Ein Zuwanderer, der polarisiert

Wie sollen wir mit dem Wolf umgehen?

Wolf steht im Wald hinter einem Baum
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Naturschützer heißen ihn willkommen, Landwirte sorgen sich um ihre Herden: Der Wolf ist auch in unserem Landkreis ein emotional diskutiertes Thema.

Landkreis GAP - Der Wolf ist ursprünglich ein wichtiger Teil des Ökosystems Wald, doch für unsere Weidetierhalter ist er vor allem ein Problem. Immer wieder steht der Umgang mit ihm in Diskussion. Die einen wollen ihn bejagen, die anderen wollen ihn schützen. Kaum ein Thema polarisiert mehr, besonders in den Bergregionen. Wir haben auf beiden Seiten nachgefragt: beim Bayerischen Bauernverband und beim BUND Naturschutz.

Für Walter Heidl, Präsident des BBV, ist es ganz einfach: „Der Wolf muss zur Bejagung freigegeben werden, zumindest in bestimmten Regionen. Wenn wir nicht handeln, dann stirbt die Weide. Wir brauchen eine vernünftige Jagd.“ BBV-Kreisobmann Klaus Solleder drückt es etwas vorsichtiger aus: „ Unsere Kundgebung war nicht darauf ausgelegt, dass der Wolf ausgerottet werden soll. Einzelne Tiere, die keinen Schaden anrichten, sind meiner Meinung nach nicht das Problem. Wir befürchten allerdings, dass es nicht dabei bleiben wird.“

Der Wolf ist nicht mehr vom Aussterben bedroht. Sein Schutzstatus sollte heruntergeschraubt werden.

Klaus Solleder, Bayerischer Bauernverband, Kreisobmann Garmisch-Partenkirchen

Solleder ist sich sicher, dass die Almbauern ihre Arbeit aufgeben, wenn der Wolf sich weiterhin stark ausbreitet. In der Folge würde die Berglandschaft verwildern, was dazu führe, dass keine Touristen mehr kämen. „Ohne Weidewirtschaft ist unsere Landwirtschaft allgemein in Gefahr, denn die Futterflächen im Tal sind begrenzt, wir brauchen die Almen im Sommer für unsere Nutztiere.“ Der Wolf habe sich in Deutschland rasant ausgebreitet. Er sei nicht mehr vom Aussterben bedroht. „Der Schutzstatus des Wolfes sollte heruntergeschraubt werden. Es ist wichtig, dass sich die Politik damit auseinandersetzt, auch auf EU-Ebene, denn das ist ein länderübergreifendes Problem“, fordert Solleder. Der BBV vertritt den Standpunkt, dass Zonen festgelegt werden sollen, in denen der Wolf bejagt werden darf. Gebiete, in denen es Weidewirtschaft gibt, sollen „wolfsfreie Zonen“ sein.

Wichtige Funktion zum Schutz des Waldes

Die Sorgen der Weidetierhalter im Landkreis kann Axel Doering, Kreisvorsitzender des BUND Naturschutz, durchaus verstehen: „Bei uns ist der Herdenschutz sehr schwierig, besonders im Gebirge, wie im Reintal oder Karwendel. Die Schafe verteilen sich dort frei auf die Fläche.“ Eine Umzäunung sei daher nicht möglich. Auch Herdenschutzhunde würden verweigert aus Furcht, es könne Schwierigkeiten mit Touristen geben. „Aber der Wolf gehört in unser Ökosystem. Er hat eine wichtige Funktion, vor allem zum Schutz des Waldes.“ Zu 50 Prozent frisst der Wolf Rehe, etwa 15 bis 20 Prozent der Nahrung bestehen aus Rotwild, wie Doering erklärt. Nur einen geringen Anteil würden Nutztiere ausmachen.

Wir können uns wieder an den Wolf gewöhnen.

Axel Doering, BUND Naturschutz, Kreisvorsitzender Garmisch-Partenkirchen

„Der Wolf grenzt die Wildpopulationen ein, auf natürliche und gesunde Weise. Er reißt nur die schwachen Tiere. Von den starken lässt er ab. Die Flinte kann da nicht unterscheiden.“ Für Doering kann das Abschießen des Wolfes nicht die Lösung sein: „Früher oder später kommt er zurück.“ Er halte sich nicht an vorgegebene Zonen. Einen Kompromiss sieht er darin, Ausnahmegenehmigungen durch die Naturschutzbehörde zuzulassen. Für einzelne Wölfe, die es besonders auf Nutztiere abgesehen haben. Außerdem hält er es für richtig, dass die Landwirte für den Verlust ihrer Tiere entschädigt werden. Auch Doering räumt ein: „Die Problematik wird sich in Zukunft verschärfen, der Wolf wird sich weiter ausbreiten.“ Seiner Meinung nach sollten Mensch und Tier unbedingt lernen, mit ihm zu leben, so wie es früher der Fall gewesen sei. „Selbst die Nutztiere können lernen, Wolfszonen im Gebirge zu meiden. Wir können uns wieder an den Wolf gewöhnen“, zeigt sich Doering überzeugt.
Conie Morarescu

Fakten zum Wolf in Deutschland

Im Jahr 2000 wurden erstmals wieder Wolfswelpen in Deutschland geboren. Laut der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes (DBBW) wurden im Monitoringjahr 2018/19 105 Rudel, 29 Paare und 11 Einzeltiere gezählt. 2017/18 waren es 77 Rudel, vier Paare und drei Einzeltiere. Ein Rudel besteht aus einem Elternpaar mit Nachwuchs.

Die wolfsverursachten Nutztierschäden haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Im Jahr 2015 waren es weniger als 800 gerissene Nutztiere, im Jahr 2019 bereits über 2.800. Meist handelt es sich um Schafe oder Ziegen. Besonders betroffen sind die nördlichen Bundesländer Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein, wo das Vorkommen am größten ist.

Im Landkreis Garmisch-Partenkirchen wurden bisher fünf gerissene Nutztiere gemeldet, allesamt im Juli 2020, wie das Landratsamt mitteilt.

Bei Verlust von Nutztieren durch Wolfsangriffe und bei den Herdenschutzmaßnahmen unterstützt der Staat die Landwirte durch Präventions- und Ausgleichszahlungen. 2019 wurden über 8 Millionen Euro für Herdenschutzmaßnahmen bewilligt und rund 418.000 Euro Ausgleich an die Landwirte geleistet. (moc)

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