Provokante Zukunftsmusik – 100 Studenten verpacken Garmisch-Partenkirchen in visionäre Projekte

Zukunftsmusik oder realisierbare Projekte? Rund 100 Studenten stellten auf der Ausstellung „GAP neu gedacht“ ihre Semesterarbeiten vor, u.a. an einem selbst gebauten Modell von Garmisch-Partenkirchen im Maßstab von 1:500. Foto: Wäspi

Potentiale nutzen, hieß das Schlagwort der Stunde, für das ein Projekt der Technischen Universität München (TUM) die Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen in den letzten Tagen zu erwärmen versuchte. Über 100 Studenten nahmen mit ihren Dozenten den Ort vor allem in städtebaulicher und regionalplanerischer Hinsicht unter die Lupe und präsentierten bis gestern dem Markt in der Ausstellung „GAP neu gedacht“ im Olympiasaal ihre Zukunftsvisionen.

Über das gesamte Wintersemester 2010/11 hinweg stand Garmisch-Partenkirchen im Fokus der Betrachtungen in einem Seminar der TUM. Die vier Lehrstühle für Städtebau und Regionalplanung, Raumenwicklung, Landschaftsarchitektur regionaler Freiräume und für Nachhaltige Architektur von ländlichen Räumen untersuchten den Ort auf seine Potentiale und Ausbaumöglichkeiten hin. Die Ausstellung, die sie mit Hilfe des Deutschen Werkbundes umsetzten, war der Abschluss ihrer umfangreichen Untersuchungen, die sie zugleich als Projekte in ihren Semesterarbeiten umsetzten. Warum für dieses Semester ausgerechnet Garmisch-Partenkirchen Modell stehen durfte, lag für Seminarleiter Dr. Michael Droß klar auf der Hand. „Natürlich war die Olympiabewerbung das Motiv“, begründet der Dozent die Wahl. Diese Ausgangslage sei aber auch eng verknüpft mit der finanziellen Situation des Marktes: Die hohe Verschuldung, die der Markt zum Jahresende 2010 mit rund 81 Mio. Euro inklusive Gemeindewerke beziffert, mache diesen Umstand noch mehr zu einer interessanten Herausforderung: „Olympiaorte haben eher Nach- als Vorteile, wenn das Erbe der Olympischen Spiele nicht ausreichend geplant wird. Für das, was die Spiele hinterlassen, muss es genau ausgearbeitete Nutzungskonzepte geben, weil sonst die öffentliche Hand für ihre Investitionen keinen ausreichenden Gegenwert bekommt und vor hohen Schulden steh“, urteilt Dr. Droß. „Unabhängig jedoch von Olympia haben wir die Frage gestellt, wie den Herausforderungen, die der Markt mit seiner Ausgangslage in Zukunft zu meistern hat, begegnet werden kann“. Die von den Seminarteilnehmern ermittelte Ausgangslage stellt sich aber als nicht besonders günstig heraus, sodass sich die Marktgemeinde in ihren Augen vor einer beachtlichen Reihe von Herausforderungen sieht. Demografischer Wandel wird Problem der Zukunft Die Überalterung der Bevölkerung, der Zuzug älterer Menschen und die Stagnation der Einwohner- und Fremdenverkehrszahlen seien hier sehr einschneidend. Dazu kämen fehlende Ausbildungspotentiale. Der Markt sei daher nur wenig attraktiv für junge Menschen, wodurch die Tendenz zur Abwanderung nach München oder Innsbruck stetig steige. Weitere Punkte, die die Studenten berücksichtigten, waren neben anderen die Tourismus-Infrastruktur, die in den Augen der Seminarteilnehmer zu wenig investiere und auf die überkommene „Postkartenidylle“ als alleiniges Zugpferd setze, die enorme Belastung durch den innerörtlichen Straßenverkehr, das „brach liegende“ Bahnhofs­areal als ein Knackpunkt, der das Ortsbild markant zerteilt und zugleich die Grenze der beiden Ortsteile auch in den Köpfen erhalte, oder auch die Konzentration auf einen sportlastigen