Selbstbewusst das Leben gestalten – Gastvortrag von Dr. Peter Radtke zum Thema Lebensqualität trotz Behinderung

Ein gesundes Selbsbewusstsein gibt Diskriminierung durch Außenstehende gar nicht erst eine Plattform, sagt Radtke. Foto: Veranstalter

Der Sozialdienst Katholischer Frauen und die Kreisjugend- und Erwachsenenhilfe widmeten vor kurzem einen Tag dem Thema „Selbsbestimmung und Achtung der Grundrechte in der rechtlichen Betreuung“. Dafür konnten sie einen Referenten gewinnen, der mit viel Kenntnis und Erfahrung zum Thema sprach: Durch Glasknochen an den Rollstuhl gefesselt und durch sein Engagement für Menschen mit Behinderung unter anderem als Mitglied des Nationalen Ethikrates ist er vielen ein bekanntes Gesicht.

In seinem Vortrag „Ende der Diskriminierung?“ sprach er vor gut 60 Zuhörern über Lebenswert, Lebensqualität und Selbstbewusstsein und fand mit seinem großen Wissen und seiner Präsenz großen Zuspruch. Er erörterte aufgrund seiner eigenen Erfahrungen, ob am Ende dieser Überschrift ein Fragezeichen oder ein Punkt angebracht wäre. Menschen mit einer Behinderung, v.a. wenn diese sichtbar ist oder sich im äußeren Verhalten ausdrückt, werden sofort als das Andere, das Fremde wahrgenommen. Die Diskriminierung erfolgt dementsprechend laut Radtke in zwei Schritten: Zuerst kommt die Kenntlichmachung durch Unterscheidung und anschließend die meist negative Bewertung. Hierbei habe die Deutsche Geschichte im Dritten Reich bis heute Spuren hinterlassen. „In unseren Tagen ist das verheerende Bild der ,nutzlosen Esser’, wie es von einem menschenverachtenden Regime verbreitet wurde, noch immer nicht völlig aus den Köpfen der Mitmenschen verschwunden. Es trifft auf eine tiefe Aversion gegen alles, was nicht der Produktivität dient. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft und das macht sich auch im Maß der Diskriminierung, sprich der Geringschätzung gegenüber jenen bemerkbar, die nicht im Rennen um Wachstum und Bruttosozialproduktsteigerung mithalten können“, sagt Radtke. Neben politischen Entscheidungen, die Selbstbestimmung und Teilhabe fördern, sei aber auch eine Bewusstseinsentwicklung aller gefragt, die den Wert des Lebens schätzt und Angst vor „Fremdem und Unbekanntem“ abbaut. Grobe Diskriminierung wie beleidigende Worte oder offene Aversion gegen Menschen mit Behinderungen seien zum Glück zwar äußerst selten geworden, berichtet Radtke. Aber es gebe viele versteckte Diskriminierungen, z.B. wenn einer Mutter, die „Ja“ zu ihrem behinderten Kind gesagt hat, sich den Alltagsstrapazen stellt, die das Leben mit einem behinderten Angehören mit sich bringt, hören müsse: „Aber das hätte es doch heute nicht nötig gehabt, bei unserem Fortschritten in der Medizin. Haben Sie denn keine Pränataldiagnostik gemacht?“ Aber nicht nur die Umwelt sondern auch die Betroffen müssten selbst zu einem neuen gleichberechtigten Miteinander beitragen, forderte Radtke. Viele Menschen mit einer Behinderung neigten dazu, alles was ihnen an Ablehnung widerfährt, auf ihre Behinderung zu schieben. Manchmal sei es aber auch ganz einfach ihre persönliche Art, die zum negativen Verhalten ihrer Umwelt beitrage. Insgesamt gehe es darum, Selbstbewusstsein aufzubauen, nicht das Urteil der Diskriminierenden als eigenes Urteil zu verinnerlichen, sich als Belastung zu empfinden, zu sich selbst „Ja“ sagen zu önnen, wenn man will, dass andere zu einem „Ja“ sagen. Der Aufbau eines stabilen Selbstwertgefühls sei also der erste Schritt zum Abbau von Diskriminierung durch Außenstehende. „Vor kurzem wurde ich in einer Fernsehtalkshow gefragt, ob ich häufiger in den Spiegel schaue. Wahrheitsgemäß verneinte ich. Das Bild, das ich von mir vor meinem geistigen Auge habe, ist ein anderes als das, was mir aus dem Spiegel entgegen tritt. Ich will mich nicht herabziehen lassen, ich will mich nicht mit den Augen anderer sehen. Dann würde ich nämlich vor allem an den sichtbaren Defiziten hängen bleiben und die Stärken, die nicht im Äußeren in Erscheinung treten, übersehen.“

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