Als Ohlstadt zum weltbekannten Bobdorf geworden ist

Verwegene Kerle auf eisigen Forstwegen

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Empfang nach den Olympischen Winterspielen Sapporo (1972) vor dem Ohlstädter Rathaus; von links: Wolfgang Zimmerer, Walter Steinbauer, Stefan Gaisreiter, Peter Utzschneider. Ganz rechts: Hubert Laber, der unermüdliche Organisator hinter den Kulissen.

Ohlstadt – Der Medaillenregen war enorm, als Ohlstadt während der 1960er und 1970er-Jahre in der Wintersportwelt als ‚Bobdorf‘ bekannt wurde: Ein Olympiasieg, eine Olympische Silbermedaille, zwei Bronzemedaillen bei Olympischen Winterspielen, zehn Weltmeistertitel, zehn Europameistertitel... Die Erfolgsreihe der Ohlstädter Bobfahrer summiert sich auf mindestens 73 Medaillenplätze bei Welt-, Europa- und anderen Internationalen Wettbewerben. Dazu kommen 37 Deutsche Meistertitel.

Die Ohlstädter nutzten seit jeher ihren Hausberg Heimgarten zum Schlittenfahren und Skilaufen. Dann das Jahr 1936: Olympische Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen! Der Garmisch-Partenkirchner Hotelier Hanns Kilian galt als einer der Favoriten, weil er vier Jahre zuvor die Bronzemedaille im Viererbob gewann. Bei der Heimolympiade wurde Kilian Siebter im Vierer- und Fünfter im Zweierbob. Die Burschen aus Ohlstadt jubelten mit offenen Mündern und glänzenden Augen den Athleten in der Eisrinne zu.

Bald war eine tollkühne Idee geboren. Heimische Wagner bauten Holzbobs, mit denen die verwegenen Kerle die Forstwege bei Ohlstadt und Eschenlohe hinab sausten. Bei Wettkämpfen waren die Ohlstädter meistens als Schnellste im Ziel. Kein Halten gab es mehr, als Anderl Ostler aus Grainau und Lorenz Nieberl im Zweierbob den ersten Olympiasieg für das Werdenfelser Land einfuhren; das war 1952 in Oslo. Jetzt brauchte es eine richtige Bobbahn. Das Material für ihren Eiskanal holten die Ohlstädter vom Sägeweiher bei Schwaiganger. Mühsam transportierten sie die Blöcke zum Ram, oberhalb des Dorfes. Das Eis war so hervorragend, dass zwischen 1958 bis 1970 die Deutschen Bobmeisterschaften in Ohlstadt ausgetragen wurden. Sogar Sonderzüge waren unterwegs, das Publikum ins Dorf zu bringen. Stefan Gaisreiter: „Es war, als wenn ein positiver Virus die Menschen erfasste. Jeder half, die Eisblöcke mit Schneematsch als Bindemittel in die hergerichteten Hohlwege einzupassen. Handwerker brachten unentgeltlich Material und Geräte.“

Euphorie ohne Grenzen

Der Partenkirchner Franz Kemser – selber Olympiasieger mit Anderl Ostler im Viererbob – schenkte den Ohlstädtern einen ‚richtigen‘ Wettkampf-Zweierbob. Damit holten Franz Schelle und Otto Göbl den Bayerischen Meistertitel und die Deutsche Meisterschaft jeweils zum erstenmal nach Ohlstadt.

Ein unermüdlicher Organisator war Hubert Laber. Er sprach Rudolf August Oetker an, den Chef des Back-Konzernes. Dr. Oetker spendierte den ersten Viererbob. Franz Schelle fuhr damit 1953 mit Jakob Nirschl, Hans Henn und Edmund Koller einen Deutschen Meistertitel ein. Die Euphorie kannte kaum mehr Grenzen, als Franz Schelle und sein Vierbob-Team 1962 mit dem Weltmeistertitel nach Hause kamen.

Mittlerweile machte sich Toni Pensperger einen Namen als Bobpilot. 1966 gewann er mit Helmut Wurzer die Europameisterschaft. Dann kam die Viererbob-Weltmeisterschaft in Cortina d‘Ampezzo, ebenfalls 1966. In einer Kurve war der Schlitten nicht zu halten. Bei dem Unfall erlitt Toni Pensperger tödliche Verletzungen. Ludwig Siebert wurde schwerst verletzt. Helmut Wurzer und Roland Eberhart kamen mit relativ glimpflichen Blessuren davon. Stefan Gaisreiter: „Der Tod Penspergers hatte alle geschockt. In Ohlstadt hielten jetzt viele den Bobsport für Wahnsinn.“