Wintertourismus, der den Nutzen eines Ganzjahressporttourismus ausklammere. Berücksichtigt wurde aber auch, dass es schon mehrere Maßnahmenkataloge gibt, wie zum Beispiel das Gemeindeentwicklungsprogramm von 1998, ein Entwicklungskonzept für den Landkreis des Alpenforschungsinstitutes von 2008 oder auch aktuell die Plattform für ein nachhaltiges Garmisch-Partenkirchen mit einem Plan für ein Zentrum für Nachhaltigkeit, unterstützt von der TUM. „Einerseits haben unsere Projekte ganz klar visionären Charakter, andererseits sind viele realistisch und durchaus umsetzbar.“ (Dr. Michael Droß) Ebenso komplex wie diese Umstände ineinandergreifen, gestaltete sich auch die Aufgabenstellung an die Studenten. Es galt, die „vorherrschende Verstaubtheit beinahe aller städtebeaulichen Räume“ zu überwinden, die Vernetzung der beiden Ortsteile zu einem Landschaftsraum zu gestalten und dabei die vorhandenen Potentiale auszuschöpfen und gegebenenfalls zu erweitern. „Ich weiß gar nicht, wie oft wir hierher kamen, um uns ein genaues Bild von der Gemeinde zu machen“, erinnerte sich eine Studentin an die gründliche Bestandsaufnahme vor Ort. Ausgehend von diesen Recherchen begann sich dann das kreative Mühlenwerk zu drehen: Thesen und Anstätze wurden entwickelt, Szenarien entworfen und Konzepte ausgearbeitet. Um den Markt in jeder nur erdenklichen Hinsicht zu erfassen, halfen nicht nur Besichtigungen von Sportanlagen oder der heimischen Architekturlandschaft, sondern auch aufwendige Aktionen wie das Zählen von Menschen auf Straßen und Plätzen unter bestimmten Aspekten wie „Sportler“, „Schüler“, „Trachtenträger“ oder auch „Ruheständler“. So entdeckten die Studenten vielfältige Projektrichtungen. Das Ziel von Peter Herrmanns Gruppe war zum Beispiel, die beiden Ortsteile Garmisch und Partenkirchen so zusammenwachsen zu lassen, dass man von einem geschlossenen Ort sprechen kann, der auch in den Köpfen als solcher wahrgenommen wird. „Den vernachlässigten Bereich in der Bahnhofstraße haben wir zum Bindeglied der beiden Ortsteile gemacht: Neben dem Bahnhof als Verkehrsumschlagplatz soll die Straße auch ein Fokus für die junge Generation werden mit dem Rathausplatz als markantem Baukörper und Impulsgeber für eine neue Identität im Ort“, erklärt der Student. Einen gänzlich anderen Aspekt rückte Kerstin Finkenzeller mit ihrer Projektgruppe in den Mittelpunkt. Rund um Garmisch-Partenkirchen gibt es etwa 2500 Stadel, die Ortsbild und Ortscharakter wesentlich prägen, deren Funktion sich aber wesentlich geändert hat. So entwarf die Gruppe neue Nutzungskreisläufe vom bloßen Heustadl weg und hin zu kulturell, gastronomisch oder auch freizeitlich genutzten Elementen, die die Kulturlandschaft vitalisieren und zu einer neuen Identität verhelfen. Nahezu autofrei gestaltet sich die Marktgemeinde in der Vision von Christian Feggs Gruppe, wodurch der Markt seine Potentiale zur Sommerfrische gänzlich ausschöpfen kann. „Wir hatten die Idee den Transitverkehr über zwei tangierende Tunnel komplett am Ort vorbeizuführen. Mit Shuttle- und Park-&-Ride-Stationen an den Tunnelaustritten kann dann zu den Bergen ein strukturell neuer Bezug aufgenommen werden, und das völlig autofrei“, erklärte Fegg seine kostenintensive Vision. Insgesamt 26 Projekte stellten die Studenten vor. Vieles was Zukunftsmusik bleiben wird, vieles, was vorstellbar ist, vieles, was provokant formuliert war – in jedem Fall aber zum Nachdenken anregt.

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