Studie fordert zum Umdenken auf

BUND Naturschutz übt Kritik am Massentourismus in den Alpen

Touristen stehen an der Partnachklamm in der Warteschlange
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An der Partnachklamm war schon immer viel los. Im Coronajahr hat sich der Andrang nochmal verstärkt.

Region ‒ Kilometerlange Staus, zugeparkte Ortschaften und Karawanen von Menschen auf Wanderwegen. Der BUND Naturschutz in Bayern (BN) hat die Studie „Von der Traumlandschaft zum übernutzten Berggebiet“ erarbeitet, die alarmierende Entwicklungen aufzeigt. Darin hat er auch Vorschläge erarbeitet.

„Als Lehre aus dem Coronajahr müssen wir jetzt die Weichen für einen dauerhaft natur- und umweltverträglichen Tourismus in den bayerischen Alpen stellen“, so Richard Mergner, Landesvorsitzender des BUND Naturschutz. „Dazu gehört, den Individualverkehr nach der Pandemie zugunsten von Bus und Bahn deutlich zurückzudrängen, keine zusätzlichen touristischen Kapazitäten zu schaffen und den alpinen Individualsport in naturverträgliche Bahnen zu lenken.“

Die Coronakrise habe gezeigt, was es bedeutet, wenn der internationale Flugreise-Tourismus massiv verringert und auf Reiseziele in Deutschland verlagert wird. Aus Klimaschutzsicht sei es notwendig, den internationalen Flugverkehr dauerhaft auf deutlich geringerem Niveau zu halten. Damit jedoch gleichzeitig die Natur- und Umweltqualität in den bayerischen Tourismusregionen, insbesondere dem Alpenraum, erhalten bleibt, müssten nun die nötigen Weichen gestellt werden. Die zentralen Forderungen des BN lauten:

1.  Kurzfristige Maßnahme: Skipisten für Tourenski- und Schneeschuhgänger freigeben

Der BN kritisiert die Sperrung von Pisten für Individualsportler: „Den Tourismus in naturverträgliche Bahnen zu lenken heißt nicht, die Gäste zu bekämpfen“, betont Axel Doering, Sprecher des BN-Landesarbeitskreises Alpen. „Deswegen sollte das Skibergsteigen auf Pisten zugelassen werden, weil die Belastung nicht höher ist als wenn die Lifte offen wären und dafür ruhige Gebiete geschont werden.“

2.  Radikales Umsteuern in der Verkehrspolitik

Im aktuellen Bundesverkehrswegeplan und Staatsstraßenausbauplan sind laut Studie der BUND Naturschutz über 130 Straßenneubau- und Straßenausbauprojekte enthalten. Darunter kostspielige Kapazitätssteigerungsprojekte wie der autobahngleiche Ausbau der B12 ins Allgäu, der vierstreifige Ausbau der B2 bis vor die Tore von Garmisch-Partenkirchen oder der sechsstreifige Ausbau der A8 von München Richtung Salzburg.

Der BN fordert einen sofortigen Stopp des Straßenaus- und -neubaus und eine Verlagerung der Finanzmittel in einen attraktiven und leistungsfähigen ÖPNV, um dem alpinen Verkehrskollaps in den Tourismusorten zu entkommen. Die BN-Studie zeige auf, dass das Tageseinzugsgebiet von Oberstdorf vor allem durch Straßenausbauten in den vergangenen 50 Jahren von 660 000 auf über 8,5 Millionen Menschen angestiegen sei. Ziel müsse es sein, den Tagestourismus zu Gunsten eines qualitativ verbesserten Übernachtungstourismus zurückzudrängen.

3.  Keine Kapazitätssteigerungen von touristischen Infrastrukturen mehr

Die Kapazitäten von touristischen Infrastrukturen wie Bergbahnen und Lifte wurden in den vergangenen Jahrzenten mit Hilfe von Steuermitteln des Freistaates Bayern ständig gesteigert, wie die Studie zeigt. Damit müsse Schluss sein, da durch die meisten Infrastrukturen immer noch mehr Menschen in die alpinen Ruheräume gelockt und transportiert würden. Stattdessen solle die bayerische Seilbahnförderung nur noch einen Bestandserhalt finanzieren, wie ihn beispielsweise die Gemeinde Bad Kohlgrub mit ihrer Hörnlebahn plant. Hier soll der gemütliche Sessellift erhalten bleiben, um den Naturraum nicht zu überlasten. Bisher würden Zuschüsse nur bei Ausbauvorhaben, nicht aber bei Ersatzinvestitionen gezahlt.

4.  Individualtourismus in Bahnen lenken: Alpenplan 2.0

Die Individualisierung der Gesellschaft breite sich auch seit Jahren im Tourismus aus – bei Sommer- wie auch bei Winteraktivitäten. Im Coronajahr 2020 wurden so viele E-Mountainbikes wie nie zuvor gekauft. Vor dem Weihnachtslockdown sind die Verkaufszahlen von Tourenski in die Höhe geschnellt. Dies seien nur zwei Beispiele für vielfältige Individual-Outdoorsportarten, deren Nutzer immer mehr werden und immer weiter in bisherige Ruheräume der Alpen vordringen. Die bayerischen Alpen würden daher einen Alpenplan 2.0 brauchen, ein Zonierungskonzept für Individualsportarten. Darin sei dargestellt, welche Outdoorsportarten in welchen Räumen problemlos möglich sind, und wo diese aus Naturschutzgründen zu unterlassen sind. Ein solches Zonierungskonzept müsse dann auch rechtsverbindlich sein, fordert der BN. (kb)

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