Emotionaler Prozess: Angeklagter wegen Totschlags verurteilt

Elf Jahre Haft für Messerstecher

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Zu elf Jahren Haft wurde der 50-jährige Russlanddeutsche - hier im Gespräch mit seinem Pflichtverteidiger - am vergangenen Dienstagnachmittag verurteilt.

Kempten/Kaufbeuren – „Du Mörder, warum hast du meinen Sohn genommen?“ Mit lauten Rufen und vielen Tränen auf Seiten der Angehörigen des 23-jährigen Devran H., der am 13. April diesen Jahres nach einen Messerstich vor einer Sportsbar in Neugablonz ums Leben kam, wurde am vergangenen Dienstag der Prozess im Landgericht Kempten fortgesetzt. Nachdem die Beweisaufnahme geschlossen wurde, plädierte die Staatsanwaltschaft für eine Gesamtfreiheitsstrafe von zwölf Jahren, die Verteidigung auf Freispruch des mutmaßlichen Täters. Das Urteil für den 50-jährigen Russlanddeutschen lautete auf elf Jahre Haft.

Verurteilt wurde der Angeklagte wegen Totschlags mit gefährlicher Körperverletzung. „Es gibt keinen Anhaltspunkt, dass das Opfer den Angeklagten angreifen wollte“, so die Begründung des Richters Christoph Schwiebacher am späten Dienstagnachmittag. Eine objektive Notwehrlage habe zu keinem Zeitpunkt bestanden und somit auch keine Rechtfertigung für die Tat. Aber gerade auf Notwehr hatte sich die Pflichtverteidigung in ihrem Plädoyer gestützt. „Alkoholbedingte Hemmschwelle hin oder her, bei einem Stich in den Oberkörper ist klar, dass die Verletzung lebensgefährlich ist“, betonte Schwiebacher. „Das Opfer hatte keine Überlebenschance.“

„Der Angeklagte wollte aus meiner Sicht die Auseinandersetzung“, betonte Staatsanwalt Bernhard Menzel. „Er wollte sie mit einem Messer führen und beenden, was er auch geschafft hat.“ Die Anklageschrift gehe zwar nur von bedingtem Vorsatz aus, davon könne man allerdings bei einem direkten Stich ins Herz, ohne „fuchteln“, nicht sprechen. Eine Rechtfertigung für die Tat des gebürtigen Kasachen gebe es nicht, schließlich habe es zum Zeitpunkt des Messerstichs keinen Angriff von Seiten des Opfers gegeben, weshalb man vielmehr von einem direkt vorsätzlichen Tötungsdelikt ausgehen müsse, so Menzel.

Nicht aus Notwehr gehandelt

Auch die Nebenklage konnte keine Notwehr feststellen. Es habe sich um einen „schnellen, massiven, gewaltvollen Stich“ in eine sensible menschliche Körperregion gehandelt, bei dem sogar das Brustbein durchstochen wurde. Zudem habe die Rechtsmedizin keine Abwehrhandlung bei dem verstorbenen Devran feststellen können. Das Opfer musste also von dem Angriff überrascht worden sein. Die Folgen der Tat seien auch für die Angehörigen schwerwiegend. Die Mutter sei seit dem Vorfall im April am Ende, befinde sich in psychiatrischer Behandlung, der Vater bewältige seine Trauer, indem er sich zurückzieht und kaum mehr spricht, der Bruder versuche mit viel Arbeit die Familie über Wasser zu halten. „Er hat die ganze Familie zerstört“, waren sich die Nebenkläger einig. Sie plädierten auf eine Gesamtfreiheitsstrafe von zwölfeinhalb beziehungsweise 14 Jahren.

Offizieller Abschied von Devran

Seit 1990 wohnt der Angeklagte in Deutschland, von Anfang an sehr integriert, so seine Verteidigung. Auch auf seiner Seite sei durch die Tat viel Leid entstanden, die Familie sei stark betroffen von dem, was passiert ist. Der Angeklagte wisse schließlich, wie es ist, sein Kind zu verlieren. Seine Tochter sei an Krebs gestorben, die Familie habe damals einen wirtschaftlichen und mentalen Zusammenbruch erlitten, wodurch sich der Angeklagte in die Arbeit im Palettenservice geflüchtet habe. Zwölf bis 14 Stunden täglich habe er gearbeitet, am Abend der Tat sei er erstmals wieder etwas trinken gegangen. Eine „massive Alkoholaufnahme“ fand zuvor in privatem Rahmen in der Werkstatt statt, bevor es – noch in Arbeitskleidung – in die Sportsbar ging. Das Arbeitsmesser habe sein Mandant also zufällig bei sich getragen, so die Pflichtverteidigung.

Wie berichtet, hatte der Streit durch eine verbale Auseinandersetzung zwischen dem angeklagten Russlanddeutschen und einer Service-Kraft der Sportsbar begonnen, weil der 50-Jährige rauchen wollte. In den Streit hatten sich die vier türkischstämmigen Männer rund um den 23-jährigen Devran eingemischt. Die Auseinandersetzung verlagerte sich kurze Zeit später nach draußen, wo es schließlich zum später tödlichen Messerstich kam.

Wie schon vergangene Woche, fand auch der zweite Prozesstag unter hohen Sicherheitsvorkehrungen statt. Der Gerichtssaal war voll besetzt – überwiegend mit türkischstämmigen Zuhörern, viele trugen schwarze T-Shirts mit einem aufgedruckten Bild von Devran. So wie sie begann, endete auch die Verhandlung: sehr emotional, mit Applaus und Dankesrufen von Angehörigen und Freunden. „Ich kann nur sagen, dass es mir wirklich leid tut“, so die letzten Worte des Verurteilten.

von Lea Stäsche

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