Elementar zeichnen

Ostertradition: Andreas Kloker zaubert vergängliche Wasserbilder

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Der Kalligrafiker und Plastiker Andreas Kloker malt mit Wasser auf eine Tafel. Was beim Trocknen entsteht, ist verblüffend und regt das Kopfkino an.

Schondorf – Am Anfang steht das Einsprühen der Tafel mit Kreidewasser. Und dann wird gewischt, gesprenkelt, Linien werden gezogen, Flächen erzeugt. Alles mit ein bisschen Kreide und Wasser. Bei Andreas Klokers schon traditioneller Performance der Elementar Zeichnungen „Vor Ostern“ im Schondorfer Studi Rose entwickeln sich ungeahnt spannende Bilder aus dem Nass und verschwinden wieder im Nichts.

Die Tafel steht im Scheinwerferlicht. Kloker mit seiner typischen weißen Kappe benetzt die Oberfläche mit Kreidewasser. Danach greift er zu einem breiten Reisigbesen und verteilt die Flüssigkeit in großen Kreisen und Schlingen. Setzt sich davor und wartet. Denn jetzt beginnt der Zauber: Beim Trocknen des Wassers enthüllen sich abstrakte Muster. Frei zur Interpretation regen sie die Fantasie des Betrachters an. Und da sie sich in ständiger Veränderung befinden, scheinen sie nahezu lebendig. 

Für seine Elementar Zeichnungen verwendet Kloker breite Putzfeudel oder dünne Stoffballen, umfunktionierte Besen, Pinsel und auch konkrete Schablonen. Zum Beispiel die einer stehenden Figur. Die drückt er in einen noch vollkommen dunklen, nassen Kreis. Zuerst ist nichts zu erkennen, aber beim Trocknen zeigen sich die Umrisse der Figuren und erzeugen so ganze Menschenansammlungen auf der vormals schiefergrauen Tafel. 

Aus floralen Mustern entwickeln sich Gesichter, aus Wischmustern entstehen Wolken, in einem Kreis zeigt sich ein Kreuz. Linien verblassen und geben darunterliegenden Formen Raum, wodurch sich wieder ganz neue Bilder entwickeln. Begleitet wird Klokers Aktion durch eine Tuba. Fragende Quintensprünge, leise Töne, hoch und tief, dazwischen mit Stimme gesummt. Die Noten dazu sind bildlich: Jedes Motiv Klokers ist mit Bleistift aufgemalt, dazu einzelne Wörter wie „still“, „laut“ oder „tief“. So ergibt sich ein harmonisches Ganzes: Künstler, Musik und Betrachter. 

Kloker malt einen Kreis, Auge und Nase: ein Kleinkind, gegen dessen Vergehen er immer wieder anpinseln muss. Und bei jedem weiteren Pinselstrich wird das Gesicht älter. Reift, bis letztendlich der Schwamm es auslöscht. Doch so ganz weg ist es nicht: Nach dem Trocknen kommen die Umrisse wieder zum Vorschein. In gewisser Weise erinnert Klokers Aktion an Kalligrafie, die ebenfalls meditative Aspekte hat. Nicht umsonst nennt sich Kloker selbst Kalligraf und Plastiker. Diese „Schrift“ verschwindet zwar. Jedoch hallen die zahlreichen Assoziationen beim Zuschauen noch lange im Betrachter nach. 

Nach einer knappen Stunde beendet der Künstler seine Tafelmalerei. Er signiert die nun wieder leere, schiefergraue Tafel gemeinsam mit dem Musiker: „20:56 Uhr, vor Ostern.“ Und die bis dahin anhaltende, strenge Stille bricht zum Applaus der zahlreich erschienenen Zuschauer.

ks

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