Zimmerer und Utzschneider werden Olympiasieger

Franz Schelle wurde Mentor und Trainer des gelernten Bäckers Wolfgang Zimmerer. Als Partner für die Bremsen der Bobs gewannen sie Peter Utzschneider. Die Nationalmannschaft rief zur Vorbereitung auf die Olympischen Winterspiele 1968. Der tragische Unfall von Toni Pensperger versetzte dem Ohlstädter Bobsport einen herben Rückschlag. Wolfgang Zimmerer setzte dagegen: „Der Toni hätte es niemals gewollt, dass wir aufhören!“ Er und Utzschneider fuhren von Erfolg zu Erfolg. Bei ihren ersten Olympischen Spielen (Grenoble, 1968) schafften sie im Viererbob den neunten Platz. Die folgenden Jahre starteten sie bei Welt- und Europameisterschaften. Zimmerer einmal im Rückblick: „Es war eine schöne Zeit. Wir sahen viele Städte und lernten interessante Menschen kennen.“

Bei der Winterolympiade 1972 im japanischen Sapporo gingen Wolfgang Zimmerer und Peter Utzschneider mit dem Bob ‚Deutschland II‘ an den Start. In vier spannenden Durchgängen hatten es die Loisachtaler geschafft: Olympiasieg! Wenige Tage später starteten sie im Viererbob. Zum Team gehörten Walter Steinbauer und Stefan Gaisreiter. Am Ende gab es für die Ohlstädter Bronze.

1976 in Innsbruck holte sich Wolfgang Zimmerer den Leichtathleten Manfred Schuhmann in den Schlitten: Silbermedaille im Zweierbob und Bronze im Vierer; mit Manfred Schuhmann, Bodo Bittner und Peter Utzschneider.

Bei der Olympiade in Innsbruck zeichnete sich ein Umbruch ab. Die Sportsoldaten der DDR machten den Bobsport athletischer. Auch die Technik spielte sich in den Vordergrund. Nicht mehr findige Handwerker bauten die Bobs in ihren kleinen Werkstätten. Die Gefährte wurden jetzt von Wissenschaftlern und Technikern konstruiert. Ein Beispiel war der sogenannte OPEL-Bob gewesen. Ein schnelles, aber kompliziert zu fahrendes Sportgerät. Der Knackpunkt: die Zeit bis zu den Olympischen Spielen in Lake Placid (1980) reichte nicht aus, die Athleten auf den hochmodernen Bob zu schulen. DER SPIEGEL unkte damals über den ‚Reißbrettbob‘: „Die Deutschen besitzen den besten Bob – aber keiner kann damit fahren!“ Und BILD zählte „Die Stürze im Wunderbob“. Die DDR-Athleten und die Schweizer teilten sich die Olympia-Medaillen unter sich auf.


Junge Talente starten für Ohlstadt

Stefan Gaisreiter begann Ende der 1960er-Jahre als Anschieber bei Wolfgang Zimmerer im Viererbob. 1974 wechselte Gaisreiter an die Lenkseile: Deutsche Meisterschaft im Zweierbob. Zweiter bei der Europameisterschaft. Dritter bei der Zweierbob-Weltmeisterschaft. 1979 dann Vize-Weltmeister im Zweier und Weltmeister im Viererbob. Das waren die letzten großen internationalen Titel für die Gemeinde Ohlstadt. Ein schwerer Unfall bei der Europameisterschaft in St.Moritz beendete Gaisreiters aktive Laufbahn. Heute sagt er: „Schade, dass ich als Bobpilot keine olympischen Medaillen einfahren konnte. Aber nach dem Unfall war mir die Familie wichtiger.“

Und heute? Christoph Gaisreiter – der 2005 Doppel-Junioren-Weltmeister geworden war – ist Vorsitzender des Bob- und Rodelclubs Ohlstadt e.V.: „Wir haben eine Reihe junger Leute, die für unseren Verein an den Start gehen. Da ist etwa Dennis Pihale als Nachwuchspilot an den Lenkseilen.“ Ende Januar gab es für den BRC-Ohlstadt bei der Junioren-WM in St. Moritz beachtliche Erfolge zu feiern: Florian Bauer wurde als Anschieber Juniorenweltmeister. Er startete mit dem Piloten Pablo Nolte aus Winterberg. Paul Straub ist U23-Weltmeister im Viererbob geworden, gemeinsam mit Richard Oelsner aus Oberbärenburg (Sachsen). Zu den Ohlstädter Talenten gehören auch Lukas Fryt. Alle sind aus der Leichtathletik zum Bobsport gewechselt.

von Günter Bitala

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