Experteninterview 

Ratschläge zum Umgang mit Angst während der Coronakrise

Dr. Anna Beraldi ist Expertin für Stressbewältigung. Im Interview gibt sie Ratschläge, wie man mit Angst während der Coronakrise umgehen lernen kann.
+
Dr. Anna Beraldi ist Expertin für Stressbewältigung. Im Interview gibt sie Ratschläge, wie man mit Angst während der Coronakrise umgehen lernen kann.

Die Corona-Krise ist für viele Menschen eine emotionale Ausnahmesituation. Dr. Anna Beraldi, leitende Psychologin an der kbo-Lech-Mangfall-Klinik Garmisch-Partenkirchen, hat sich auf Stressbewältigung spezialisiert. Die Expertin erklärt, wie man seine Seele stärken kann und welche Rolle Resilienz dabei spielt. Das Gespräch führte Barbara Falkenberg.

Frau Dr. Beraldi, was macht die Corona-Krise mit vielen Menschen auf der psychischen Ebene?
Dr. Anna Beraldi: „Wie jede Krise, löst auch die Corona-Krise eine Bewältigungs- und Anpassungsreaktion aus. Die Menschen mussten erst einmal lernen, mit dieser neuen Situation umzugehen. Das erfordert Zeit und die Fähigkeit, sich anzupassen. Zu den häufigsten Reak­tionen der Psyche zählen Angst und Unsicherheit. Das ist im Fall des Coronavirus völlig normal, da die Situation als bedrohlich empfunden wird. “ Als Resilienz-Trainerin schulen Sie Menschen, mit Belastungen umzugehen. Wie kann man sich derzeit seelisch schützen? Dr. Beraldi: „Erst einmal gilt es zu erkennen, dass die Reaktion der Psyche bereits ein Schutzmechanismus ist. Wirklich problematisch wird es erst, wenn daraus ungesunde Befindlichkeiten oder Verhaltensweisen entstehen – etwa, wenn man Schlafstörungen bekommt oder Aggressionen auftreten. Was wir aktuell auf subtile Weise erfahren, ist, wie verletzlich der Mensch ist und wie brüchig unsere Autonomie, Selbstbestimmung und Freiheit sind. Das fühlt sich nicht gut an. Wenn der Krisenmodus die gesunde Stressdosis übersteigt und länger anhält, ist das ungesund. Es gilt, das Stresslevel in einem zu bewältigenden Maß zu halten.“

Wie kann man den Stress reduzieren? 
Dr. Beraldi: „Wissen ist eine gute Waffe gegen Angst und Desorientierung. Sich auszutauschen, finden die meisten Menschen als hilfreich. Wichtig ist, dass man sich nicht gegenseitig hochschaukelt. Auch Sport wirkt stressreduzierend, da Stresshormone abgebaut werden. Eine gewisse Normalität aufrechterhalten wirkt sich ebenfalls stressreduzierend aus. Das ist vor allem Zuhause im Miteinander mit Kindern sehr wichtig. Kinder brauchen so viel Routine wie möglich.“

Was genau bedeutet Resilienz?
Dr. Beraldi: „Viele verstehen darunter eine Art Zauberkraft, die man von Geburt an mitbringt oder eben auch nicht. Das ist aber so nicht richtig. Jeder kann lernen, widerstandsfähiger zu werden. Resilienz, also die psychische Widerstandskraft, ist die Fähigkeit, Krisen und Belastungen zu bewältigen und dabei die psychische Gesundheit aufrechtzuerhalten oder rasch wiederherzustellen. Das Stehaufmännchen ist eine gute Metapher dafür.“ Welche Faktoren sind wichtig? Dr. Beraldi: „Man geht von sieben Resilienz-Faktoren aus, die dazu führen, dass man mit Herausforderungen besser zurechtkommt. Dazu gehören: optimistisch sein, Situationen akzeptieren, Lösungen finden, die Opferrolle verlassen, Verantwortung übernehmen, Kontakte knüpfen und die Zukunft planen. Man muss aber nicht über alle Resilienz-Faktoren verfügen – das geht auch gar nicht.“

Kann man diese Resilienz lernen?
Dr. Beraldi: „Mit geeignetem Training kann sich jeder diese Fähigkeit aneignen. Wichtig ist, dass man bei kleineren, nicht so gravierenden Anforderungen übt, wenn die Stresssituation noch gut handhabbar und nicht existentiell ist, zum Beispiel bei kleineren Konflikten mit Kollegen am Arbeitsplatz. Dann ist man auch auf größere Herausforderungen besser vorbereitet. Hilfreich ist es auch, bei sich selbst zu erkennen, welche Faktoren bisher dazu beigetragen haben, dass man mit Belastungen erfolgreich umgehen konnte. Und diese Faktoren kann man dann bewusst einsetzen.“ Gibt es auch Grenzen des Lernbaren? Dr. Beraldi: „Ja, leider ist nicht alles erlernbar. Resilient zu handeln bedeutet auch zu akzeptieren, dass man nicht alles kontrollieren und nicht alles im Griff haben kann. Die menschliche Verletzlichkeit zu akzeptieren ist ein wichtiges Thema, das in unserer leistungsorientierten Gesellschaft verdrängt wird. Ich glaube, dass Menschen mit Krankheiten und Tod früher besser umgehen konnten, da diese mehr als Teil der menschlichen Existenz angenommen wurden als heute.“ Wie übt man situationsbedingte Lösungen ein? Dr. Beraldi: Situationsbedingte Lösungen erfordern, dass man die Situation kennt. Und das ist in der aktuellen Krise gerade ein Problem. Einerseits fehlen die Vorerfahrungen und anderseits wird man immer wieder mit neuen und sich widersprechenden Informationen konfrontiert. Die Situation sollte man lösungsorientiert – also mit einem Resilienz-Faktor – angehen. Allerdings haben uns gerade die lösungsorientierten Ansätze wie Kontaktsperren oder Schulschließungen in unserer Autonomie stark eingeschränkt. Wir erleben Verlust von Kontrolle und Selbstbestimmung, was der menschlichen Psyche nicht gut bekommt.“

