Der vergessene Blaue Reiter

Das Schlossmuseum Murnau zeigt Bilder des Russen Wladimir von Bechtejeff

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Begegnung am Fluss (Heydt-Museum Wuppertal).

Murnau – Arbeiten des Russen Wladimir von Bechtejeff zählen auf dem Kunstmarkt zu den gefragtesten Werken der Klassischen Moderne.

Das liegt an zwei Faktoren: Bechtejeff gehört zur Künstlergruppe „Der blaue Reiter“. Allerdings kam er nie aus dem Schatten von Wassily Kandinsky, Franz Marc, Alexej von Jawelensky, Gabriele Münter und den anderen Berühmtheiten heraus. Durch sein Schicksal ist er nahezu vergessen. „Das ist schade“, findet Dr. Sandra Uhrig vom Schlossmuseum Murnau, und zeigt während der kommenden Monate die europaweit erste Bechtejeff-Retrospektive mit Gemälden und Graphiken.

Wladimir Georgewitsch von Bechtejeff wird am 15. April 1878 in Tambow bei Moskau geboren. Dort besucht er die Militärschule und wird Leutnant. Nicht lange. Ab 1902 studiert Bechtejeff Malerei an der Akademie der Künste in Moskau. Dort bleibt er nur wenige Wochen, folgt Alexej von Jawlenski nach München, der ihn für ein Naturtalent hält. In Bayern studiert er bei Heinrich Knirr an der Akademie für bildende Künste. Auch nicht lange: Mit seinem Landsmann Alexander von Salzmann und Adolf Erbslöh reist Bechtejeff nach Italien, Spanien und Tunesien – hier entsteht beispielsweise eine flirrende Marktszene ‚Porte de France‘; das Ölbild befindet sich heute im Besitz der Galerie im Lenbachhaus.

Es folgt ein dreijähriger Studienaufenthalt im Pariser Atelier von Fernand Cormon. 1909 kehrt er nach München zurück, stellt bei der Sezession aus und wird Mitglied der ‚Neuen Künstlervereinigung München‘. Als dieser Zusammenschluss zerbricht, gehört Wladimir von Bechtejeff zu den Gründungsmitgliedern der Gruppe ‚Der blaue Reiter‘. Er nimmt aber an den beiden Münchner Ausstellungen dieser Gruppe nicht teil. Vielmehr reist er nach Moskau und zeigt dort 1912 seine Arbeiten gemeinsam mit der Künstlergruppe ‚Die Stellschraube‘. Zu der Zeit entstehen die wohl bekanntesten Gemälde: ‚Rossebändiger‘ (Städtische Galerie im Lenbachhaus, München). ‚Begegnung am Fluss‘ (Heydt-Museum Wuppertal) und ‚Amazonenjagd‘ (Privatbesitz). Beim Ersten Deutschen Herbstsalon in Berlin (1913) ist der Künstler mit vier Arbeiten vertreten. Dann kommt der Erste Weltkrieg und Bechtejeff muss Deutschland verlassen. Just in dem Moment, als er mit dem Schriftsteller Hugo Ball an einem Theaterprojekt arbeitet, das allerdings nicht zu Ende gebracht wird. Als Leutnant wird er in Russland sofort zum Militärdienst eingezogen. Seine künstlerische Karriere bricht abrupt ab; auch wenn 1915 sein – wie er selber sagt – bestes Gemälde entsteht: Das Selbstportrait ‚Harlekin‘ (The collection of Boris and Marina Molhanov). Von 1918 an arbeitet Bechtejeff als Archivar der Moskauer Kommission für Denkmalschutz. Zeitgleich nimmt er an der Ausstellung „Vom Impressionismus zur Abstraktion“ in Moskau teil – und war 1925 auf der Weltausstellung in Paris vertreten. 1921/22 wird er künstlerischer Leiter des Staatszirkus Moskau – und entwirft einen Bühnenvorhang für die Manege. Mit der Machtübernahme durch Josef Stalin zieht sich Bechtejeff aus der Öffentlichkeit zurück. Trotzdem entstehen im Verborgenen Gemälde, Aquarelle und Gouachen. 1941 wird Bechtejeff nach Sibirien deportiert und mit Malverbot belegt. Trotzdem machte er heimlich feinste Bleistift- und Tuschzeichnungen. Es entsteht auch ein Kartenspiel mit asiatischen Motiven. 1949 darf Wladimir von Bechtejeff die Verbannung verlassen. Er stirbt am 21. Juni 1971 in Moskau.

Im Schlossmuseum Murnau sind rund 60 Gemälde und Grafiken zu sehen; Leihgaben aus Deutschland, Russland, Frankreich und Schweiz – dortige Galerien und Museen kauften Bechtejeff-Gemälde bereits vor dem Jahr 1914. Museumsleiterin Dr. Sandra Uhrig: „Bechtejeff ist in seiner Arveit stark von Alexej von Jawlensky beeinflusst. Wir zeigen nicht nur sein Frühwerk, sondern erstmals in Westeuropa auch Arbeiten aus der russischen Periode.“

Es erscheint ein Katalog mit einer auf Deutsch publizierten Autobiographie. Schlossmuseum Murnau: Donnerstag, 22. März bis Sonntag, 1. Juli (montags Ruhetag).

von Günter Bitala

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