. Dezember 1985 mit der Abfahrt in Gröden. Zum Abschluss durften die beiden bei der Siegerehrung des Herrenslaloms die Ehrenpreise überreichen. Ex-Rennfahrer Russi war es auch, der bei der Ski-WM 1987 in Crans-Montana die TV-Kamerafahrt erfand, die noch heute Bestandteil jeder Ski-Übertragung ist. Russi wird weiterhin für SRF arbeiten. Nicht mehr als Co-Kommentator, dafür als TV-Experte bei Grossanlässen wie den Olympischen Spielen 2018 in Pyeongchang in Südkorea. Hüppi wird als dem Sender als Fußballkommentator und Moderator erhalten bleiben.

Hirscher scheint seine Glückszahl gefunden zu haben: Wie im Riesenslalom ging er mit der Nummer sechs an den Start und holte auch im Torlauf die Goldmedaille. Damit war der Österreicher der erfolgreichste Athlet der Titelkämpfe mit zwei Gold- und einer Silbermedaille. Auf Rang zwei kam Tessa Worley aus Frankreich mit zweimal Gold vor Erik Guay aus Kanada, Wendy Holdener aus der Schweiz und Mikaela Shiffrin. Das Trio hatte einmal Gold- und einmal Silber gewonnen.

Hirschers Doppelgold in den beiden technischen Disziplinen war das erste Mal, dass ein Athlet sowohl den Slalom als auch den Riesenslalom gewinnt seit 31 Jahren: 1986 war Alberto Tomba das gleiche Kunststück in der Sierra Nevada gelungen.

Und noch einen Rekord hat Hirscher aufgestellt: Er ist der erste Skifahrer, der bei drei aufeinanderfolgenden Weltmeisterschaften jeweils zwei Goldmedaillen gewinnt: 2013 in Schladming gewann er den Titel mit der Mannschaft und im Slalom, 2015 in Vail mit der Mannschaft und in der Kombination und nun in St. Moritz im Riesenslalom und im Slalom

Gar nicht gut lief es im Slalom für Stefan Luitz. Der Allgäuer verlor auf der Strecke im ersten Durchgang einen Schienbeinschoner und kam nach einigen Schlägen gegen die Beine nur mit Schmerzen ins Ziel. Mit einem Rückstand von 2,52 Sekunden kam er auf einen für ihn enttäuschenden 34. Platz im ersten Lauf. Am Ende wurde er 28.

„So liegen wir zumindest nun vor dem Iran im Medaillenspiegel“ - Neureuhter Kommentar zur ersten Deutschen Medaille bei der WM.

„Ich wusste gar nicht, dass so viele meine Nummer haben“ – meinte Felix Neureuther 90 Minuten nach seinem Medaillengewinn beim Blick auf sein Handy. Da hatte er schon 131 Glückwunsch-Nachrichten.

Ex-Skirennläuferin Tina Maze, nun als Expertin für Eurosport tätig, unternahm in St. Moritz einiges. Sie erzählte, dass sie Beim Heli-Skifahren war, die Bobbahn hinunter rauschte und auch zum Langlaufen ging.

Bei der Pressekonferenz gab sich Felix Neureuther total gelöst: „Der Marcel hat heute übrigens wieder mal brutales Glück gehabt“, tönte Neureuther mit einem spitzbübischen Lächeln auf den Lippen in Anspielung auf die herausragende Leistung von Weltmeister Marcel Hirscher. Neureuther übernahm kurzerhand die Moderation einer der außergewöhnlichsten Pressekonferenzen, die der Ski-Zirkus je gesehen hat, und interviewte Manuel Feller. „Geh, schmeißt’s ihn außi, bitte!” frotzelte Feller scherzhaft. Neureuthers Konter: „Jetzt hältst du a mal die Goschn!” Übrigens hatte er vor 14 Jahren bei der Ski-WM ebenfalls in St. Moritz bei der Pressekonferenz auch schon die Lacher auf seiner Seite: Am 10. Februar 2003 meinte der damals 18-Jährige: „Am Eingang habe ich gleich zwei super Hasen gesehen.“

Neureuther im Interview:

"Ich habe die Verhältnisse wieder zurecht gerückt"

Herr Neureuther, Bronze im Slalom, was geht in Ihnen vor?

Felix Neureuther: „Es ist heute sehr, sehr emotional gewesen. Es kommt alle so ein bisschen hoch – die letzten 14 Jahre. Damals bin ich hier in St. Moritz meine erste WM gefahren. Und jetzt hole ich eine Medaille. Es ist der Wahnsinn. Auch die letzten Tage waren nicht einfach für mich. Ich habe mich sehr zurückgezogen und habe alles in dieses Rennen hier reingelegt und Gott sei Dank ist es sich perfekt ausgegangen.“

Wie war die heutige Medaille im Gegensatz zu der in Schladming vor zwei Jahren?

Neureuther: „Es war anders. Heute war es extrem. Weil man hat mich schon ziemlich abgeschrieben – so kam es mir zumindest vor. Deswegen war der Ehrgeiz bei mir schon sehr groß. Das hat mich auch sehr geärgert, dass man gesagt hat. Der Neureuther holt keine Medaille, es müssen andere richten. Deswegen habe ich so ein bisschen die Verhältnisse wieder zurecht gerückt – was auch gut ist. Es war sehr, sehr schön für mich heute.“ Hat sich der Kreis heute geschossen, wieder WM in St. Moritz?

Neureuther: „Ja, definitiv. Ich bin wohl neben Hubertus von Hohenlohe und Simari Birkner wohl der einzige, der 14 Jahre danach immer noch dabei war. Das ist echt eine coole Geschichte.“

War das Ihr letztes WM-Rennen der Karriere?

Neureuther: „Das kann ich jetzt nicht sagen. Aber emotionaler als heute kann es nicht mehr werden. Ich bin normalerweise nicht der, der gleich zum weinen anfängt. Aber heute hat es mir die Tränen echt rausgedrückt.“

Der zweite Teil des Interviews ist in der nächsten Ausgabe zu lesen.

Von Titus Fischer

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