Was heißt das konkret für die Angst vor dem Coronavirus?
Dr. Beraldi: „Wenn man den Feind kennt, kann man eine passende Strategie entwickeln. Die Schwierigkeit ist aktuell, dass wir den Feind nicht sehen und ihn nicht kennen. Wichtig ist, dass wir uns an Informationsquellen halten, die kompetent und zuverlässig sind. So können wir die Angst vor einer Ansteckung im Zaum halten. Dass wir sachlich und rational bleiben. Also unsere Vernunft bestimmen lassen und nicht unsere Gefühle. Da Gefühle handlungssteuernd sind, sollten wir hinterfragen, ob sie gerade wirklich angemessen sind. Als Italienerin habe ich besonders die Situation in Italien verfolgt und wie die Menschen damit umgehen. Es kursieren Videos in den Sozialen Medien, die über Humor eine stress- und angstreduzierende Wirkung artikulieren. Plakate mit der Botschaft ‚ce la faremo‘ (wir schaffen das) können den beiden Resilienz-Faktoren ‚Optimismus‘ und ‚Opferrolle verlassen‘ zugeordnet werden.“ Welche Rolle spielen soziale Kontakte für Resilienz? Dr. Beraldi: „Soziale Kontakte sind ein wichtiger Schutzfaktor. Deshalb ist es sehr hilfreich, sich nicht abzukapseln und in der eigenen Suppe zu schwimmen, sondern aktiv soziale Unterstützung durch Beziehungen zu suchen. Wenn man Beziehungen pflegt, gibt das viel Kraft und Selbstvertrauen. Man fühlt sich nicht allein. Das Bedürfnis von Gemeinschaft und Zugehörigkeit wird erfüllt, und das tut der Psyche gut. Es geht aber auch um faktische und materielle Unterstützung, etwa indem man sich professionelle Hilfe holt, wenn man den Eindruck hat, es allein nicht mehr zu schaffen.“

Die aktuelle Krise ist für den einzelnen Menschen nicht zu lösen. Was raten Sie?
Dr. Beraldi: „Es kommt darauf an, was wir unter einer Lösung verstehen. Wenn der Lebenspartner stirbt, man mit einer chronischen Erkrankung leben muss, den Arbeitsplatz verliert oder man eigene wichtige Ideale nicht leben kann, gibt es keine Lösung im eigentlichen Sinn. Hier geht es um eine angemessene Trauerarbeit und um Akzeptanz, übrigens ein weiterer Resilienz-Faktor. Es geht auch darum, in der Krise eine Balance zu finden zwischen gesunder Ablenkung, Aushalten, Reden und Verarbeiten. All das trägt zur Aufrechterhaltung der psychischen Stabilität bei. Optimisten, Menschen mit einem Grundvertrauen, tun sich da etwas leichter. Sie können jeder Situation etwas Positives abgewinnen.“

Also können wir aus der Corona-Krise auch positive Erfahrungen ziehen?
Dr. Beraldi: „Auf jeden Fall. Ich würde mir wünschen, dass wir diese Zeit des Rückzugs und der Entschleunigung nutzen, um unser Leben und die bisher für selbstverständlich gehaltenen Entwicklungen in unserer Gesellschaft zu reflektieren, neue Werte und Prioritäten zu entdecken, Mut zu haben, Fehler zuzugeben und eine neue Ausrichtung zu wagen. Wir haben durch die Krise auch die Chance, über den Wert des Lebens und unseren Umgang mit Angst, Erkrankung und Tod zu reflektieren. Wem es gelingt, durch Refraiming, also Neu-Bewertung, eine andere Sicht zu gewinnen, kann die Krise als Chance nutzen.“

Barbara Falkenberg

Wissen, was dahoam los ist: Kreisbote auf Facebook

Auch interessant

Meistgelesen

Tödlicher Badeunfall am Riegsee
Tödlicher Badeunfall am Riegsee
Rosi Mittermaier feiert ihren 70. Geburtstag
Rosi Mittermaier feiert ihren 70. Geburtstag
Realbrandausbildung: Feuerwehrler bereiten sich für den Ernstfall vor
Realbrandausbildung: Feuerwehrler bereiten sich für den Ernstfall vor
Durchstarten trotz Corona – welche Jobs jetzt gefragt sind
Durchstarten trotz Corona – welche Jobs jetzt gefragt sind

Kommentare